Mehrere Tritte gegen einen am Boden liegenden Mann aus Bhutan bringen einen 25-jährigen Nigerianer nun für zweieinhalb Jahre hinter Gittern. Der Vorfall ereignete sich am 27. November 2019 in der Anker-Einrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg. Das Landgericht Bamberg sah eine gefährliche Körperverletzung und keinen versuchten Totschlag und blieb deutlich unter den drei Jahren und neun Monaten, die die Staatsanwaltschaft gefordert hatte.

Es ist ein turbulenter Abend für die Polizeibeamten aus nah und fern. In der AEO brennt sprichwörtlich die Hütte. Eine Massenschlägerei zwischen Nigerianern und Marokkanern, ein absichtlich ausgelöster Feuermelder, eine eingetretene Wohnungstür, zudem Attacken auf Security-Mitarbeiter mit Bierflasche und Regenschirm. Und dann liegt da plötzlich ein kleiner Mann aus dem Himalaya zwischen den Wohnblöcken am Boden. Niedergestreckt von einem Taekwondo-Tritt und danach mit mindestens zwei weiteren Tritten gegen Kopf und Oberkörper malträtiert.

2,4 Promille im Blut

"Er war zur falschen Zeit am falschen Ort", so der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt. Der Täter kannte sein Opfer nämlich nicht. "Es lag wohl eine Verwechslung vor." Diese Motivlosigkeit, die spontane Tat im Suff und das Fehlen der sonst üblichen Bedrohungen wie "Ich bringe Dich um!" ließen einen versuchten Totschlag unwahrscheinlich erscheinen. Immerhin hatte der Asylbewerber rund 2,4 Promille Alkohol im Blut. "Wer da noch senkrecht im Raum stehen kann, ist einiges gewohnt," so Richter Schmidt.

Dabei hatte der Nigerianer noch Glück, dass sein Opfer, möglicherweise wegen einer dicken Wollmütze, keine bleibenden Schäden davongetragen hatte. Vielleicht lag es auch an der alkoholbedingt eingeschränkten Stand- und Treffsicherheit und der verminderten Durchschlagskraft des Täters.

Der Bhutaner jedenfalls äußerte im Zeugenstand sogar Verständnis für die Verzweiflung des Afrikaners. "Wir sind alle in diesem Camp und wissen nicht, wie es weitergehen wird. Da kann man schon verrückt werden." Die Mitarbeiter des AEO-Sicherheitsdienstes hatten gar auf eine Strafanzeige verzichtet. Der Angeklagte hatte nach ihnen getreten, sie aber nicht getroffen, und einen der Aufseher in die Hand gebissen. Nur ein spezieller Schutzhandschuh hatte die Zähne aufgehalten.

"Die Securitys sind einiges gewohnt", so ein Kriminalbeamter. Der Vorwurf der versuchten gefährlichen Körperverletzung wurde deshalb fallengelassen. Hinzu kam, dass der junge Mann bislang noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten war und sich teilweise geständig gezeigt hatte. Auch wenn er zuerst behauptet hatte, der Mann vom Dach der Welt hätte ihn festgehalten und er sich nur aus dem Klammergriff befreien wollen.

Teilerfolg für beide Seiten

Am Ende durften sich beide Seiten über einen Teilerfolg freuen. Verteidiger Oliver Teichmann aus Bamberg bekam den doch sehr ernsten Vorwurf des versuchten Totschlags vom Tisch. Staatsanwältin Franziska Frohberg drang mit ihrem Antrag durch, angesichts des Angriffs gegen einen bewusstlos am Boden liegenden Menschen keine Bewährungsstrafe auszusprechen. Obwohl die gefährliche Körperverletzung unter Drogeneinfluss geschah, widersprach der psychiatrische Gutachter Christoph Mattern der Einweisung in eine Entziehungsanstalt. Zum einen sei es ein Ersttäter, zum anderen bestehe keine Bereitschaft zur Therapie und angesichts der Sprachbarriere auch keine Erfolgsaussicht.

Für den Angeklagten hat das Ganze aber noch zur Folge, dass er aus dem Gefängnis heraus nach Italien abgeschoben werden wird. Dort hatte er nach seiner Flucht zuerst den europäischen Schengen-Raum betreten. Seine Frau und sein kleines Kind, die im thüringischen Rudolstadt leben, wird er dann für lange Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Zumindest nicht in Deutschland.