"Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache." Dieser Satz stammt aus dem Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery. Viele Eltern von "Sternenkindern" verbinden damit die Erinnerung an ihr verstorbenes Kind. Einmal im Jahr, am kommenden Sonntag, 13. Dezember, um 19 Uhr beteiligen sie sich am "Worldwide Candle Lithing Day", bei dem sie im Gedenken an die Kinderseele eine Kerze entzünden und Teil dieser Lichterwelle rund um die Welt sein wollen.

Im vergangenen Jahr stieß die Serie "Sternenkinder" in unserer Zeitung auf großes Interesse. Den Abschluss bildete eine Gedenkfeier, zu der sich verwaiste Eltern und Familienangehörige in der Kirche in Limbach versammelten und eine Lichterkette bildeten. Auch in diesen Tagen sollte wieder eine solche gemeinsame Feier stattfinden; wegen der Corona-Pandemie ist das aber nicht möglich. Die Aktion soll auf das Frühjahr verschoben werden.

Für Eltern von Sternenkindern ist der Schein einer Kerze Erinnerung und Hoffnung zugleich. Erinnerung an eine viel zu kurze Zeit und Hoffnung, dass sich das Dunkel der Trauer wandelt. Bei allen Gesprächen mit Betroffenen wurde klar, dass über Sternenkinder wenig geredet wird. Vor allem Nichtbetroffene fühlen sich unsicher, weil ihnen in solch einer Situation die Worte für die Eltern fehlen. Es ist nicht einfach, mit diesem Thema richtig umzugehen.

Wir fragten deshalb Diakon Joachim Stapf, für den die Begleitung von Trauernden ein zentraler Teil seiner Seelsorgetätigkeit ist: als Notfallseelsorger, Beistand bei schwerer Krankheit und bei der Begleitung von Eltern von Sternenkindern.

Welchen Eindruck nahmen Sie von dieser ersten großen Gedenkfeier im letzten Jahr mit nach Haus, und welche Rückmeldungen erhielten Sie von den teilnehmenden Eltern?

Joachim Stapf: Wir hatten auf keinen Fall mit so vielen Leuten gerechnet, aber das Thema betrifft doch viele. Ich hatte den Eindruck, dass die Teilnehmer Sehnsucht nach so einer Gedenk- oder Trauerfeier haben, wo sich Menschen mit gleichem oder ähnlichem Schicksal treffen, sie dort ihren Gedanken nachgehen und diese auch in einem Gebet zusammenfassen können.

Sie werden oft zu plötzlichen Todesfällen, Unfallereignissen oder zum Todeskampf älterer Leute gerufen. Kann man das mit dem Tod eines Sternenkindes vergleichen?

Wenn Kinder sterben, dann ist das etwas Besonderes, weil damit die normale Lebensgeschichte auf den Kopf gestellt wird; im Normalfall sterben ältere Leute. Wenn das ein Kind mit wenigen Tagen oder Monaten ist und man vielleicht selbst ein Enkelkind in diesem Alter hat, dann spiegelt sich das im eigenen Leben wieder und macht betroffen,; es macht die Situation noch schwieriger. Für die Eltern und Angehörigen bedeutet der frühe, unerwartete Tod ihres Kindes zumeist einen äußerst schweren Schicksalsschlag und Schock. Wie begegnet man solchen Betroffenen?

Man versucht, alles in Worte zu fassen, und ringt danach, etwas sagen zu müssen. Manchmal ist man auch sprachlos und muss die Stille aushalten, aber da sein. Man hält es aus mit Weinen und Geschrei mit Angehörigen und muss auch nicht immer etwas sagen. Manchmal suche ich den Kontakt zu Familienmitgliedern oder Freunden, die mitbegleiten. Große Gespräche zu führen in so einer Situation wäre falsch. Gut ist es da, offen zu sein, zuzuhören, dabei zu sein und einfach zu trösten durch das Dasein. Auch für die Nachbarn wäre es wichtig, den Trauernden nicht aus dem Weg zu gehen, sondern aufeinander zuzugehen und vielleicht die Hand zu halten.

Wir wissen, dass über Sternenkinder und auch über die Sorgen ihrer Eltern wenig gesprochen wird. Wie erfahren Sie von solchen Schicksalen und wer vermittelt Sie zu Begegnungen und Gesprächen?

In der Hospiz- oder Trauerbegleitung spielen die Malteser eine besondere Rolle und sie sind auch sehr aktiv in Seniorenheimen unterwegs. Sie vermitteln mir die meisten Begegnungen und man kann sich an sie wenden (Malteser Hilfsdienst, Promenade 37, 97437 Haßfurt, Telefon 09521/95290000). Aber ich erhalte auch direkte Anrufe von Angehörigen ebenso wie in den Kliniken Krankenhausseelsorger Diakon Manfred Griebel zur Verfügung steht.

Ein Kind verlieren - das ist ein Schmerz, der an die Grenze dessen geht, was ein Mensch ertragen kann. Dürfen Eltern in solch einer Situation Bitterkeit empfinden, mit Gott hadern und sich von Gott verlassen fühlen?

Auf jeden Fall! Sogar Jesus hat doch am Karfreitag gesagt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Eine solche Situation stellt doch das ganze Leben auf den Kopf. Für mich ist es das Schlimmste, wenn ich mit dem Polizisten nach einem tödlichen Unfall an der Haustür klingele, wir uns gegenseitig angucken und sich von einer Sekunde auf die andere das ganze Leben ändert; wo wir zittern, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Da kommt es zu Schreikrämpfen, Zusammenbruch und Fragen wie: "Kann das Gott gewollt haben?" Oder: "Das ist doch kein guter Gott."

Wie gelingt es Ihnen dann, die Brücke zu schlagen und die passenden Worte zu finden?

Das gelingt nicht gleich und nicht von Anfang an. Damit muss man zurechtkommen und die Situation aushalten. Die Leute dürfen ruhig von ihrem Kind erzählen, vielleicht kann man auch eine Kerze anzünden und zu einem schlichten Gebet kommen. Manchmal frage ich mich am Ende: Habe ich es richtig gemacht? Habe ich die richtigen Worte gefunden? Hätte ich überhaupt etwas sagen sollen? Man ist nämlich oft auch sprachlos. Wenn man ein Kreuz oder eine Statue mit Maria im Haus sieht, kann das auch eine Brücke zum Gebet sein.

Welche Hilfe können Sie Betroffenen in so einer Situation anbieten?

Ich biete an, als Gesprächspartner da zu sein, wenn ich gebraucht werde. Bei manchen bin ich sehr oft dort, und die Verbindung reißt nicht ab. Die gemeinsame Gestaltung der Beisetzung, das Heraussuchen von Gebeten und Geschichten, gemeinsame Gottesdienste wie den für Sternenkinder oder nach schweren Unfällen eine Abschiedsfeier am offenen Sarg mit Rücksprache des Bestatters im engsten Familienkreis sind einige Beispiele.

In unserer Gesellschaft ist nicht jeder ein Christ oder mancher hat die Verbindung zur Religion abgebrochen oder hat seine Heimat in einer anderen Religionsgemeinschaft. Welche Erfahrungen machen Sie?

Begleitung ist für alle Personen wichtig, unabhängig von der Religion. Es kommt auf den Gesprächspartner an, der offen ist und zuhören kann und der sich auskennt, damit er zu den verschiedensten Institutionen vermitteln kann. Dazu zählen auch andere Begleiter, die aus eigener Sicht ihre Erfahrungen an die betroffenen Menschen weitergeben können. Wir stehen unmittelbar vor Weihnachten. Von verwaisten Eltern weiß man, dass für sie dieses Fest immer am schlimmsten ist. Die Weihnachtsgeschichte erzählt auch von einem Stern. Alle Welt freut sich auf ein neugeborenes Kind, dabei drängt sich doch die Frage auf: Und meines? Was würden Sie hier zur Antwort geben?

Auf das "Warum meines?" habe ich leider keine Antwort. Aber vielleicht ist euer Kind wirklich so ein Stern wie dieser Stern aus der Weihnachtsgeschichte. Ein Stern, der am Himmel hell aufleuchtet, um einen Weg zu zeigen, einen Weg hinaus aus Dunkelheit, Schmerz und Hoffnungslosigkeit - vielleicht sogar hin zu Gott. Das sagt nämlich mein Glaube: Euer Kind ist jetzt ganz nah bei Gott in seinem Licht. Dieser Hoffnungsstern leuchtet uns vielleicht sogar aus der Krippe entgegen.

Das Gespräch führte unser Mitarbeiter Günther Geiling