Als am 28. April 1995 die Alte Aula feierlich ihrer neuen Bestimmung übergeben wurde, hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass sie einmal auch von elementarer Bedeutung sein wird, damit die Stadt überhaupt noch Stadtratssitzungen durchführen kann. Besondere Sitzungen, wie konstituierende, werden schon lange in der Alten Aula durchgeführt. Um den wegen Corona notwendigen Abstand einhalten zu können, finden nun aber alle Sitzungen dort statt.

Antrag auf Förderung

Um das kulturelle und gesellschaftliche Angebot der Stadt erweitern zu können, hatte der Stadtrat nach schwierigen Diskussionen Ende 1992 bei der Regierung von Unterfranken einen Antrag auf finanzielle Unterstützung für den Umbau der Alten Aula gestellt. Zur Begründung hieß es damals, dass dies der einzige größere Raum in der Altstadt sei, den man für kulturelle Veranstaltungen und den Fremdenverkehr nutzen könne.

Vereinbarung geschlossen

Der Name weist schon auf die frühere Bedeutung hin, denn tatsächlich diente die Alte Aula früher als Aula des Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasiums, das im gleichen Gebäudetrakt untergebracht war. Nach dem Neubau des Gymnasiums in der Reichenbacher Straße übernahm die Stadt einen Teil des alten Gymnasiums, der heute für die Stadtverwaltung und die Bücherei genutzt wird. Der andere Teil und damit auch die Alte Aula verblieb bei den Augustinern, der Orden schloss eine Vereinbarung mit der Stadt Münnerstadt auf zunächst 30 Jahre. Auch die Augustiner, so sagte der damalige Prior des Klosters St. Michael, Pater Gebhardt Maulhardt, waren sehr erfreut, dass die Räume eine solche Nutzung bekamen.

Sämtliche Festredner unterstrichen bei der Einweihung die Bedeutung der Alten Aula für die Stadt Münnerstadt und bezeichneten die Sanierung unter der Leitung des Münnerstädter Architekten Wolfgang Blümlein als gelungenes Werk, das zu einem neuen Schmuckstück geworden sei. Bürgermeister Ferdinand Betzer erinnerte an die Geschichte des Gebäudes, für das am 5. August 1687 der Grundstein gelegt worden war. Der italienische Laienbruder Thomas Zent fertigte in den Jahren 1692 und 1693 die außergewöhnliche Stuckdecke, die bis heute erhalten ist, und dem Saal einen besonderen Glanz verleiht.

Ferdinand Betzer war sich sicher, dass durch die Alte Aula die Stadt an Attraktivität gewinnt. Für Konferenzen und Tagungen stehe sie zur Verfügung, sie könne von Vereinen und Verbänden genutzt werden, sei Treffpunkt für Reisegruppen und nicht zuletzt ein neues Besichtigungsobjekt für Touristen, meinte der damalige Bürgermeister. Die Alte Aula werde dafür sorgen, dass die Stadt an Attraktivität gewinnt.

730 000 Mark hatte die Sanierung gekostet, 390 000 Mark waren als Fördermittel geflossen. Weil die Stadt damals in einer finanziell schwierigen Lage war, hatte es auch Widerstand im Stadtrat gegeben. Die Mehrheit der Stadträte aber wollte die Sanierung. Im Gegenzug zu den Investitionen der Stadt vereinbarten die Augustiner mit der Stadt eine sehr moderate Pacht, erinnert sich Helmut Blank, der damals im Bauamt tätig war.

Seither ist die Alte Aula die "gute Stube" der Stadt. Dort finden alljährlich die Neujahrsempfänge statt, beim letzten schaute sogar Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vorbei. Bei Konzerten, Theateraufführungen und anderen kulturellen Veranstaltungen bietet die Alte Aula einen würdigen Rahmen. Allerdings werden mit Blick auf die historische Stuckdecke und das unmittelbar angrenzende betreute Wohnen nicht alle Events erlaubt.

Eigentum wechselte

Inzwischen haben die Augustiner das Kloster einschließlich der Alten Aula der Carl von Heß'schen Sozialstiftung übergeben. Sie ist nun Vertragspartner der Stadt. Am Dienstag, 12. Mai, wird es in der Alten Aula wieder eine Stadtratssitzung geben, die allerdings ohnehin dort stattgefunden hätte: die konstituierende Sitzung des neu gewählten Stadtrats.