Zu den Artikeln "Anwohner wollen Bauvorhaben verhindern" (BR vom 27. Januar) und "Strehly-Straße: Stadt verkauft an den Investor" (BR vom 29. Januar) wird uns geschrieben:

Wir waren sehr glücklich, als unser neuer Oberbürgermeister Ingo Lehmann im Frühjahr 2020 nach seiner Wahl erklärt hat, dass er bei allen Bauprojekten der Stadt die Meinung der BürgerInnen mit einbeziehen will. Sollen wir nun eines Besseren belehrt werden und soll es nun so sein, dass die Methode aus der vorangegangenen Oberbürgermeisterperiode wieder angewandt wird, nämlich, dass über den Bürgerwillen hinweg Baugebiete ausgewiesen und selbst Unterschriftensammlungen ignoriert werden, so wie es beim Baugebiet in Forstlahm geschehen ist?

Gemeint ist die letzte Woche getroffene Entscheidung der Mehrheit der Stadträte aus CSU, WGK und FDP, im Rahmen der Innenentwicklung von Kulmbach, das Gelände bei der Hannes-Strehly-Straße an einen Investor zu verkaufen, der hier 20 bis 30 Wohnungen errichten will.

Wahr ist, dass in Kulmbach der Bedarf an Wohnungen steigt, und wenn man die Effekte, die durch den Campus der Universität entstehen werden, mit einbezieht, noch steigen wird. Wahr ist auch, dass durch die Bebauung von freien Grundstücken in der Stadt nicht wieder wie in Forstlahm neue Baugebiete mitten in unserer schönen Natur ausgewiesen werden müssen.

Wahr ist aber auch, dass es in Kulmbach so viele Leerstände an Häusern gibt, dass freie Flächen gar nicht angetastet werden müssten (siehe Pestalozzistraße).

Nun stellen sich aber seit einigen Monaten die Anwohner quer. Mit 88 Unterschriften gegen die Bebauung des Grundstücks in der Hannes-Strehly-Straße machen diese ihren Widerstand geltend.

Dieser richtet sich zum einen gegen einen ungenügenden Hochwasserschutz, gegen die zunehmende Lärmbelästigung, aber besonders gegen eine Bebauung eines Grundstücks, das durch 40-jährige Unberührtheit Biotopcharakter angenommen hat und wo eine seltene Tierpopulation entstanden ist.

Sie fürchten außerdem, dass die Stadt durch eine vorzeitige Rodung des Geländes vollendete Tatsachen schaffen wird, denn Herr Wilzok hat in einem Gespräch mit einem Anwohner deutlich gemacht, dass das Landratsamt bereits beauftragt ist, den Bauhof zur Rodung anzuweisen.

Der Anwohner Harald Schmidt hat diese Liste vor der letzten Stadtratssitzung Herrn Wilzok, dem stellvertretenden Bürgermeister, übergeben. Dieser begrüßte ausdrücklich das Engagement der Bürger und versprach, die ganze Sache ernst zu nehmen.

In der Stadtratssitzung ergab sich dann aber ein ganz anderes Bild. Herr Wilzok leitete diese, da Herr Lehmann erkrankt ist. Die Mehrheit der Stadträte aus CSU, WGK und FDP zeigte sich entschlossen, keinen Widerspruch zuzulassen und die Entscheidung, das Baugebiet zu verkaufen, noch in dieser Sitzung durchzuziehen. Die Einwände der SPD und der Grünen wurden von Herrn Wilzok, selbst CSU, mit einem sonderbaren und sehr herablassenden Ton quittiert, obwohl der neue Leiter der Planungs- und Bauabteilung Herr Ellinghaus überzeugend darlegte, dass es noch viele Einspruchsfristen bis dahin gebe.

Dass es öffentlich bereits sehr kritische Stimmen gegeben hat, wurde von den CSU-Stadträten abfällig oder gar nicht erwähnt. Die Unterschriftenliste selbst war überhaupt kein Thema. Ein Schlag ins Gesicht für alle Zuhörer aus der Hannes-Strehly-Straße, die bei der Sitzung anwesend waren.

Enttäuschung wurde hinterlassen: Hatte nicht Herr Lehmann der Bürgerbeteiligung sehr viel Raum zugesagt? Wurde nicht von Herrn Wilzok Bürgerengagement gelobt?

Misstrauen wurde hinterlassen: Hat die CSU dem Bürgerwillen etwa den Kampf angesagt? Wird die Stadt das Gebiet nun vorzeitig roden, um Tatsachen zu schaffen?

Vermutungen stehen im Raum: Ist der Kaufvertrag vielleicht schon in trockenen Tüchern, ohne Bürgerbeteiligung? Hat man die Entscheidung über das Baugebiet vielleicht absichtlich in den Zeitraum gelegt, in dem Herr Lehmann erkrankt war? Versucht man, das Bauvorhaben vielleicht jetzt durchzudrücken, wo die Bevölkerung durch die Corona-bedingten Maßnahmen kaum ihre Mitsprachemöglichkeit wahrnehmen kann?

Ein unerträgliches Ohnmachtsgefühl bleibt zurück und das Gefühl, dass die Politiker nicht glaubwürdig sind. Und was das Schlimmste daran ist: Das Ganze spielt den Querdenkern in die Hände, deren Zulauf sich aus denen speist, die den Volksvertretern nichts mehr glauben und hinter jeder Entscheidung eine Verschwörung vermuten.

Wollen wir das? Oder wollen wir als Bürger gemeinsam mit unseren gewählten Volksvertretern im Vertrauen zueinander ein Kulmbach schaffen und erhalten, das lebens- und liebenswert ist?

Franziska Schumm

Kulmbach