Ein Fall von häuslicher Gewalt in einem Mehrfamilienhaus im Raum Ebern beschäftigte das Amtsgericht Bamberg. Der 22-jährigen Angeklagten warf man vor, ihren türkischen Lebensgefährten mit einem Küchenmesser attackiert zu haben. Vor Strafrichterin Magdalena Becker wurde allerdings deutlich, dass das vermeintliche Opfer seine Freundin vor dem Messerangriff alle zwei Tage, und das ein halbes Jahr lang, mit Schlägen misshandelt hatte. Das Verfahren wurde am Ende eines turbulenten Prozesses eingestellt.

Wenn man der Angeklagten Glauben schenkte, dann waren die ersten zwei Jahre ihrer Beziehung von Harmonie geprägt. Als sie schwanger wurde, sei die Stimmung gekippt. Er habe die Abtreibung verlangt, sie den Nachwuchs behalten wollen. "In einem Übergriff hat er sogar versucht, ihr das Kind aus dem Bauch zu schlagen", sagte Rechtsanwalt Christian Barthelmes aus Bamberg.

In den darauffolgenden Monaten kam es immer wieder zu Gewalttaten des Partners: Faustschläge ins Gesicht, Würgen am Hals, Werfen gegen die Heizkörper. Sogar von Vergewaltigungen war die Rede.

Naschbarn hörten die Schläge

Auf einen Fall der vorsätzlichen Körperverletzung waren die Ermittlungsbehörden aufmerksam geworden. Ein Strafbefehl bescherte ihm eine Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen. Eine Nachbarin im Stockwerk darüber hatte das Knallen der Schläge gehört. Hernach war die Angeklagte mit rotem, angeschwollenem Gesicht und am ganzen Körper zitternd gesehen worden. Damit gilt der ehemalige Lebensgefährte als vorbestraft, sollte sein Einspruch dagegen keinen Erfolg haben.

Neben der Angst um das eigene Wohlergehen mischte sich die Furcht, ihr Ex-Freund könnte den gemeinsamen Jungen in die Türkei entführen. Solches hatte er ihr nämlich angedroht. Ganz ungeniert gab er im Zeugenstand zu, der Angeklagten alle zwei Tage "was auf den Deckel oder ins Gesicht" gegeben zu haben. Normalerweise mit der flachen Hand. "Hätte ich es ihr mit der Faust gegeben, hätte sie anders ausgesehen."

Die Orgie der Gewalt hätte wohl nie ein Ende gefunden - oder ein ganz blutiges mit Prozess am Landgericht Bamberg - wenn nicht aufmerksame Nachbarn am Abend des 16. Oktober 2019 die Polizei gerufen hätten. Da eskalierte die Situation einmal mehr. Die Angeklagte warf nach einem Streit um das gemeinsame Baby ihren 24-jährigen Lebensgefährten aus der Wohnung. Der allerdings kam zurück. Angeblich, um noch einige Sachen holen zu wollen. "Dann ist sie ausgerastet", sagte seine Partnerin.

Es flogen allerlei Gegenstände durch die Gegend, ein PC kam ganz buchstäblich unter den Hammer. Dann schilderte die Angeklagte eine Rangelei und ein Schubsen, später sie sei erneut geprügelt worden und habe das Küchenmesser nur ergriffen, um sich selbst zu schützen. Dabei hatte sie ihr laut schreiendes Baby im anderen Arm.

Der türkische Partner hingegen beharrte darauf, er sei von ihr in den Schwitzkasten genommen, mit Gegenständen wie einem Schlüsselbund geschlagen und dem Messer angegriffen worden. "Sie drohte, uns drei umzubringen", sagte er. Jedoch widerlegte das rechtsmedizinische Gutachten des Universitätsklinikums Essen anhand fehlender Verletzungen beinahe alle seine Behauptungen. Nur dass ein Messer im Spiel gewesen war, blieb unstrittig. Zeigten sich an der Jacke des Lebensgefährten doch kleinere Schnitte, die beim Versuch in Richtung Bauch zuzustechen entstanden sein sollen.

Klinge an der Kehle

Erstaunlich war indes, dass er sie nicht bestraft wissen wollte. "Sie hat mich nicht verletzen wollen", so der Arbeitslose, der inzwischen wieder bei seinen Eltern in Gelsenkirchen lebt. Stattdessen habe sie die Klinge an die eigene Kehle gehalten und mit Suizid gedroht. "Wie schon einmal in Gladbeck, als sie meinte, sie springe vor einen Zug". Da habe sie zuvor LSD genommen.

Nach langem Zögern stimmte Staatsanwältin Julia Pfeufer einer Einstellung des Verfahrens wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und vorsätzlicher Körperverletzung zu. Das ist zwar nicht der vom Verteidiger Barthelmes angesteuerte Freispruch wegen Notwehr, aber zumindest ein Schlussstrich. Die Angeklagte muss nun im nächsten halben Jahr insgesamt 600 Euro von ihrem Hartz-4-Satz abgeben. Die Geldauflage bekommt der Verein Lifeline Bamberg. Zusätzlich muss sie an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen. Ob und wann sie ihr Kind vom Jugendamt Haßberge zurückbekommt, steht noch nicht fest.