von unserem Mitarbeiter markus Häggberg

Redwitz/Mannsgereuth — "Alles ist interessant - es kommt nur darauf an, wie lange man hinschaut", schrieb einst der Romancier Gustave Flaubert. Bei der Kinderwagenfirma Gesslein wurde kürzlich genau hingeschaut und ein Preis verliehen. Eine oberfränkische Erfolgsgeschichte aus einer Branche mit ganz eigenen Befindlichkeiten.
Die Korbsessel im Ausstellungsraum schaffen Nähe zu den Firmenanfängen. Kinderwagen waren einst auch Korbwaren und Flechtwerk - sind es bisweilen noch heute, bei Gesslein jedoch kaum mehr, denn hier werden neben Konstruktionsideen auch Qualitätsnäharbeiten geleistet: Verdecke von Kinderwagen, Buggys oder Babywannen.

Kinderwagen der Zukunft

Kürzlich stand dem Unternehmen ein Preis ins Haus. Dabei hatte man sich nicht einmal um ihn beworben. Er kam trotzdem, weil auf der "Kind und Jugend", der internationalen Leitmesse der Branche, augenfällig wurde, was das 50 Mitarbeiter zählende Haus aus dem Landkreis anbietet: eine F-Serie, die für Zukunft ("f" für future) steht. Weltweit gilt der Plus X Award als bedeutender Innovationspreis für Technologie, Sport und Lifestyle.
Vergeben wird er in einer Branche, in der eine Steckbauteillogik herrscht. Wie lassen sich Kinderwagen möglichst handlich umrüsten, wie die Höhen verstellen, wie kombinierbare Zusatzfunktionen schaffen? Um Fragen wie diese geht es auf einem für Gesslein europaweit hart umkämpften Markt.
Rückblende: Es beginnt in einem Hühnerstall. Georg Gesslein ist Tüftler und ersinnt in den späten 40er-Jahren den ersten Kombi-Kinderwagen der Welt. Und stellt damit eine ganze Branche auf den Kopf.
Er ist Korbmacher und wenn andere schlafen, dann tüftelt der Kriegsheimkehrer gemeinsam mit zwei Freunden an dem Prototyp des Modells, das 60 Jahre später am Markt vorherrschend sein wird. Der Kombi-Kinderwagen rollte aus dem oberfränkischen Redwitz in die Welt. Wenige Jahre später die nächste Innovation: das Fenster zur Welt für Kleinkinder. Ein Panorama-Kinderwagen, der schon den Kleinsten einen Rundum-Blick auf die Welt ermöglicht. Der deutsche Verkaufsschlager der 60er- und 70er-Jahre kommt aus Redwitz.
Alexander Popp ist Entwickler. So wie sein mittlerweile längst verstorbener Großvater, dessen Bild im Foyer des Unternehmens freundlich schaut.
Wann sich bei ihm eine Idee einstellt, lässt sich nicht klar vorhersagen. Am Schreibtisch, im Fitnessstudio, bei der Entwicklung selbst, unter der Dusche - der junge Mann mit dem Maschinenbaustudium "denkt ständig" an multiple Funktionen bei Kinderwagen.

Abschauen macht auch stolz

Dabei ziehe er die spielerischen Ideen des eigenen Nachwuchses in Betracht, wie er lächelnd zugibt. Das Multiple sei die Marketingausrichtung, der man sich verpflichtet fühle. Einen Schutz dagegen, von anderen Firmen in Fernost kopiert zu werden, gibt es nur schwer. Sein Verhältnis zu dem Umstand, dass andere Firmen abschauen können, sei ambivalent: "Einen persönlich macht es stolz, aus Sicht der Firma macht es traurig."
Das Bestehen am Markt, so Jeannine Merkl (Marketing) und Vater Norbert Popp, zuständig für Vertrieb, gelinge nur über die Flucht nach vorne in die Innovation. Dorthin, wo neue und unverbrauchte Ideen dazu führen, beispielsweise Schwenkräder so auszurichten, dass sie sich für das Befahren von glatten Ladenböden und Pflastersteinen in Fußgängerzonen gleichermaßen eignen.
"Zu verbessern", sagt Popp, "gibt es immer etwas und dann sei es trotzdem wichtig, die eigenen Ideen infrage zu stellen." Aber der Markt habe sich gewandelt und während es in früheren Zeiten vorrangig Fachhändler waren, die Kinderwagen verkauften, so gibt es heute das Internet. Und dort geht der Bewertungsdaumen nicht immer hoch, wenn ein Modell ausgeklügelt ist. Oft empfehlen sich die Kunden gegenseitig das Gewohnte. Aber Gewöhnliches anzubieten, ist für ein Unternehmen auf dem umkämpften deutschen Markt nicht tragfähig.
Der deutsche Markt finde für Kinderwagenhersteller nicht mehr nur im Fachhandel statt, sondern auch in den Zusatzabteilungen der Möbelhäuser. In ihnen müssen Außendienstmitarbeiter in der Lage sein, die hauseigenen Innovationen den Verkäufern, auf die man sich verlassen muss, plausibel darzustellen.

Mutig in die Zukunft mit F10

Schlechte Voraussetzungen für ein heimatliches Unternehmen? Immerhin, so Norbert Popp, habe sich die Anzahl der Mitbewerber in Oberfranken ausgedünnt. "Es gibt nur noch zwei Familienbetriebe, die noch in Oberfranken herstellen." Gesslein wagt Optimismus und will mit der F-Serie die Zukunft weisen. Nach dem F2, F3 oder F4 nun also die für Qualität, Design und Funktionalität prämierten Modelle F6 und F10. Aber das F ist noch nicht am Ende, denn an Ideen für Nachfolger wird schon getüftelt.