Sigismund von Dobschütz

Um Recht und Gerechtigkeit, um Vergeltung und Rache, um die Möglichkeit zur Versöhnung geht es in dem im Dezember im Penguin-Verlag erschienenen Roman "Die Vergessenen" von Ellen Sandberg. Seit Jahren bekannt für ihre Regionalkrimis um den Münchner Kommissar Konstantin Dühnfort, wechselte Schriftstellerin Inge Löhnig unter dem Pseudonym Ellen Sandberg nun das Genre.
Die Vergessenen in diesem Familienroman sind die unzähligen Opfer zweier nur beispielhaft genannter Verbrechen in Zeiten des Nazi-Regimes und des Weltkrieges, die in ihrer Art völlig unterschiedlich sind, in vielen Fällen aber bis heute ungesühnt blieben.
Der in München lebende Manolis Lefteris, seit Jahren einem Anwalt als "Mann für besondere Fälle" im rechtsfreien Raum behilflich, erhält den Auftrag, für einen Mandanten versteckte Akten zu beschaffen.
Manolis ist der Sohn des einzigen, damals erst achtjährigen Überlebenden des Massakers einer deutschen Wehrmachtseinheit, die 1944 die Einwohner eines griechischen Dorfes aus Vergeltung für einen Partisanenangriff grausam ermordeten. Mehrfache Versuche, dieses Massaker von der deutschen Bundesregierung offiziell als Kriegsverbrechen anerkennen zu lassen, blieben erfolglos. Das ungesühnte Schicksal seiner Familie prägte bis heute Manolis' Leben. Auf seiner Suche nach den Akten trifft er auf die Journalistin Vera Mändler, die, ebenfalls auf der Suche nach den Akten, Geschehnisse in einer psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt bei München zu Zeiten des NS-Regimes aufdeckt, in der ihre Tante Kathrin als 20-jährige Schwesternschülerin bis Kriegsende tätig war. In mehreren, kapitelweise in die aktuelle Kriminalhandlung eingefügten Erinnerungen Kathrins erfahren wir Leser von der durch den Anstaltsleiter Karl Landmann vorgenommenen Selektion "unwerten Lebens". Auch Karl Landmann kommt ohne Strafe davon und lebt nach dem Krieg unter neuer Identität ein sorgenfreies Leben.
Zwar ist die Handlung des Romans fiktiv und wie ein Krimi zu lesen, doch sind die in Rückblenden genannten Ereignisse des Jahres 1944 verbürgt, auch wenn die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar und das griechische Dorf Distomo bewusst umbenannt wurden. Der Autorin ist mit "Die Vergessenen" ein lesenswerter Roman um die immer wieder sich uns aufdrängende Frage gelungen: "Wann endet Schuld, wo beginnt Versöhnung?" Denn die einen wollen vergessen, die anderen können es nicht - auch nicht nach 80 Jahren. "Das Leben hat einen Rückspiegel", hat Manolis Lefteris feststellen müssen.