Ein solches Verfahren hat man nicht alle Tage am Amtsgericht Bamberg. Zeugen, die nicht mit dem Richter reden wollen oder ihn gleich anlügen. Eine Staatsanwältin, die zähneknirschend einen Freispruch fordert. Und ein dreifacher Familienvater, der nicht wegen sexueller Nötigung und vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt wird. Sondern sich mit Hilfe eines sprachlichen Missverständnisses aus dem Gefängnis herausredet.

Dabei hatte sich das in der von Staatsanwältin Lea Klautke verlesenen Anklageschrift doch noch so eindeutig angehört. Ende September 2019 soll der 38-jährige Mann aus Afghanistan in der gemeinschaftlich genutzten Waschküche eine andere Bewohnerin der Flüchtlingsunterkunft in Altendorf bedrängt haben. Kurz vor 8 Uhr morgens stand die Frau aus Äthiopien an der Waschmaschine, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Sie nahm Textilien aus der Trommel, um sie in den Trockner zu geben. Dann sei der Angeklagte in den kleinen Raum gekommen, habe die Türe versperrt und Küsse eingefordert. Schließlich habe er ihr den Mund zugehalten und ihr von hinten mehrfach an die Brust gefasst. Ein fünfminütiges Gerangel sei gefolgt. Jeden weiteren Versuch eines Kusses hätte sie dadurch abgewehrt, dass sie mit einem herumliegenden Fön nach dem Angreifer geschlagen habe. Sie habe laut um Hilfe gerufen. Als dann eine Nachbarin aus Kurdistan im Treppenhaus aufgetaucht sei, habe der Lüstling die Türe aufgesperrt und die Flucht ergriffen.

Zwei Stunden lang erzählte die Frau aus Äthiopien ihre Version der Geschichte. Die Zeugenbefragung dauerte so lange, weil sie sich ständig widersprach, neue, noch dramatischere Varianten hervorzog und zuletzt jede Glaubwürdigkeit einbüßte. "Wir haben massive Schwierigkeiten mit ihren Angaben, es gibt eklatante Widersprüche", so Amtsrichter Michael Herbst.

Lügengeschichten

Danach waren weitere Bewohner am Zuge, die teilweise überhaupt nicht mit dem Richter reden wollten, und wenn, dann ihm Lügengeschichten auftischten. Selbst der sonst so gelassene Jurist musste die Verhandlung unterbrechen, um sich angesichts der Unverfrorenheit der Zeugen erst einmal zu beruhigen. Freilich hatte er auch andernorts Grund zum Ärger. Etwa bei der ersten polizeilichen Vernehmung des vermeintlichen Opfers. Das "unterirdische Protokoll" kam über zehn dürre Zeilen Text nicht hinaus - wohlgemerkt bei dem damals zuerst ins Auge gefassten Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung.

Zudem hatte der Angeklagte schon wenige Minuten nach dem Vorfall der Polizei gegenüber geäußert, er hätte gar nicht "Küsse" gesagt, sondern "Kosse". Wie die Dolmetscherin für den persischen Dialekt Dari bestätigte, bedeutet das Wort soviel wie "Schüssel" oder "Korb". Man habe ihn missverstanden, so der Afghane. Denn er habe sich für die Kleider einer seiner drei Kinder nur einen Wäschekorb ausleihen wollen. "Eine solche Ausrede habe man sich doch nicht so schnell zurechtlegen können", meinte sein Verteidiger. Am Ende stand Aussage gegen Aussage. Andere objektive Beweise oder Tatzeugen waren nicht aufzutreiben.

So blieb selbst Staatsanwältin Klautke nur noch, auf Freispruch zu plädieren. Das Unbehagen war ihr dabei anzumerken. Denn für unschuldig hielt kaum einer im Gerichtssaal den Angeklagten. Nur konnte man ihm die Tat nicht mit der für eine Verurteilung nötigen Sicherheit nachweisen. "In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten", fasste es Richter Michael Herbst zusammen.

Der Prozess hat aber auch noch weitere Folgen. Zum einen muss der Freistaat Bayern den Mann aus Afghanistan für die zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft entschädigen. Für jeden der 28 Tage in der JVA Bamberg sind das 25 Euro. Außerdem darf sich ein Hausmeister des Wohnheimes auf ein Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage freuen. Er hatte das Schöffengericht "glatt belogen", wie Rechtsanwalt Maximilian Glabasnia meinte.

Und dann ist da noch der Ehemann der äthiopischen Frau, der das Gerichtsverfahren nicht abwarten wollte. Er verpasste dem Mann aus Afghanistan kurzerhand eine Abreibung und wird dafür auch noch auf der Anklagebank landen.