Eine Messerstecherei am Bahnhof, drei verletzte Studenten aus Unterfranken und eine spektakuläre Flucht in die Schweiz sind die Zutaten eines Prozesses am Amtsgericht Bamberg. Die Tat hatte sich Ende Oktober 2019 abgespielt. Jetzt wurde ein 27-Jähriger aus Bamberg wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Der 25-jährige Haupttäter, ebenfalls aus Bamberg, wird sich demnächst wegen gefährlicher Körperverletzung zu verantworten haben.

Das Unheil nimmt seinen Lauf nach Mitternacht. Da geraten ein Glatzkopf - der spätere Haupttäter - und eine sechsköpfige Gruppe junger Männer aus Unterfranken in einem Tanzclub aneinander. Einer von ihnen ist der DJ, der bei der feuchtfröhlichen Party auflegt. Zum Glück aber bleibt es nur bei scharfen Worten und einigen Schubsern. Verletzt wird da noch niemand. Aber Lokalverbot gibt es. Der Angeklagte hält sich da vornehm im Hintergrund. Auf dem Weg zum Bahnhof trifft man nochmals aufeinander. An der Pfisterberg-Brücke kommt es zur Auseinandersetzung. Dabei wird der Glatzkopf in den Schwitzkasten genommen und zu Boden gebracht. Und wieder hält sich der Angeklagte heraus. Es gibt sogar Zeugen, die sagen, der "Feigling" sei weggelaufen.

Für ihn strafrechtlich gefährlich wird es erst, als er auch nach dem zweiten Vorfall weiter mit dem augenscheinlich unter Drogen und Alkohol stehenden Glatzkopf unterwegs ist. Obwohl der bewiesen hat, dass er sich und seine Hände nicht unter Kontrolle hat. Er verfolgt die Studenten aus Würzburg, Münnerstadt und Bad Kissingen nämlich, um die gerade erlittene Schmach vergessen zu machen. Nun kommt es zum "mitgegangen, mitgefangen", wie es Staatsanwältin Lea Klautke nennt. "Sie waren der Mitläufer, der sich hinreißen ließ." Er sei weder heimgegangen, noch habe er den anderen abgehalten.

Eskalation am Bahnsteig

Am Bahnsteig vor Gleis 1 eskaliert kurz vor fünf Uhr früh die Angelegenheit dann endgültig. Schnellen Schrittes kommen der Glatzkopf und der Angeklagte auf die wartenden Studenten zu. Tumult und Geschrei. Plötzlich zieht der Glatzkopf ein Messer. Nicht einmal zehn Sekunden dauert der schreckliche Spuk. "Er hat blindwütig und wahllos auf sie eingestochen", so Rechtsanwalt Holger Baumgartl aus Bamberg. Dann sind drei der jungen Männer von Schnittverletzungen im Schulterbereich gezeichnet.

Das Duo verlässt fluchtartig die Szene. Später wird man erfahren, dass sie sich in die Schweiz abgesetzt haben. "Eine Dummheit, wie man sie selten erlebt", so Rechtsanwalt Baumgartl. Dort hausen sie vier Monate in einem Pkw, leben von Almosen der katholischen Kirche. Bei der Rückkehr wird der Angeklagte schließlich erwischt und sitzt seit acht Monaten in Konstanz und Bamberg in Untersuchungshaft.

Für sämtliche Beteiligte im Gerichtssaal bleibt es auch nach mehreren Verhandlungstagen ein Rätsel, warum der Angeklagte alles aufgegeben hat. Seine Arbeitsstelle, seine Wohnung, sogar seine Freundin. Er hatte schließlich bislang nie mit der Justiz zu tun. Und dann macht er mit einem ihm völlig Unbekannten gemeinsame Sache. "Er hat im Ergebnis dafür teuer bezahlt", so Richter Bachmann.

Am Ende wird das Schöffengericht eine Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung in drei Fällen annehmen. Denn durch das Festhalten eines der Studenten habe er dem Glatzkopf den Angriff am Bahnhof erleichtert. "Der Angeklagte war damit einverstanden, dass die Gruppe Prügel erhält", erklärt Richter Bachmann. "So verhält sich niemand, der damit nichts zu tun haben will." Dass er gewusst habe, dass der Glatzkopf ein Messer ziehen würde, das nahmen der Vorsitzende Richter Matthias Bachmann und seine Schöffen nicht an. Damit kann Verteidiger Baumgartl, der die Schuld alleine beim Glatzkopf sieht, nicht durchdringen.

Suchtberatung inbegriffen

Es werden neun Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung. In den nächsten drei Jahren darf sich der Angeklagte nichts zuschulden kommen lassen. Ein Bewährungshelfer soll auch darauf achten, dass er sich vom Glatzkopf fernhält, der vor kurzem in Zürich dingfest gemacht wurde und gegen den demnächst verhandelt wird. Außerdem muss er sich einer Suchtberatung stellen und darf weder Alkohol noch Drogen nehmen. Er muss sich einen festen Wohnsitz und einen Vollzeitjob suchen. Beides dürfte ihm bei seinem Bruder gelingen, der eine kleine Firma im Landkreis Bamberg betreibt.