Einen abgerissenen Jackenaufhänger bekommt man vielleicht noch hin. Er muss ja nicht perfekt aussehen - nur halten. Bei einem kaputten Reißverschluss wird es schon schwieriger. Die erste Frage stellt sich von selbst: Wer kann das? Die zweite Frage ist zwangsläufig die nach den Kosten: Lohnt es sich überhaupt?

"Einfach mal fragen, es ist meist günstiger, als man denkt", rät Sabine Zielina von der "Nähstube". Ihr Mann Oliver ist der Chef des Betriebs in der Bamberger Straße 11 in Bad Staffelstein. Hier arbeiten Lilo Müller, die frühere Geschäftsinhaberin Karin Wendler, Renate Grottenmüller und eben Sabine Zielina.

Textiles Gestalten statt Nähen

Nach der Schulzeit hatte die 56-Jährige, wie ihre drei Kolleginnen auch, den Beruf der Schneiderin erlernt. "Da gab es in der Berufsschule Lichtenfels noch Schneiderklassen", erzählt Sabine Zielina. Dann folgte das Berufsleben in der "Striwa". Viele Arbeits- und Ausbildungsplätze gab es in dieser Lichtenfelser Firma, die 2001 in die Insolvenz ging.  Mittlerweile gibt es keine einzige Berufschulklasse mehr. Auch in den Schulen im Werk- oder Handarbeitsunterricht ist das Fach Nähen verschwunden. Stattdessen heißt es Textiles Gestalten - doch das habe mit ihrer jetzigen Arbeit nicht viel zu tun. Sabine Zielina ist zwar Änderungsschneiderin, wie die anderen Mitarbeiterinnen auch, aber andere Tätigkeiten wurden in den vergangenen Jahren immer wichtiger: das Reparieren, Flicken und Ausbessern. Nicht nur, dass das Wissen um diese Handwerkskunst schwindet, weil die Tanten, die Omas, die das noch konnten, älter geworden oder verstorben sind. Für die Angehörigen der Wegwerfgesellschaft war es bequemer, ein neues Teil - vielleicht noch günstiger als das alte - zu kaufen.

Flicken, stopfen, säumen

In jüngsten Jahren jedoch habe sich das Bewusstsein geändert: "Die Leute leben nachhaltiger" , hat Sabine Zielina erfreut festgestellt. Nicht wenige Gäste, sagt sie, verbringen ein-, zweimal im Jahr ihren Urlaub oder ihre Kur in Bad Staffelstein und bringen zu Beginn ihres Aufenthalts ganze Wäschepakete vorbei. Diese Textilien wollen sie dann geflickt, gestopft oder neu gesäumt wieder mit nach Hause nehmen. "Viele kennen wir schon lange und freuen uns jedes Mal, wenn sie vorbeischauen", sagt die Näherin lachend.

Auch viele Einheimische zählen zu ihrer Kundschaft: Eine Arbeitshose, bei der die Naht aufgegangen ist, ein schickes Kleid mit einem Riss im Ärmel oder die Lieblingsleggings, die tatsächlich nur fünf Euro gekostet hat. "Bei uns ist alles dabei", sagt Sabine Zielina und deutet auf die verschiedenen Ständer, auf denen die Kleidung tageweise abholbereit sortiert ist. Teure Designeranzüge findet man hier ebenso wie eine nicht mehr so neue Jeans mit Löchern an der Gesäßtasche.

"Wir reparieren alles, was unter eine Flachbettmaschine passt", erklärt sie. Da kann schon mal ein Sonnensegel dabei sein. Oder ein Hundebett, das zu sehr unter der Liebe des Vierbeiners gelitten hat. Auch Gardinen, Tisch- und Bettwäsche reparieren die vier Frauen. Und es wird mehr: Der Anteil an der Flick- und Ausbesserungswäsche gegenüber den Änderungsarbeiten beträgt mittlerweile um die 50 Prozent.

"An Gesäßtaschen versteppen", schreibt Sabine Zielina auf den kleinen Auftragszettel, den sie an einer Herrenjeans befestigt - oder sie notiert an einem Kleid im Leopardenlook: "Linke Seitennaht aufgerissen und ausgefranst".

"Arbeit haben wir genug", sagt Sabine Zielina. Die Nähstube haben ihr Mann und sie übrigens erst 2017 übernommen.

Mit Nadel, Faden und Stoff arbeiten kann man auch bei der Volkshochschule. Jutta Hellmuth ist Ansprechpartnerin der VHS-Außenstelle Ebensfeld. Aktuell finde drei Kurse statt: Nähen für Erwachsene, für Kinder oder Anfänger und für Fortgeschrittene. Bis vor wenigen Jahren bot die Volkshochschule auch Reparaturkurse für Bekleidung an - Löcher oder Risse reparieren und flicken. Dies soll eventuell ab Frühjahr wieder ins Programm aufgenommen werden. "Ich würde gern wieder einen Reparaturkurs anbieten", sagt Jutta Hellmuth. Bis es soweit ist, unterrichtet die aus Ebern stammende Schneidermeisterin Kerstin Engelbrecht-Finzel nur, wie man neue Kleidung selbst herstellt.