Frank Rebhan sprach von "Kastner-Festspielwochen". Das ist natürlich eine Übertreibung. Aber weil die Verleihung der Ehrenbürgerwürde am Freitag und der 60. Geburtstag am Montag dicht aufeinander folgten, konnte Kastner zweimal feiern und zweimal Glückwünsche entgegennehmen.

Frank Rebhan war natürlich bei beiden Terminen zugegen. Der Neustadter Oberbürgermeister ist seit über 50 Jahren Kastners engster Freund. Kastner hielt zu Rebhans 60. Geburtstag die Laudatio, da war es klar, dass Rebhan sich revanchieren musste. Allerdings feierte Rebhan als Oberbürgermeister von Neustadt und quasi offiziell. Kastner hat sich vor fünfeinhalb Jahren ins Privatleben zurückgezogen. Bis 2014 war er Coburger Oberbürgermeister, 24 Jahre lang.

Rebhan hielt also die Rede am Montag, verlängerte damit die "Kastner-Festspiele" für diejenigen, die dabei waren: Angehörige, Freunde, Weggefährten aus Verwaltung, Politik und SPD, OB-Kandidat Dominik Sauerteig und SPD-Stadtverbandsvorsitzender Stefan Sauerteig. Die Rede hätte jederzeit zu einem offiziellen Anlass gepasst, ein gut anzuhörender Mix aus privaten Anekdoten und Würdigung des politischen Wirkens des Jubilars. Sie war darauf angelegt, in einer größeren Öffentlichkeit gehalten zu werden. Rebhan listete auf, was seinerzeit der junge OB-Kandidat Kastner mitbrachte ("Originalität, Klugheit, frisches Auftreten, Unbekümmertheit, Geradlinigkeit, Kompetenz") und was der Oberbürgermeister Kastner 24 Jahre lang tat: "Maßstäbe gesetzt", "Licht und Luft nach Coburg gelassen", "dynamische Wirtschaftspolitik betrieben". Kastner habe immer auf viel Wissen zurückgreifen können, klug analysiert und als richtig erkannte Entscheidungen auch mit breitem Kreuz durchgesetzt. Klugheit, strategische Fähigkeiten, Charisma, die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen und vorauszuschauen: Solches würde vermutlich jeder Politiker gern über sich hören, selbst oder gerade dann, wenn es der beste Freund sagt. Der ist entweder fürchterlich parteiisch oder der Einzige, der die Wahrheit aussprechen kann.

Es war die Rede, die Oberbürgermeister Norbert Tessmer am Freitag zuvor hätte halten müssen, als er seinen Vorgänger Norbert Kastner zum Coburger Ehrenbürger ernannte. Aber nicht nur das schwang mit, sondern auch, dass Tessmer all das nicht ist, was Kastner war. Mit seinen 67 Jahren kann Tessmer kein Beispiel mehr geben für junges und unbekümmertes Auftreten, und er verfügt längst nicht über so viel Charisma wie Kastner. Aber Tessmer war es, der Themen wie Demografie, Bildungslandschaft und Familienstadt vorantrieb. Kastner war klug genug, Tessmer machen zu lassen.

Tessmer und Kastner mögen sich in ihren politischen Einstellungen und Zielen gleichen, aber als Personen könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Tessmer denkt in Befehlsstrukturen, wie er sie beim BGS kennengelernt hat. Dass die Kommunalpolitik nicht funktioniert wie ein Kommando-Apparat, weiß er zwar theoretisch. Praktisch damit umgehen kann er indes nur schlecht. Wo Kastner situativ reagiert, gerade auf Stimmungen in der Partei und in der Stadtratsfraktion, kann Tessmer sich nur wundern, dass die Funktionäre nicht so funktionieren, wie er es für selbstverständlich hält.

Vielleicht hätte Kastner in den vergangenen sechs Jahren in dem einen oder anderen Konflikt zwischen Tessmer und der SPD-Fraktion vermitteln können. Aber man hätte ihn darum bitten müssen. Kastner wahrte Zurückhaltung. "Dass er nicht an der einen oder anderen Stelle liebend gerne mitmischen würde - das glaube ich ihm nicht", sagte Rebhan über Kastner. Deutlicher hätte er die heutigen Parteiverantwortlichen nicht auffordern können, Kastner einen Platz und eine Rolle zumindest im Wahlkampf anzubieten. Sie (und Kastner) dürften verstanden haben.

s.bastian@infranken.de