Bamberg — Fünfeinhalb Jahre Jugendstrafe bekam ein 21-jähriger Türke am Amtsgericht Bamberg aufgebrummt, weil man ihn für den Anführer einer Gang hielt, die einen Raub und eine gefährliche Körperverletzung begangen hatte. Die vier jungen Männer hatten nach Ansicht des Jugendschöffengerichts im Oktober letzten Jahres einen polnischen Saisonarbeiter auf die nachts menschenleere Altenburg gelockt, um ihn dort zusammenzuschlagen und auszurauben.  

Über eine Stunde hat Christian Barthelmess in seinem Schlussplädoyer versucht, Zweifel an der Schuld seines Mandanten Tolga Y. (Name geändert) zu wecken. Die Ausgangslage war gar nicht so schlecht, da der Hauptbelastungszeuge, das Opfer der Gewalttat, vor drei Monaten in seinem Heimatland beim Sturz in einen Brunnen gestorben war. Man konnte ihn also nicht mehr in den Zeugenstand rufen. Aber seine Aussagen bei der Polizei auf Widersprüche und Ungereimtheiten hin abklopfen. Und ihn als Lügner und Kriminellen darstellen, der das Geld für ein vermeintliches Rauschgift-Geschäft bei sich gehabt hätte. "In einem anderen Verfahren hat er irgendeinen Rotz erzählt." Die Verteidiger bemängelten, dass es ohne eine Befragung des Opfers kein faires Verfahren geben könne, ja, dass der Staatsanwaltschaft "zur Erreichung einer Verurteilung und zur Vertuschung schlechter Ermittlungsarbeit jedes Mittel recht ist".   Der Rechtsanwalt aus Bamberg hatte mit seinem Kollegen Alexander Wessel aus Haßfurt auch in den übrigen drei Verhandlungstagen alles getan, um den Angeklagten aus der Schusslinie zu bringen. Sie hatten sogar die Staatsanwältin Christiane Schütte als Zeugin benannt, um den Ermittlungsbehörden schwere Fehler und ihr selbst nachweisen zu können, dass sie mit falschen Angaben versucht hätte, Geständnisse der drei mutmaßlichen Komplizen zu erpressen. Zuletzt durfte sogar die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Sandra Birzer von der Universität Bamberg auftreten. Die Slavistin sollte klären, was das polnische Wort "Murzyn" meinte. Der Saisonarbeiter hatte damit den Hauptangreifer bezeichnet. Freilich bedeutet der Begriff, der mit dem deutschen Mohren verwandt ist, sowohl "Schwarzafrikaner" als auch "Mann mit dunkler Hauptfarbe".   Aber ausgerechnet Tolga Y. selbst machte alle diese Bemühungen in letzter Minute zunichte. Mit einem törichten Brief, den er aus der JVA Bamberg heraus an seine Mutter geschrieben hatte. "Das ist ein Quasi-Geständnis", so Richter Waschner. Nur kurz vor dem Ende des Prozesses und obwohl ihm klar sein musste, dass jedes Schriftstück aus der Untersuchungshaft heraus mitgelesen werden würde. Darin war die Rede, er habe Scheiße gebaut.

Keine Zweifel an der Schuld

Am Ende hatten der Vorsitzende Richter Martin Waschner und seine beiden Schöffen keine Zweifel, dass Tolga Y. der Anführer der räuberischen Gang war.   Sie hatten ihr Opfer in einer Shisha-Bar in Bamberg kennengelernt. Dort hatte der polnische Erntehelfer am Spielautomaten eine Glückssträhne, was ihm zum Verhängnis werden sollte.

Unter falschem Namen luden sie den psychisch labilen Mann aus der Nähe von Krakow ein. Man holte sich Hochprozentiges an einer Tankstelle, aß einen Döner und fuhr gegen Mitternacht zur Altenburg. "Dort oben ist um die Zeit die Katz gefreckt," so Waschner. Das sei Teil des kriminellen Plans gewesen. Als der Pole betrunken war, begann sein Martyrium. Von 20 bis 30 Tritten sprach Staatsanwältin Schütte. Mindestens einer ging gegen den Kopf.

Dann nahm man dem wehrlos am Boden liegenden Mann rund 2000 Euro Bargeld und ein Mobiltelefon ab und ließ ihn verletzt zurück. Das Opfer hatte Prellungen am Schädel und am Oberkörper sowie Verstauchungen an der Wirbelsäule.   Neben der Zeugenaussage des polnischen Erntehelfers hatte es noch weitere Indizien gegeben.

Etwa eine Videoaufzeichnung der Überwachungskamera in der Tankstelle, die Auswertung von Standortdaten des Smartphones eines mutmaßlichen Mittäters, ein rechtsmedizinisches Gutachten zu den Verletzungen sowie die Aussage eines Cousins von Tolga Y., der unter Tränen zugegeben hatte, dass ihn die Familie eingeschüchtert hätte. Er gab dennoch an, dass sein Cousin und drei andere "den Polen auf der Altenburg abgezogen" hätten. Dabei hatte Tolga Y. mit allerlei Straftaten wie Diebstahl und Betrug, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch, Beleidigung und Bedrohung, sowie vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung seit sieben Jahren die Justiz beschäftigt.

Bereits vier Mal hatte man ihm mit einer Bewährung eine Chance gegeben. Nun war selbst die Geduld Richter Waschners erschöpft. "Wir hätten ihn schon beim letzten Mal nach Ebrach schicken sollen. Dann wäre diese Straftat nicht passiert."