Was soll man von einem Buch halten, in dem es um Hunderassen geht, wenn als erstes "100 Gründe sich keinen Hund anzuschaffen" genannt werden. Viel, findet Kerstin Dorschner. Sie ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und Ausbildungsleiterin beim Verein für Gebrauchshunde in Neustadt. "Ich fand es sehr gut, dass ich erst einmal ins Nachdenken gebracht wurde, ob das mit einem Hund auch vernünftig ist", sagt sie rückblickend.

Alle 100 Gründe konnten sie nicht davon abbringen, Hundebesitzerin zu werden. Sie ist es schon lange. Bereut hat sie es nie. Und doch sagt sie jedem, der vor der Entscheidung steht, sein Leben mit einem Hund zu teilen, dass er sich sehr gut überlegen soll, was er da tut. "Du triffst ja keine Entscheidung für dich allein. Du triffst eine Entscheidung für euch beide, also auch für den Hund", sagt sie. Wenn er zu einem Menschen oder einer Familie geholt wird, ist das für den Hund das einschneidendste Ereignis in seinem Leben. "Du hast Freunde, Beruf und so weiter. Der Hund hat nur dich", schreibt die Hundetrainerin jedem künftigen Hundebesitzer ins Stammbuch.

In aller Regel hat sie es aber nicht mit künftigen Hundebesitzern zu tun. Vielmehr kommen Leute beispielsweise zu den Welpenkursen des Neustadter Vereins - also als frisch gebackene Hundebesitzer. Und nicht selten hört Kerstin Dorschner Sätze wie: "Das hatten wir uns doch ganz anders vorgestellt."

An vieles denken

Daher lohne es sich, mal über die "100 Gründe, sich keinen Hund anzuschaffen", gründlich nachzudenken. Wenn dann noch immer der Wunsch da ist, beginnt das Nachdenken von vorne. "Man sollte gründlich überlegen, welcher Hund zu einem passt", sagt Kerstin Dorschner. Sie beginnt mit der Wohnung. "In zwei Zimmern im vierten Stock ist ein Bernhardiner oder Berner Sennenhund wohl kaum die richtige Wahl", erklärt sie. Ein wenig Selbstreflexion rät sie ebenfalls an: "Wie aktiv und fit bin ich selbst? Für ausgemachte Couchpotatoes ist ein Hütehund, der ständig gefordert sein will, eine Katastrophe." Und noch eine wichtige Frage: "Was will ich überhaupt mit dem Hund tun?" Möchte der neue Hundebesitzer in den Hundesport einsteigen, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ob Agility, Dogdance, Flyball oder Schutzdienst - nicht jede Rasse eignet sich für jeden Sport gleich gut. Und vor allem sollte klar sein, dass sich in jedem Fall auch Herrchen oder Frauchen ausgiebig wird bewegen müssen.

Auch der Hund hat Bedürfnisse

Oft wird das vierbeinige Familienmitglied aber auch einfach als Begleithund gewünscht. Er soll der Kumpel sein, mit dem es auf Spaziergänge geht, der einen täglich animiert, sich draußen zu bewegen, der zuhört, da ist, Einsamkeit verhindert. Doch egal, warum sich jemand einen Hund anschafft. "Wir sollten uns immer fragen, ob wir den Bedürfnissen des Hundes auch gerecht werden können", mahnt Kerstin Dorschner.

Kann ein junger von Natur aus aktiver Hund seinen Tatendrang nicht ausleben und wird er viel alleine gelassen, dann sucht er sich selbst Alternativen. "Das sind dann die Fälle, wo jemand heimkommt und der Hund hat die halbe Wohnung zerlegt", sagt Kerstin Dorschner.

Urlaub ist für sie ein heikles Thema. Für sie und ihren Mann gibt es keine Frage. "Im Urlaub sind die Hunde dabei, Punkt." Entsprechend muss der Urlaubsort gewählt werden. Wer das nicht will, sollte wissen, wo sein Hund in der Zeit bleibt. Kann er in der Familie bleiben, ist das wohl meistens eine gute Lösung. Er kennt die Menschen, die um ihn sind. Tierpensionen oder Tierheime werden sich gewiss gut um den Hund kümmern, wenn er dort eine oder zwei Wochen verbringen muss. Doch für Kerstin Dorschner käme diese Lösung nicht infrage. "Meiner Überzeugung nach ist das für einen Hund mit enger Bindung an seinen Menschen eine schlimme Situation", sagt sie. Schließlich weiß der vierbeinige Freund nicht, wann und ob die Person, der seine ganze Zuwendung gehört wieder kommt. "Ich könnte keinen Urlaub genießen, wenn ich ständig daran denken müsste, wie es meinem Hund geht", sagt sie.

Allein sein ist Stress

Allein gelassen zu werden, ist für den Hund immer ein gewisser Stress. Natürlich wird es immer notwendig sein, dass eine Weile allein zu Hause bleibt. Man sollte sich im Klaren sein, dass es dann sein kann, dass er viel bellt oder heult. Die Nachbarschaft wird nicht immer begeistert sein. Ein zweiter Hund als Gesellschaft ist da nicht unbedingt eine Hilfe. "Dann sind eben zwei Hunde allein", sagt Kerstin Dorschner trocken. Vor allem müsse der zweite Hund charakterlich zum ersten passen. Sonst wird der Strass größer statt kleiner.

Das eigene Alter sollte ebenfalls beachtet werden. Wer einem Teenager einen Hund schenkt, sollte zuvor darüber nachdenken, dass der Hund vielleicht 15 Jahre alt wird. Der 15-Jährige ist dann 30 und hat Ausbildung, Partnersuche, beruflichen Wohnortwechsel und Familiengründung hinter sich. Konnte er da immer einen Hund gebrauchen? Auch für alte Menschen sei der Blick auf die Lebensdauer des Hundes von Bedeutung. Wer sich ein Haustier anschafft sollte bedenken, wie weit er in den kommenden 15 Jahren noch in der Lage sein wird, sich vernünftig um seinen Hund zu kümmern. "Es gibt da Vermittlungen extra für ältere Hunde oder es findet sich im Tierheim ein Hund, dessen Herrchen vielleicht verstorben ist", rät Kerstin Dorschner. So einem Hund dann noch ein paar schöne Jahre zu geben, könne eine Erfüllung für den neuen Besitzer und den Hund gleichermaßen sein.

Auch an das Ende denken

Selbst an das Ende der schönen Zeit mit einem Hund sollte bei der Entscheidung für die Anschaffung schon gedacht werden. "Der Hund wird alt, vielleicht krank, dement oder inkontinent. Er wird nicht immer der lustige Junghund bleiben, der voller Lebensfreude um uns herum springt", gibt die Hundetrainerin zu Bedenken. Und vielleicht bleibt einem eines Tages der Gang zum Tierarzt nicht erspart, der dem treuen Freund die letzte Spritze gibt, um ihm Leiden zu ersparen. "Dann sollte jeder bis zur letzten Minute bei seinem Kumpel bleiben", sagt sie.

Und bei allem, was es zu bedenken gibt, steht für sie fest, dass Heinz Rühmann recht hatte, als er sagte: "Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht." Viele Hundefreunde werden ihm ebenso beipflichten wie Kerstin Dorschner. Und die es so sehen, haben vermutlich an all das gedacht, was sie an Gedanken zum Hundekauf angeregt hat. Wenn sie dann noch ihren Hund mit der richtigen Erziehung zu einem Begleiter gemacht haben, mit dem sie ohne Probleme unter Menschen in jeder Situation unterwegs sein können, steht einem unbeschwerten und erfüllten gemeinsamen Leben von Hund und Mensch nichts mehr im Weg.