Zwei Jahre und neun Monate kommt ein 50-Jähriger aus Bamberg hinter Gitter - der Mann hatte seine getrennt von ihm lebende Ehefrau mitten auf dem Laurenziplatz gewürgt. Am Landgericht Bamberg blieb kein Zweifel, dass es sich dabei um eine gefährliche Körperverletzung gehandelt hatte. Nur den von Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann angeklagten versuchten Totschlag konnte man nicht mit der nötigen Sicherheit nachweisen. Obwohl einiges dafür sprach.

Mit Oberkörper und Kopf hängt Laura F. (Name geändert) aus dem Auto heraus. Nur gehalten vom Sicherheitsgurt. Das Hinterteil berührt beinahe den Asphalt. Ein Bein hat sich im Bereich der Pedale verfangen. Es ist eine groteske Situation, die sich da vor etwas über einem Jahr am Laurenziplatz in Bamberg ereignete. Dabei geht es um Leben und Tod.

Gleich mehrere Zeugen, die entweder gerade eine nahe gelegene Gaststätte verlassen oder gegenüber wohnen, bekommen zu später Stunde mit, wie ein körperlich weit überlegener Mann Laura F. am Hals gepackt hat. Sie hat noch versucht, aus dem Pkw zu entkommen - vergeblich. Es grenzt an ein Wunder, dass es bei der Attacke des 140-Kilo-Kolosses nicht zu schlimmeren Verletzungen gekommen ist. Wie der Rechtsmediziner Stephan Seidl (Erlangen) erklärte, habe zwar keine konkrete Lebensgefahr bestanden, was der Angeklagte aber nicht habe einschätzen können. Die lebensbedrohlichen Folgen seien für den Angreifer nicht kalkulierbar gewesen.

Seelische Probleme

Andererseits hat der Angeklagte, das hat auch der psychiatrische Gutachter Christoph Mattern feststellen können, selbst seelische Probleme. Wobei der Fachmann aus Bayreuth damit zu kämpfen hatte, dass sich der Angeklagte nicht untersuchen lassen wollte. So blieb nur die Prozessbeobachtung und die Aktenlage, um etwas über den geistigen und seelischen Zustand zu erfahren. Die Diagnose: eine passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung. Überspitzt könnte man sagen, dass der Angeklagte in seinem Leben voller abgebrochener Studien, ständig wechselnder Jobs und jahrzehntelanger Arbeitslosigkeit nicht wirklich etwas zu Ende gebracht hat.

Glücklicherweise auch nicht die Misshandlung von Laura F. Das Würgen selbst, so war sich der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt sicher, habe allerdings länger gedauert. "Er hat kräftig zugedrückt." Die Finger haben am deutlich angeschwollenen Hals Abdrücke hinterlassen. Erst durch das beherzte Eingreifen einiger Passanten, die Laura F. unter dem Angeklagten hatten wegzerren können, sei es nicht noch schlimmer gekommen.

Es könne aber dennoch nicht eindeutig bewiesen werden, dass der Angeklagte Laura F. habe töten wollen. "Es spricht aber einiges dafür". Nur die Motivlage sei undurchsichtig. "Wir wissen über die Wochen vorher leider viel zu wenig", so Richter Schmidt.

Warum genau der Streit der beiden in Scheidung lebenden Ehepartner eskaliert ist, das konnte die Strafkammer nicht mit letzter Sicherheit klären. Was zum einen daran lag, dass Laura F. nicht willens war, vor Gericht gegen den Angeklagten auszusagen. Zugleich war ihre Aussage vor dem Ermittlungsrichter nicht sehr umfangreich. Der Angeklagte selbst redete während des Prozesses gerne und viel, ständig auch dazwischen, zum eigentlichen Vorwurf aber brachte er wenig vor.

Nur soviel wurde deutlich: Schon einige Tage zuvor hat es Streitigkeiten gegeben, damals noch ohne Handgreiflichkeiten. Nun aber hat Laura F. einen Entschluss gefasst. Sie will sich möglicherweise vom Angeklagten trennen. Beide Seiten werden schon während der Fahrt laut. Der Angeklagte wird beim Anhalten zudem noch gewalttätig. Erst schlägt er Laura F. ins Gesicht, dann greift er zu.

Angstzustände bleiben

Die körperlichen Schäden sind vergleichsweise gering. Gravierender sind nach Ansicht des Sachverständigen Jens Ulshöfer aus Bamberg die psychologischen Folgen. So hat Laura F. nicht nur während des Angriffes und kurz danach, sondern bis zum heutigen Tage fürchterliche Angstzustände. Eine 120-stündige Therapie soll Laura F. nun ein weitgehend normales Leben ermöglichen.

Der langwierige Prozess endete, wie er begonnen hatte. Der Angeklagte hatte sich nicht unter Kontrolle, redete ständig zu sich selbst und seinen beiden Verteidigern. Am Ende sogar so laut, dass ihn sein Rechtsanwalt Jochen Kaller aus Bamberg zurechtweisen musste: "Halten Sie doch den Mund, sonst fliegen Sie raus!" Nun aber muss der Täter erst einmal wieder hinein in die JVA Bamberg, in der er seit September 2019 in Untersuchungshaft sitzt.