von unserer Mitarbeiterin Katja Nauer

Coburg/Kronach — "Mein Bruder wollte das mit ins Grab nehmen", erzählt der jüngere der beiden Männer vor dem Coburger Gericht. "Er schämt sich sehr." Er selbst sei sechs oder sieben Jahre alt gewesen, als sein Onkel, "Spielchen mit ihm spielen" wollte - der erste von mehreren sexuellen Übergriffen des Onkels - geschehen im nördlichen Landkreis Kronach. "Ich habe ihm vertraut", erklärt der junge Türke. Auch sein große Bruder, zum damaligen Zeitpunkt elf Jahre alt, sei vom Bruder seines Vaters unter Androhung von Schlägen und Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden.
2012 - da liegen die ersten Übergriffe bereits rund 14 Jahre zurück - vertraut sich der jüngere Bruder der Mutter an: "Wenn du wüsstest, was der früher mit uns angestellt hat." Damit brachte er einen Stein ins Rollen, der in eine Anklage gegen den heute 35-jährigen Onkel aus dem nördlichen Landkreis Kronach wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in elf Fällen mündete.

Alle Kontakte abgebrochen

Am zweiten Verhandlungstag spricht erst der jüngere der beiden Brüder - heute 22 Jahre alt - über die Erlebnisse, die ihn noch immer traumatisierten: "Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen", sagt der junge Mann, der mittlerweile in Coburg wohnt. Er habe sich von der Außenwelt distanziert, alle Kontakte abgebrochen und sich eingeigelt. Eine Kronacher Psychotherapeutin bestätigt: "Er wirkte sehr gehetzt, unruhig und stark belastet." Zudem habe er eine Neigung zum Grübeln, sei depressiv und fühle sich schuldig, weil er seinem älteren Bruder zugemutet habe, öffentlich auszusagen. In türkischen Familien sei es nicht üblich, Kinder sexuell aufzuklären, habe er ihr erzählt. Damals habe er gar nicht einordnen können, was ihm als Sechsjähriger passiert sei. Sie versichert, dass der junge Türke auf sie durchaus glaubhaft gewirkt habe.
Anfang 1992 habe sie gegen ihren Willen die beiden Brüder ihres Mannes in die Wohnung ihrer Familie aufnehmen und versorgen müssen, erklärt die Mutter dem Gericht. Später sei der Angeklagte zu den Großeltern in die Nachbarwohnung gezogen. Die Mutter macht sich Vorwürfe: Während sie arbeitete, seien die Kinder bei den Großeltern und damit auch beim Onkel gewesen. "Sie wollten da nie hin", erinnert sie sich. "Jetzt weiß ich, warum."
Im November 2000 habe sie sich von ihrem gewalttätigen, spielsüchtigen Mann scheiden lassen, wollte aber dazu - ebenso wie ihr jüngerer Sohn - keine näheren Angaben machen, um ihren Ex-Mann nicht zu belasten. In der Mutter sehe die Familie väterlicherseits die treibende Kraft, die für die Anzeige und die Verfolgung des Onkels durch die Justiz verantwortlich sei.

Mutter glaubt ihren Söhnen

Mehrere Angehörige beteuern, die Mutter habe nicht gearbeitet und hätte sich stattdessen um ihre Söhne kümmern können. Nein, sie sage die Wahrheit, erklärt die Mutter, nennt dem Gericht ihre damaligen Arbeitgeber und gibt die Erlaubnis, ihre Angaben zu überprüfen.
Sie glaube ihren Kindern, beteuert die Frau. Ihr großer Sohn habe ihr versichert: "Was mein Bruder sagt, stimmt." Der Älteste sei mit den Taten des Onkels nicht zurechtgekommen. Er habe gedroht, sich umzubringen und musste deshalb stationär in eine Klinik eingeliefert werden. Auch seinen Namen habe er geändert. "Wir sind seelisch kaputt", sagt sie.
"So eine Sache darf in einer Familie nicht passieren", sagt der 27-Jährige. Zur Familie seines Vaters und dessen Eltern habe er keinen Kontakt mehr. "Sie glauben mir nicht."
Mit unbewegter Miene folgt der Angeklagte der Verhandlung und lässt sich die Worte seines Neffen, dem mehr als einmal die Stimme versagt, übersetzen. "Ich bin ein guter Schauspieler und kann meinen Schmerz durch die Arbeit gut verdrängen", fährt der junge Mann fort. "Aber mit meinem alten Namen kann ich nicht leben."