Bürgermeister und Stadt können sich über die noch kurz vor Weihnachten getroffene Entscheidung eines Industrieunternehmens zur Neuansiedlung in Scheßlitz freuen. Drum wurden zwischenzeitlich, so scheint es, in aller Eile auch sämtliche Register gezogen, um das Projekt so schnell wie möglich "in trockenen Tüchern zu haben", wie es im Volksmund heißt.

Dennoch war mindestens einer der Räte etwas erstaunt darüber, die Einladung für die jüngste Stadtratssitzung zu erhalten. Schließlich waren doch seitens des Bayerischen Innenministeriums, worauf Ralph Behr (Grüne) hinwies, Mitte letzten Monats alle Gremien gebeten worden, wo nur möglich auf gemeinsame Präsenzsitzungen zu verzichten. Mit Verweis auf den nichtöffentlichen Teil der Sitzung sowie Tagesordnungspunkt 1 der öffentlichen Sitzung, mit dem sich die neue Firma offiziell der Stadt vorstellte, rechtfertigte Erster Bürgermeister Roland Kauper (CSU) die Zusammenkunft am Abend.

Wie dann in der Vorstellung des Unternehmens zu vernehmen, ist der Gewinn für Scheßlitz auch den persönlichen Beziehungen des Ersten Bürgermeisters zu verdanken. Zumindest mag der Punkt bei der Entscheidungsfindung, ob Hallstadt oder Scheßlitz, im Leitungsgremium keine unwesentliche Rolle gespielt zu haben.

Bei dem Unternehmen handelt es sich um die Chroff Kunststofftechnik, zurzeit noch in der Kirschäckerstraße in Bamberg beheimatet. Eigentlich besteht die Firma aus zwei Unternehmen: Die Chroff Kunststofftechnik und Chroff Konstruktion + Design, unter einem gemeinsamen Dach. Gegründet 1999 als Familienunternehmen von Robert Christmayr und Gerhard Hoffmann, woraus sich auch der Firmenname ableitet.

Hohes technisches Know-how

Das Unternehmen verfügt über hohes technisches Know-how. Zum Einsatz kommen verschiedene Kunststoffe, mit Ausnahme von PVC. Das Leistungsspektrum umfasst die individuelle Entwicklung mit dem jeweiligen Kunden bis zur Serienproduktion und Sicherstellung von Qualitätsstandards. Gefertigt wird vorwiegend für die Automobilindustrie. Hier wurden bei der Sitzung Komponenten für BMW, Audi, Mercedes-Benz und sogar Rolls-Royce genannt. Bei den Bauteilen handelt es sich um Lösungen, die "antriebsunabhängig" sind, wie verlautete, weshalb man - trotz aktueller Automobilkrise - zukunftsträchtig aufgestellt sei. Aber auch für andere Wirtschaftszweige, die künftig mehr Bedeutung erhalten sollen, wird gefertigt. Genannt wurden hier unter anderem Medizintechnik, Bauindustrie und Steiner-Optik im nahe gelegenen Bayreuth.

Aus zehn Mitarbeitern sind inzwischen 95 geworden. Und weil man weiter wachsen will sowie am jetzigen Standort in der Kirschäckerstraße in Bamberg keine Möglichkeit zur Expansion besteht, wurde mit dem Beschluss zur Verlagerung nach Scheßlitz Planungssicherheit für die Zukunft geschaffen. Im neuen "Gewerbegebiet Brandäcker" wird die künftige Heimat des Unternehmens sein.

Bei den Baumaßnahmen sollen die Vorgaben des "Gewerbegebiets Brandäcker" zur Bebauung eingehalten werden, wie die anschließende Fragerunde des Managements mit den Stadträten gezeigt hat. Das gilt insbesondere für den Einsatz regenerativer Energien sowie Oberflächenwasserbehandlung und die Vermeidung der Flächenversiegelung im Bereich der Parkplätze.

Auch erhöhtes Verkehrsaufkommen in Scheßlitz ist laut Firmenleitung beim bestehenden Dreischichtbetrieb mit sieben bis acht Mitarbeitern pro Schicht, fünf, sechs Paketdienstfahrten sowie ein bis zwei Vierzigtonner-Lkw am Tag nicht zu erwarten. Dafür profitiert Scheßlitz durch zusätzliche Gewerbesteuereinahmen, neue Arbeits- und Ausbildungsplätze. Aber auch bestehende Unternehmen vor Ort können sich auf neue zusätzliche Kundschaft freuen.

Mit ersten Arbeiten begonnen

Angesichts des ehrgeizigen Zieles, bereits ab Anfang kommenden Jahres an der neuen Adresse in Scheßlitz erreichbar zu sein und allseits zugesicherter Befürwortung, wurde schon mit ersten Arbeiten begonnen. "Ohne vorliegende Baugenehmigung", hieß es seitens der Zuhörerschaft nach Verlassen des öffentlichen Teils der Sitzung. Die vorgebrachte Kritik konnte auf Journalistennachfrage beim Ersten Bürgermeister entkräftet werden: "Baustelleneinrichtung, das Abschieben des Mutterbodens sowie das Schnurgerüst sind noch kein Baubeginn. Diese vorbereitenden Arbeiten dürfen bereits vorab durchgeführt werden", so der entscheidende Satz im Schriftverkehr des Landratsamtes mit Firma Chroff.