Eckehard Kiesewetter Kreis Haßberge — Mit martialischen Worten haben die Vereinten Nationen der Einwegverpackung "den Krieg erklärt", die EU hat sich für einzelne Wegwerfprodukte auf Verbote verständigt und in Deutschland ist die Plastik-Einkaufstüte nahezu komplett verschwunden. Das Thema Kunststoff mobilisiert, offenbar stärker als die Bedrohung durch den Klimawandel. Doch es gilt zu differenzieren. Es gibt auch Kunststoffen, die das Leben sicherer und besser machen. Für diesen Fortschritt stehen auch viele Unternehmen und Arbeitsplätze im Landkreis Haßberge.

Vielseitig, leicht und günstig

Aus Sicht der Unternehmer erübrigt sich die Frage, ob ein Leben ohne Plastik denkbar oder wünschenswert wäre. Ihr Standpunkt: Ohne das vielseitige, leichte und kostengünstige Kunstprodukt, das viele technologische Entwicklungen möglich macht, kann die Menschheit nicht leben.

"Kunststoffe eröffnen neue Märkte und bieten technischem Fortschritt eine Plattform", argumentiert Landrat Wilhelm Schneider. Gerade im Landkreis sei die Kunststoffindustrie Schwerpunkt und wichtiger Arbeitgeber. "Kunststoff steckt in Karosserien und Armaturen der Autos, in Haushaltsgeräten, in der Wärmedämmung in Wohnhäusern, in Blutbeuteln und OP-Besteck; in Baumaterialien, in Fernsehern, Handy und Laptops", so der Landrat. Wilhelm Schneider sieht sich mit dem Königsberger Unternehmer Otto Kirchner (Fränkische Rohrwerke) darin einig, "dass es viele wichtige Produkte ohne Kunststoff gar nicht gäbe".

Helmuth Fischer, Geschäftsführer des Eberner Unternehmens Uniwell, verweist darauf, "dass es sehr viele Anwendungen für Kunststoffe gibt, ohne die das tägliche, moderne Leben nicht mehr machbar ist. Daher ist es sicher falsch, Kunststoffe generell zu verurteilen."

Leben vom Kunststoff

Für die Menschen im Landkreis steckt hinter diesem Credo - auch jenseits der Diskussion um Umweltschäden und Gesundheitsgefahren - eine existenzielle Frage. Sie verdienen mit Plastikprodukten ihr täglich Brot. Laut einer Analyse der Regiopolregion Mainfranken verzeichnet die Kunststoffindustrie seit 2010 ein Wachstum um 30 Prozent; das ist überdurchschnittlich. Im Kreis Haßberge stehen wichtige Firmen wie die Fränkischen Rohrwerke in Königsberg, Uponor in Haßfurt oder Uniwell in Ebern. 18 Unternehmen weist das Branchenverzeichnis des Kreises aus. Rund 4000 Arbeitsplätze im Landkreis Haßberge hingen den Angaben zufolge im Jahr 2017 bereits an der Kunststoffindustrie, Tendenz steigend.

Arbeit am Know-how

"Unsere Rohre und Systeme sind langlebig und können am Ende der Nutzung jederzeit recycelt werden, was außerdem auch mit einem Großteil der Abfälle passiert", erklärt Otto Kirchner, Chef der Königsberger Rohrwerke. "Wir kaufen auch Kunststoff-Mahlgut von Recycling-Firmen auf und regranulieren dieses für die Wiederverarbeitung zu neuen Rohrprodukten."

Etliche Unternehmen, so auch das Helmuth Fischers, sind zertifiziert und gehören dem Umweltpakt Bayern an. Fischer findet: "Die richtige Anwendung und die Verwertung sollten wir im Blick haben. Im Automobilbau wird seit Jahren daran gearbeitet, dass wir die einmal verwendeten Kunststoffe erneut einsetzen können und mittlerweile gibt es sogar Spezifikationen für Recycling-Kunststoffe und deren Anwendung." Zunehmend spielen laut Åsa Petersson, Geschäftsführerin der Regiopolregion, Wissenschaftseinrichtungen eine Rolle. Sie befassen sich in der Grundlagen- und anwendungsorientierten Forschung mit der Zukunft der Kunststoffe. Etliche Unternehmen haben sich auf neue Materialien für die Kunststoffverarbeitung spezialisiert: (Well-)Rohre und Komponenten und Oberflächen (Lacke, spezifische Beschichtungen und Veredelungen). So entstehen Produkte für Automobilbranche, Maschinenbau, Medizintechnik. Hier soll sich das "Kompetenzentrum Kunststoff" engagieren, das im Landkreis eingerichtet werden soll.