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Großenseebach

Es hapert beim Homeschooling

Oft fehlen technisches Gerät oder genug Wohnraum, um den Nachwuchs digital sinnvoll zu unterrichten.
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Homeschooling ist eine Herausforderung für Kinder und Eltern. Foto: Archiv, Adobe Stock
Homeschooling ist eine Herausforderung für Kinder und Eltern. Foto: Archiv, Adobe Stock

"Das Home- schooling ist ein komplexes Thema mit vielen Facetten, das nicht nur Großenseebach beschäftigt", erklärte Bürgermeister Jürgen Jäkel in der Sitzung des Schul-, Kindergarten- und Jugendausschusses zu den Herausforderungen für die Grundschule Großenseebach. Er habe viele Gespräche geführt und dabei von den Sorgen der Eltern, Kinder und der Schule erfahren. "Kinder und Eltern dürften in dieser schwierigen Situation eben nicht allein gelassen werden", so die einhellige Meinung von Bürgermeister Jäkel, Konrektorin Simone Hertlein sowie der Elternbeiratsvorsitzenden Anja Büchl.

Die plötzlichen Schulschließungen durch die Corona-Krise erweisen sich als Stresstest für die digitale Bildung: Plötzlich wird sehr deutlich, was tatsächlich funktioniert und was nicht. Vielfach hätten die Schüler zu Hause aber auch keine technischen Möglichkeiten, die Materialien online abzurufen.

Digitale Medien seien aus der heutigen Grundschule nicht mehr wegzudenken. Neben den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sprechen einige Autoren sogar von einer vierten Kulturtechnik. Deshalb sei die Stärkung der Medienkompetenz in der Grundschule unbedingt notwendig.

Die neuen Medien sollen zu selbstverständlichen Werkzeugen im Unterricht werden. Die Kinder sollen im Umgang mit ihnen lernen, sie als wichtige Informationsmedien zu kennen und sinnvoll zu nutzen. "Das übergeordnete Ziel ist die Erweiterung der Medienkompetenz unserer Schüler, bei der die alten und neuen Medien als gleichberechtigt nebeneinander erkannt werden. Da sich die Lebenswelt der Schüler zunehmend verändert, muss die Schule ihren Erziehungsauftrag ernst nehmen und die Kinder auf ihre digitale Zukunft vorbereiten", heißt es im Medienentwicklungskonzept Grundschule Großenseebach.

Dass bei der Digitalisierung der Schulen in Deutschland dringend Nachholbedarf besteht, darüber war man sich auch schon vor der Corona-Krise weitgehend einig. Für den "Digitalpakt Schule" wurde sogar eigens das Grundgesetz geändert, damit der Bund die Schulen finanziell unterstützen kann - obwohl Bildung eigentlich Ländersache ist. Der Digitalpakt sollte helfen, die Schulen endlich mit ausreichend moderner Technik auszustatten und die Digitalisierung der Bildung voranzubringen. Die Corona-Krise zeigt: Die Lücken und Schwächen im System sind noch gewaltig. Gleichzeitig könnte das auch eine große Chance sein. Ob die Erfahrungen der Homeschooling-Zeit die Entwicklungen voranbringen, ist aber noch offen.

Technik stößt an Grenzen

Gerade die Homeschooling-Erfahrungen in der Corona-Krise zeigen, wo die bestehende Technik an ihre Grenzen stößt, wenn sie denn vorhanden ist: Statt den Unterricht tatsächlich in eine digitale Umgebung zu verlagern, behelfen sich viele Lehrende damit, analoge Aufgabenblätter einzuscannen und per E-Mail an die Eltern und Schülerinnen und Schüler zu versenden.

Allerdings sei die deutsche Bürokratie dabei keine große Hilfe: Lehrer-E-Mail-Accounts und offizielle Schulclouds stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn Lehrende versuchen, wirklich attraktive Lernangebote zu erarbeiten. Dabei sind sie seitens der Kultusministerien oft als einzige datenschutzkonforme Möglichkeiten benannt, um den Schulunterricht im Digitalen weiterzuführen.

Keine Freigabe

Andere, frei im Netz zugängliche Angebote sind häufig aus Datenschutzgründen für den offiziellen Schulbetrieb unzulässig und erhalten keine Freigaben der Datenschutzbehörden, erklärte dazu die Konrektorin.

"Wir müssen sicherstellen, dass niemand mangels Drucker oder Laptop auf der Strecke bleibt", ist eine der Forderungen der Schule und des Elternbeirates. Nach den Worten des Bürgermeisters sei das nicht nur eine Pflicht, sondern die Kür. Mit einem Beitrag des Heute-Journals machte der Bürgermeister deutlich, dass bei der Digitalisierung der Schulen dringender Nachholbedarf besteht; dass das auch in Großenseebach der Fall sei, darüber waren sich Bürgermeister und die Ausschussmitglieder Heike Weiser (FW), Matthias Paulus (CSU) und Christian Jung (MfG) einig.

Wer an digitalem Unterricht teilnehmen soll, braucht ein digitales Endgerät. Was banal klingt, ist in vielen Haushalten auch 2020 keine Selbstverständlichkeit beziehungsweise keine mehr, seit Smartphones den Familien-PC abgelöst haben. Gibt es einen Laptop oder PC, benötigen den während Corona zudem oft die Eltern zum Arbeiten.

So fehlt es gerade vielen finanziell schwachen Familien letztlich schlicht an einem passenden Gerät, um an Videokonferenzen teilzunehmen. Gerade mit mehreren Kindern im Haushalt wird das zum Problem. Wobei hier neben der Verfügbarkeit von Geräten auch noch die Verfügbarkeit von ausreichend Wohnraum zum Problem wird.

Mehrere Geschwister werden kaum gleichzeitig in einem Zimmer verschiedenen Lehrern bei verschiedenen Unterrichtsstunden folgen können. Zumindest nicht genauso gut wie das finanziell besser gestellte Kind mit eigenem Zimmer. Der digitale Unterricht über Videocalls droht, finanziell schwache Kinder besonders abzuhängen.

Konzept gibt es schon vier Jahre

Wie Konrektorin Hertlein erläuterte, hat die Schule schon vor vier Jahren ein Konzept zur Digitalisierung erarbeitet und die Wünsche der Gemeinde mitgeteilt. Die Grundschule verfügt im Computerraum über Laptops, auch eine Dokumentenkamera sowie Beamer sind vorhanden, und der Gemeinderat bewilligte im September 2018 weitere Tablet-Koffer, aber seither sei nichts mehr geschehen, erzählte die Konrektorin.

"Trotz Nachfragen wurden wir immer wieder vertröstet", klagte die Konrektorin. Dabei sei die Schule nicht untätig gewesen, habe eine Umfrage unter den Lehrkräften sowie unter den 108 Schülern gestartet und sich dem Internetportal für Bildung, Bildung und Medien "Mebis" des bayerischen Kultusministeriums angeschlossen.

Ideal wäre am Ende eine Ausstattung aller Kinder mit einem Endgerät. "Eigentlich haben wir zwei Dinge auf einmal, Corona und Homeschooling sowie zukünftig einen besseren digitalen Unterricht", erklärte dazu Christian Jung.

Wobei Konrektorin Hertlein betonte, dass auch in Zukunft in der Großenseebacher Schule der Online-Unterricht eher die Ausnahme bleiben werde, und auch die Kinder nicht ständig mit Tablets arbeiten.

Eine Mutter forderte in der Sitzung eine langfristige Lösung, "auch weil Corona noch nicht vorbei ist". Denn die jetzigen Kinder werden in einem anderen Zeitalter und in einer völlig anderen Berufswelt aufwachsen.

"Die Lehrkräfte machen einen guten Job und geben sich viel Mühe", lobte die junge Mutter, die derzeit im Home-Office arbeitet, die Schule.

Ausstattung bereitstellen

In der ausführlichen Diskussion wurden mehrere Varianten entwickelt, die Bürgermeister Jäkel dem Gemeinderat vorstellen wird: eine Aufrüstung des Computerraums, die Beschaffung von weiteren Tablet-Koffern sowie digitaler Tafeln und die Klärung der Frage, ob allen Schülerinnen und Schülern ein digitales Endgerät zur Verfügung gestellt werden kann.