Dass ein Zauber sich mehr in den Mythen findet, als in den Fakten, das ist derzeit täglich zu erleben. Und dass sich Menschen von Legenden beeinflussen lassen, weil die sich irgendwann verselbstständigen, ist immerwährende Geschichte. Museumsleiter Dr. Nicolas Zenzen konnte in seinem Referat "Dichtung und Wahrheit. Ein Rückblick in die Münnerstädter Geschichte" einiges zurechtrücken und einordnen. Dabei kommt ihm zugute, wie er selbst einräumt, dass er Außenstehender ist, was die Betrachtung geschichtlich, lokaler Ereignisse emotionsloser und objektiver macht. Mit Hilfe der Projektion gelang es Nicolas Zenzen, seine Thesen überzeugend darzustellen.

Apropos Thesen, der Augustiner Martin Luther hat mit seinen Verbesserungsvorschlägen in Wittenberg 1517 eine Revolution ausgelöst, die bis zum Ende des 30-jährigen Krieges sehr, sehr viel Leid über Europa gebracht hat. Münnerstadt war davon mehrfach betroffen. Die Reformation fand im 16. Jahrhundert hier im Ort Anklang, die Augustiner, wohl in Solidarität mit ihrem Glaubensbruder Luther, verließen Münnerstadt.

Julius Echter leitet mit ziemlich viel Druck Ende des 16. Jahrhunderts die Gegenreformation ein, was dazu führte, dass einflussreiche und vermögende Familien ihre Heimatstadt verlassen mussten. Die Behauptung aber, dass damit der Niedergang in die Bedeutungslosigkeit bis heute anhält, ist nach den Forschungen des Museumsleiters nicht passend.

Richtig ist, dass im 17. Und 18. Jahrhundert, also nach dem 30-jährigen Krieg, Münnerstadt zu einer kleinen Metropole in der Region, vor allem durch Handel und Handwerk wurde. Das lasse sich an der Zehntscheune, an der Klosterkirche und an Kunstwerken leicht ablesen. Die Gegenreformation bewirkte, dass die Würzburger Fürstbischöfe viel Geld in das Lauerstädtchen steckten und mit Personal die Strukturen unterstützten, um den Religionswechsel schmackhaft zu machen, was nur sehr zögerlich gelang.

Da stimmt was nicht

Und dass in der Folge des 30-jährigen Krieges die Münnerstädter ein Gelübde abgelegt hätten, den 8. September als Errettungstag durch eine Marienerscheinung vor den schwedischen Truppen zu feiern, ist durch historische Fakten eindeutig widerlegt. "Die Schweden" von 1641 waren nicht zum ersten Mal da und vor allem nicht zur Erntedankzeit. Es war Februar, als die Truppen Münnerstadt bedrohten. Eine gewisse Stärke und zugleich Druck war auch die Anwesenheit von 300 kaiserlichen Soldaten innerhalb der Mauern. Das alles kann den General von Rosen dazu bewogen haben, mit seinen Soldaten lieber die nähere Umgebung zu brandschatzen. Der gelobte Feiertag wurde erst mit dem Wiedereinzug der Augustiner Ende des 17.Jahrhunderts eingeführt. Es ist bis heute eine sehr schöne und glaubwürdige Tradition geblieben.

Noch weiter in die Geschichte der Stadt zurück wagte sich der studierte Archäologe, als er sich an die Gründungsbeweise für Münnerstadt machte. Im Gegensatz zu anderen Orten gibt es die Nennungsurkunde für das Munerichestat an der Lauer nicht im Original. Auf welchen verschlungenen Wegen es trotzdem gelungen ist, heute 1250 Jahre Existenz nachzuweisen, wurde sehr visuell an der Projektion erklärt. Die Forschung erkannte erst auf vielen Umwegen von Abschriften aus Klöstern den Ursprung der Schenkung an das Kloster Fulda im Jahre 770. Dass Weinberge verschenkt wurden, kann man aus der Urkunde ablesen, die müssen aber nicht in der Ortschaft gelegen haben.

Schwere Wunden

Nicolas Zenzen umrankte die beiden Hauptaspekte mit anderen Geschichten aus der jüngeren und älteren Historie der Stadt. Der Zweite Weltkrieg hat am Ende in der Bausubstanz schwere Wunden geschlagen und nochmals Leid in die Bevölkerung gebracht. Trotzdem war das Kriegsende vergleichsweise glimpflich. "Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass historische Bausubstanz nach 1945 weitaus mehr zerstört wurde". Er verwies auf das sang- und klanglose Ende der Brautradition vor neun Jahren. Auf die Gebietsreform und ihre emotionalen Folgen kam er zu sprechen und beschreibt die derzeitige Situation als "Trauma", das es angesichts mangels anderer Möglichkeiten zu überwinden gilt.

Da keiner der Orte und der dort lebenden Menschen seine Identität aufgeben musste, währe es ein lohnendes Ziel, "Einheit in Vielfalt" zu leben. . Zenzen sieht Münnerstadt mitten in einer strukturellen Umbruchphase. Als solides Fundament macht er die Bildungs- und Sozialeinrichtungen in der Stadt aus. Außerdem ist die geschichtsreiche Bausubstanz nicht Last, sondern Chance für eine Aufwertung der Stadt. "Besinnen wir uns auf die Stärken!", so Nicolas Zenzen.