Es ist die Horrorvorstellung für die Industrieunternehmen: Weil Deutschland das Corona-Virus trotz harter Einschränkungen nicht zu packen bekommt, werden die Betriebe zeitweise dichtgemacht. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rechnet mit zwei harten Monaten, die die Gesellschaft mindestens noch überstehen muss, und fürchtet viel mehr Infizierte, weil das Virus mutiert ist. Auch wenn die Bundesregierung bislang den Sektor offenhalten will, reißen die Forderungen nach einem kompletten Stillstand des Landes nicht ab.

Der neue Industrie-Präsident Siegfried Russwurm hat deshalb gleich zu Beginn seiner Amtszeit alle Hände voll zu tun, das Unheil für seine Unternehmen abzuwenden. "Auch 2021 ist die Industrie der Motor, der Wirtschaft und Wohlstand unseres Landes antreibt. Umso wichtiger ist es, die Industrie weiter am Laufen zu halten", verlangte der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) am Dienstag in Berlin.

In der Tat hat der Wirtschaftszweig nach dem harten Einbruch im Frühjahr 2020 eine beeindruckende Erholung hingelegt und sorgt jetzt für Wachstum, während andere Bereiche wie Gastronomie und lokaler Einzelhandel zwangsgeschlossen sind. Vergangenes Jahr standen wegen der Eindämmung der Seuche die Bänder für mehrere Wochen still, weil die internationalen Lieferketten gerissen waren. Die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen ist seit diesen düsteren Tagen deutlich besser geworden. Aktuell wird die Lage dort als so gut bewertet wie seit Anfang letzten Jahres nicht mehr, wie aus dem ifo-Index hervorgeht. Die Münchner Ökonomen befragen dafür 9 000 Betriebe aus dem verarbeitenden Gewerbe.

Für die kommenden Monate hat die Zuversicht merklich zugelegt, weil die Firmen viele Neuaufträge an Land ziehen können. Vor allem aus Asien, das die Pandemie besser unter Kontrolle hat als Europa und die USA, kommen die Bestellungen.

Grenzen des Homeoffice

Neben der Zwangspause für Fabriken, die für die nächsten Wochen nicht ausgeschlossen ist, sehen sich die Industrieunternehmen auch mit der Forderung konfrontiert, noch mehr Beschäftigten die Möglichkeit einzuräumen, von zu Hause zu arbeiten. In der Industrie sind Homeoffice natürliche Grenzen gesetzt. Das "Schweißen aus dem Homeoffice" habe noch niemand erfunden, ätzte Russwurm. Seiner Meinung nach wissen die Unternehmen selbst am besten, wer und wo in das Homeoffice wechseln kann. Viele Firmen haben auf die Lage reagiert und beispielsweise die Mitarbeiter von Verwaltung und den Vertrieb an den heimischen Schreibtisch geschickt. Mache Unternehmen bestehen aber auf Präsenz auch im Büro.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wollte den Mitarbeitern, dort wo es möglich ist, einen Rechtsanspruch auf das Arbeiten von zu Hause einräumen, scheiterte aber am Widerstand von CDU und CSU. Die Union stellte sich an die Seite der Unternehmen. Derzeit wissen die Gesundheitsämter nicht, wo sich die Menschen anstecken. Das Schließen von Fabriken oder die Ausweitung von Homeoffice wären ein Schuss in den Nebel. Russwurm forderte von der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten der Länder mehr Planbarkeit in der Seuchenpolitik und "keine Symbolpolitik mit dem Prinzip Hoffnung".