Marion Krüger-Hundrup Ein Riss der Achillessehne im Frühjahr 2019 wurde Auslöser einer nachhaltigen Wende im Leben von Norbert Braun. "Während ich acht Wochen lang mit einbandagiertem Fuß auf dem Sofa lag, kam ich ins Grübeln", erklärt der 71-jährige Kemmerner. Ins Nachdenken über so vieles Ungereimte, Ungeklärte, was den Rentner beschäftigte. Vor allem die Frage: "Warum haben meine Mutter und meine Oma nie etwas gesagt?"

Dieses "Warum" treibt den gelernten Straßenbauer Braun noch heute um. Obwohl das Schicksal inzwischen ein großes Füllhorn an Glück über ihn ausgeschüttet hat: "Plötzlich habe ich zwei Geschwister!", ruft er aus. Das sei "gewöhnungsbedürftig und schön!", strahlt er.

Doch erzählen wir diese fantastische Ost-West-Geschichte von Anfang an. Am 17. August 1949 in der nördlichen Oberpfalz geboren, wächst Norbert Braun im Fichtelgebirge auf. Der Ehemann seiner Mutter war im Krieg gefallen, hinterließ drei Kinder. Die Witwe ging eine Beziehung mit Günter Wagner ein, der aus Plauen stammte: Das Ergebnis war Norbert. Der Bub, dessen Vater sich aus dem Staub machte, lernte ihn nie kennen.

Gleichwohl "bin ich behütet groß geworden", blickt Norbert Braun zurück. Doch die Frage nach seinem leiblichen Vater quälte, blieb von seiner Mutter und Großmutter - die Mutter von Günter Wagner - stets unbeantwortet. "Ich habe meine Oma 1957 bei meiner Erstkommunion das letzte Mal gesehen, sie hat das Geheimnis mit ins Grab genommen", sagt Norbert Braun leise und zeigt ein Porträtfoto von ihr: eine weißhaarige Frau mit ernster Miene.

Erst der Sohn Peter von Norberts Tante (Schwester der Oma) brachte nach Jahren ein wenig Licht in die Düsternis. Dieser Peter wusste, dass Günter Wagner ins sächsische Plauen zurückgekehrt war und dort geheiratet hatte. Während seines unfreiwilligen Aufenthalts auf dem heimischen Sofa schoss Norbert Braun der Gedanke durch den Kopf: "Dann müssen auch Kinder da sein!" Peter bestätigte: "Du hast noch eine Schwester Elfriede in Plauen." Mehr habe der Cousin nicht preisgegeben, beklagt Braun.

Doch er war nun aufgeschreckt. Aufgewühlt. Und kaum wieder einigermaßen auf den Füßen, packte er im Juni 2019 seine Krücken und Lebensgefährtin Eugenie als Fahrerin ins Auto und fuhr von Kemmern ins sächsische Plauen. In die rund 65 000 Einwohner zählende Kreisstadt des Vogtlandkreises, nur 25 Kilometer von der einstigen innerdeutschen Grenze entfernt.

Detektivischer Spürsinn

Mit detektivischem Spürsinn suchten Norbert Braun und seine Partnerin das dortige Einwohnermeldeamt auf: ohne den derzeitigen Nachnamen von Elfriede zu wissen. Folglich gab es erst einmal keine Auskunft, aber die Empfehlung, im Stadtarchiv mit seinen Stasi-Akten nachzuforschen. Das gelang mit Erfolg: Über Günter Wagner war eine Akte angelegt mit all seinen persönlichen Daten.

Familienforscher Braun erfuhr, dass sein Vater "mit einer Stasi-Frau namens Jutta verheiratet war und 1973 verstorben ist". Jetzt wusste Norbert Braun auch den Nachnamen seiner verheirateten Schwester Elfriede, die 1953 zur Welt kam. Es ging zurück zum Einwohnermeldeamt, das nun die richtige Adresse in Plauen nennen konnte. Und wo Norbert Braun mit Herzklopfen an der Haustür klingelte.

Was auf die Eröffnung "Wir haben den selben Vater" folgte, überlassen wir an dieser Stelle den beiden Geschwistern, die von ihrer Existenz bislang nichts wussten. "Emotionen kamen hoch, da ist ein Band zwischen uns" - diese Worte Norbert Brauns sollen genügen. Auch was die Mitteilung von Elfriede ("Du hast noch einen Bruder!") auslöste, muss nicht extra geschildert werden. Auch wenn Norbert Braun lakonisch feststellt, dass sein Vater "ein rechter Hallodri gewesen ist".

Jenseits des Eisernen Vorhangs

Denn Günter Wagner war vor der Plauener Jutta in Schwaben mit einer anderen Frau verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: eben Elfriede und der 1951 geborene Gerhard. Nachdem die Ehe zerbrach, kamen die Geschwister in zwei unterschiedliche Kinderheime, hörten nichts mehr voneinander. Günter Wagner nahm dann seine Tochter zu sich nach Plauen. Und Gerhard suchte zwanzig Jahre lang nach seiner Schwester Elfriede. Er fand ihre Spuren jenseits des Eisernen Vorhangs. Der Grenzübergang blieb für beide geschlossen, "trotz Dokumente!", sagt Norbert Braun.

Sein neu entdeckter Bruder Gerhard hat das Weihnachtsfest 2019 in Kemmern verbracht. "Keiner möchte mehr loslassen", umschreibt Norbert Braun die Gefühlsregungen nach den häufigen telefonischen Kontakten mit seinen Geschwistern oder nach persönlichen Besuchen. "Ein Treffen zu Dritt kommt noch!", freut sich Norbert Braun. Und hofft, dass Corona dem keinen Strich durch die Rechnung macht. Dass er gemeinsam mit Gerhard und Elfriede eine endlich ruhigstellende Antwort auf dieses ständig kreisende "Warum" findet.