Es ist bereits der dritte Versuch eines Prozesses gegen einen 50-jährigen Mann aus Bamberg, der seine Ehefrau auf offener Straße geschlagen, stranguliert und gewürgt haben soll. Am Landgericht Bamberg waren zwei Anläufe, die Umstände des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung Ende September 2019 aufzuklären, am Verhalten des Angeklagten gescheitert. Nun aber soll in dem ungewöhnlichen Prozess noch im Oktober ein Urteil fallen.

Alles dreht sich nur um ihn selbst. Wortreich jammert Viktor H. (Name geändert) über seiner Meinung nach unmenschliche Haftumstände, die er Folter nennt, über seinen angegriffenen Gesundheitszustand, über frühere Strafverteidiger, die sein Vertrauen nicht wert wären. Es ist ein wirrer, ermüdender Redestrom, der vom Hundersten ins Tausendste führt, und nicht nur seine beiden Rechtsanwälte Jochen Kaller und Jörg Händler zur Verzweiflung bringt. Hält sich Viktor H. doch an kaum einen ihrer Ratschläge. Vielmehr sucht er die juristischen Profis im Saal zu belehren. Oder er sucht mit dem Hinweis auf eine Erschöpfung das Verfahren zu verzögern.

Deutlich wortkarger wird er, sobald es um den Gewaltausbruch geht, den ihm Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann vorwirft. Mitten auf dem Laurenziplatz soll Viktor H. Ende September letzten Jahres versucht haben, seine baldige Ex-Ehefrau umzubringen. Zuvor hatte es offenbar einen Streit um den gemeinsamen Sohn gegeben. "Dann sind ihm die Sicherungen durchgebrannt", so das Opfer später. Mit den Worten "Jetzt reicht's" soll er sie am Hals gepackt, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihr unter ihrer Brille in die Augen gedrückt haben. Hernach soll er sie mit ihrem Schal stranguliert und wiederum mit Händen gewürgt haben.

Vor dem Vorsitzenden Richter Manfred Schmidt und der 2. Strafkammer streitet Viktor H. alles ab. Im Gegenteil: Er habe seine hysterische Frau nur beruhigen wollen. Keinesfalls sei es darum gegangen, sie zu töten. Sie habe geschrien, ihn beschimpft und geschlagen.

Gleich mehrere nüchterne und unbeteiligte Zeugen belasten Viktor H. schwer. Da ist ein Anwohner, der kurz vor 22 Uhr Hilferufe gehört und das Geschehen durch sein Schlafzimmerfenster beobachtet hat. Als er nach unten auf die Straße kommt, kann er noch hören, wie die Frau ein "Er will mich umbringen" hervorstoßen kann. Sie selbst ist vom Fahrersitz gerutscht, hängt aber noch im Sicherheitsgurt. Bis auf ein Bein hängt sie außerhalb des Wagens. Viktor H. hat sich über die Frau gebeugt und sie mit beiden Händen am Hals gepackt. Das habe man trotz stockfinsterer Nacht im Schein der Innenbeleuchtung sehen können. Auch lautes Rufen und Schläge des Anwohners stören den Täter nicht. Eine Passantin hämmert von der Beifahrerseite auf seinen Rücken und die Schultern, zieht ihn sogar an den Ohren.

Selbstmordversuch

Es ist diese Besucherin einer nahe gelegenen Gaststätte, die auf dem Nachhauseweg ebenfalls Hilfeschreie hört. Die junge Frau schildert eine ähnliche Situation wie der Anwohner. "Er hat gar nicht reagiert, gar nichts gesagt". Ein Begleiter der Nachtschwärmerin verständigt die Polizei, die nur wenige Minuten später auf der Bildfläche erscheint.

Bis dahin gelingt es dem Quartett aus Anwohnern, Passantin und zwei Begleitern mit einiger Mühe, die Frau von ihrem Angreifer wegzuzerren. "Sie war fertig, hatte wahnsinnig viel Angst". Viktor H. steht danach einfach nur da. Er macht keine Anstalten, noch einmal zuzupacken, versucht aber auch nicht zu fliehen. Seither sitzt er in der JVA Bamberg, wo er bereits einen Selbstmordversuch unternommen hat.

Im Zeugenstand nutzte die 48-jährige Noch-Ehefrau das Recht, nicht gegen Viktor H. aussagen zu müssen. Möglicherweise kann jedoch ihre Aussage vor dem Ermittlungsrichter Marco Dippold am Amtsgericht Bamberg verwertet werden. Ob Viktor H. ins Gefängnis muss, oder ob er aufgrund gravierender psychischer Probleme, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen, in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen wird, das muss Christoph Mattern begutachten. Der Sachverständige aus Bayreuth ist nach Prof. Hans-Peter Volz und Bernd Münzenmayer vom Bezirksklinikum Schloss Werneck bereits der dritte Fachmann, der Viktor H. untersuchen sollte. Da der Angeklagte dies jedoch ablehnt, wird nun ein psychiatrisches Gutachten unter dem Eindruck des Prozesses erstellt. Wenn alles nach Plan läuft, womit nicht zu rechnen ist, dann soll am 20. Oktober ein Urteil fallen.