Dreieinhalb Jahre muss ein 71-jähriger Mann aus Bamberg ins Gefängnis. Er soll als Psychotherapeut in seinen Praxen in Bamberg und Sonneberg an seine Patienten Drogen verkauft und mehrere Patientinnen dazu gebracht haben, Sex mit ihm zu haben. Beides natürlich nur aus medizinischen Gründen. Mehr als ein halbes Jahr dauerte der Prozess vor dem Landgericht Bamberg, in dem sich herausstellte, dass der Angeklagte zwar jahrzehntelang Kranke behandelt hat, aber gar kein Psychotherapeut ist.

Es ist der letzte Coup in einer Reihe von originellen Ideen, wie man einen Strafprozess in die Länge ziehen, zuletzt gar zum Platzen bringen kann. Nun soll also der Vorsitzende Richter Markus Reznik als Zeuge aussagen. Sich selbst befragen. Was natürlich nicht funktioniert, weder juristisch, noch praktisch. Der Hintergedanke, den Rechtsanwalt Albrecht Göring aus München hat: Dadurch kann man das Verfahren endgültig zum Scheitern bringen. Leicht machen es Göring und sein Kollege Hans Meyer-Mews aus Bremen der Strafkammer nicht. Mit allen juristischen Finessen kämpfen die beiden Rechtsanwälte für ihren Mandanten. Der sagt indes kein einziges Wort. Weder zu den Vorwürfen, noch zu seinem bisherigen Leben. Was sein gutes Recht ist.

Zuvor hatten es die beiden Verteidiger mit allerlei Anträgen probiert. Sie widersprachen der Vernehmung von Zeugen, bemängelten die fehlerhafte Belehrung von Sachverständigen und griffen die von der Staatsanwältin Ursula Redler vertretene Anklageschrift frontal an. Diese sei nicht genau genug formuliert. Des Weiteren versuchten sie, Zeugen mit der "Rückbelastung" von einer Aussage abzuhalten. Was anfänglich zu gelingen schien. Dabei geht das Spielchen so: Wenn der Zeuge, selbst wegen Drogenhandels mit dem Angeklagten bereits rechtskräftig verurteilt, etwas über diese Geschäfte aussagt und den Angeklagten belastet, dann wird der Angeklagte ebenfalls Angaben machen, die den Zeugen über das bereits verurteilte Maß hinaus belasten. Dann käme es zu einem neuen Verfahren gegen den Zeugen. Damit das nicht passiere, könne der Zeuge ja auch schweigen.

Belastungszeugen sagten aus

Genutzt hat es alles nichts. Die Belastungszeugen sagten aus. Am Ende verhängte die Strafkammer dreieinhalb Jahre. Dabei legte sie ein Rauschgift-Geschäft über zwei Kilogramm zugrunde. Außerdem einige kleine Verkäufe des Angeklagten an eine Patientin und deren Freund.

Zudem hatte man bei einer Durchsuchung 2016 in der Praxis immerhin 1,8 Kilogramm Marihuana gefunden. Die Cannabis-Produkte hatte man sich wahlweise aus Offenbach, Stuttgart oder Duisburg besorgt und auf Raststätten oder Parkplätzen vor Ort oder in Bamberg übernommen.

Von einer minderjährigen Patientin hatte der Angeklagte ein Foto ihrer Vagina erbeten, was den Straftatbestand des Erwerbs und Besitzes jugendpornographischer Schriften erfüllte. Auch wenn das Bild nicht mehr in Augenschein genommen werden konnte. "Es gab Zeugen, die es eindeutig beschreiben konnten", so Richter Reznik.

Was nicht verurteilt werden konnte, war der sexuelle Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses. "Das hat uns sehr wehgetan", so Richter Reznik. Denn die Frauen mussten davon ausgehen, dass es sich um einen Psychotherapeuten handelte, doch hatte dieser seine Urkunden und Diplome gefälscht. Die Kriminalpolizei Bamberg war ihm auf die Schliche gekommen, weil die Schriftstücke, die angeblich aus den 70er Jahren stammen sollten, mit einem Drucker erstellt worden waren, der erst in den 80er Jahren auf den Markt gekommen war. Richter Reznik erklärte das mit einer Analogie: Wenn sich ein Nicht-Polizist eine Uniform anziehe und jemanden schlage, werde er auch nicht wegen Körperverletzung im Amt verurteilt. Das könne man nur mit einem echten Polizisten tun.

Allerdings wartet bereits die nächste Anklageschrift auf den angeblichen Psychotherapeuten. Nicht wegen des Missbrauchs von Titeln oder Berufsbezeichnungen, diese Vergehen sind bereits verjährt. Wohl aber wegen Abrechnungsbetruges zum Schaden der Krankenkassen. Dabei geht es nach Angaben aus Justizkreisen um einen Schaden von rund 300 000 Summe.

Für den Pseudo-Psychologen sind Gerichtssäle indes nichts Neues mehr. Er wurde bereits vor sechs Jahren am Amtsgericht Hof wegen Betruges in 167 Fällen und Verstoßes gegen das Markengesetz verurteilt. Ein Jahr später beschäftigte er das Amtsgericht Sonneberg, das ihm den Missbrauch von Titeln und Betrug zur Last legte und eine enorme Geldstrafe von 220 Tagessätzen verhängte. Nur einmal kam es zum Freispruch, als der Angeklagte 2012 einer Vergewaltigung beschuldigt wurde. In der Untersuchungshaft in der JVA Bamberg knüpfte er den Kontakt zu einem seiner späteren Drogenlieferanten.