Dr. Steffen Coburger ist Leiter des Awo-Sozialzentrums. Wir fragten ihn, worüber sich Senioren und pflegebedürftige Menschen in diesen Zeiten der Coronakrise besonders freuen und wie das Personal mit der Situation umgeht. Womit können die Angehörigen draußen die Bewohner des Awo-Sozialzentrums derzeit am besten unterstützen?

Steffen Coburger: Die Angehörigen sind besonders jetzt eine große Stütze. Es ist wichtig, dass sie den Bewohnern das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Die Senioren machen sich natürlich auch Sorgen um ihre Familienangehörigen und wollen informiert werden, wie es ihren Liebsten geht. Um dies zu gewährleisten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. So kommt dem telefonischen Kontakt eine herausragende Bedeutung zu, aber auch Briefe und E-Mails werden vermehrt geschrieben. Natürlich ist das Wichtigste, dass die Angehörigen zu Hause bleiben und auf persönlichen Kontakt verzichten, da Seniorinnen und Senioren zu den Hauptrisikogruppen zählen, und vordringliches Ziel ist, eine Ansteckung zu vermeiden. Wir haben daher, noch bevor die staatlichen Verordnungen zur Besuchseinschränkung und zum Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen erlassen wurden, den Besucherverkehr in unserem Haus untersagt. Gleichzeitig hatten wir mit allen Angehörigen Kontakt, um unseren Entschluss zu erklären. Ich bin sehr froh, dass wir ausnahmslos bei den Angehörigen, aber ebenso bei unseren Bewohnern auf großes Verständnis gestoßen sind. Auch von anderer Seite erfuhren bereits viel Unterstützung und Solidarität. So haben sich viele Ehrenamtliche bereit erklärt, uns im Bedarfsfall in vielfältiger Weise zu unterstützen - praktische Mithilfe bei der Pflege und Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner, Bedienung technischer Anlagen und Ähnliches. Firmen tun alles, um uns bei der Deckung unseres Hilfsmittelbedarfs zu unterstützen. Manche schenken uns sogar Artikel aus ihrem Sortiment.

Werden Sie weiterhin ungewöhnliche Ideen verwirklichen, um den Kontakt zwischen den Bewohnern und deren Angehörigen möglichst lebendig zu halten?

Wir werden alles uns Mögliche tun, um den Kontakt zu fördern und zu erleichtern. Im ersten Schritt haben wir angeboten, allen Bewohnern, die noch keinen eigenen Telefonanschluss haben, einen solchen kostenlos und gebührenfrei über unsere Telefonanlage anzubieten. Dieses Angebot ist rege in Anspruch genommen worden, so dass leider manchmal kurzzeitig die Leitungen überlastet sind. Darüber hinaus leiten wir Briefe, die an unsere Bewohner gerichtet sind, wie bisher sofort weiter und lesen ihnen diese auf Wunsch auch vor. So merken wir, dass Briefe von Kindern, zum Beispiel von Enkelinnen und Enkeln, unseren Bewohnern viel Freude bereiten. Die Sehnsucht ist schon oft sehr groß. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass uns die Angehörigen E-Mails schicken, die wir ausdrucken und an die Adressaten weitergeben. Derzeit sind wir dabei, eine Möglichkeit der Video-Telefonie umzusetzen, so dass die Bewohner ihre Angehörigen beim Gespräch sehen können. Jetzt läuft auch eine Aktion unserer Betreuungsassistentinnen und - assistenten, die die Bewohner dabei unterstützen, Osterkarten zu basteln und an ihre Liebsten zu schreiben, die wir dann versenden. So ist der Kontaktweg nicht nur einseitig, und die Bewohner freuen sich, einen persönlichen Ostergruß verschicken zu können.

Wie reagieren die Menschen im Wohnheim auf die außergewöhnliche Situation und auf die sich nun entwickelnde Hilfe von vielen Seiten?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele sind besorgt und haben auch Angst. Besonders jenen müssen wir beistehen und sie psychisch stützen, indem wir mit ihnen sprechen, ihnen Hoffnung machen und sie gedanklich ablenken. Das gelingt uns durch ein vielfältiges Betreuungsangebot. Hierzu zählen Gespräche, kreative Aktivitäten, Musik hören, Spaziergänge in unseren Gärten und vieles mehr. Unser Wohngruppenkonzept, das die Versorgung in kleinen, familienähnlichen Strukturen vorsieht und ermöglicht, kommt uns hier entgegen. Manche Bewohnerinnen und Bewohner scheinen die Situation sachlich und nüchtern zu sehen, aber man weiß nicht immer, was in ihnen vor sich geht. Natürlich gibt es auch Bewohner, die die Dinge, die jetzt passieren, nicht verstehen und sie gar nicht bewusst wahrnehmen. Alle unsere Bewohner brauchen jedoch jetzt in verschiedener Weise unsere besondere Zuwendung, und sie sind sehr dankbar für das außergewöhnliche Engagement unserer Mitarbeiter, die jeden Tag alles leisten, was in ihren Kräften steht. Die Begegnung von Mensch zu Mensch bekommt jetzt noch einen größeren Stellenwert.

Wäre Ihnen auch recht, wenn sich Menschen, die keine Angehörigen bei Ihnen haben, mit den Senioren und Pflegebedürftigen solidarisch zeigen?

Selbstverständlich. Alles hilft, was Freude und Abwechslung bringt. So bekommen unsere Bewohner zum Beispiel Post von den Kindern der Kindertagesstätte in Redwitz. Da ja derzeit auf Grund der Betriebs- und Schulschließungen die meisten Menschen zu Hause sind, bieten sich vermehrt Möglichkeiten, mit den Bewohnern auch aus der Ferne in Kontakt zu treten und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Wir sind schon von vielen angesprochen worden, die hierbei mithelfen wollen. Wir werden dies auch weiterhin fördern. So ist ein Mitarbeiter speziell beauftragt, solche Angebote zu koordinieren und in der praktischen Umsetzung bedarfsgerecht zu unterstützen. Wir haben für Anfragen aus der Bevölkerung eine separate Telefonnummer eingerichtet. Sie lautet: 0151 / 1429 6387.

Könnten auch Lehrer, sofern sie mit ihren Schülern derzeit online in Kontakt stehen, eine Aktion starten, die Ihnen und den Menschen im Sozialzentrum Hoffnung und Lebensfreude bringt?

Die Bewohner freuen sich sehr über Kontakte mit Kindern. So gab es in der Vergangenheit viele Besuche und Aktionen von Kindergärten und Schulen in unserem Sozialzentrum, die natürlich derzeit in dieser Form nicht möglich sind. Gerade jetzt sind jedoch Lehrer und Schüler herzlich eingeladen, durch selbst organisierten Aktionen per Post oder online, mit den Seniorinnen und Senioren in Kontakt zu kommen und ihnen Freude zu schenken. Wir sind jederzeit bereit, sie dabei zu unterstützen.

Ich danke allen haupt- und ehrenamtlich für unser Awo-Sozialzentrum Tätigen für ihr herausragendes Engagement. In Anbetracht dieses erlebten Zusammenhalts bin ich optimistisch, dass wir die Herausforderungen meistern werden. Das Interview führte Matthias Einwag.