Kaum hat der Prozess vor Strafrichterin Magdalena Becker begonnen, da ist das Verfahren wegen tätlichen Angriffs auf und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung auch schon wieder vorbei. Man könnte auch sagen: vorerst geplatzt. Denn die vier Belastungszeugen verweigerten am Amtsgericht die Aussage. Gegen sie läuft derzeit noch eine Gegenanzeige des Angeklagten wegen Körperverletzung im Amt.

Es ist ein Montagmorgen im Oktober irgendwo in Bamberg. Zwei Zollbeamte aus Hof klingeln bei einem säumigen Schuldner, um das Gebäude aufgrund eines richterlichen Beschlusses zu durchsuchen. Sie sollen mit zwei uniformierten Streifenpolizisten aus Bamberg ausstehende Zahlungen einzutreiben. Die Rede ist von etlichen Tausend Euro an Krankenkassen-Beiträgen, die der Angeklagte nicht begleichen kann oder will. Der erklärte, mit seinem Ingenieurbüro seit Jahren nur Verluste gemacht zu haben.

Die beiden Zollbeamten und der Schuldner kennen sich von einem früheren Dienstbesuch. Doch diesmal schließt der 58-Jährige, der sich nun auf der Anklagebank verteidigt, ohne große Erklärung die Tür einfach wieder. Man hat gerade noch Zeit, ihm die Schriftstücke zu zeigen, da sperrt er zu, schließt alle Fenster im Erdgeschoss und lässt sodann die Jalousien herunter. "Bei den Beamten wurde der Eindruck erweckt, dass sich der Angeklagte in seinem Haus verbarrikadierte", so Staatsanwalt Johannes Bartsch.

Als einer der Polizeibeamten seinen Schlagstock aus dem Dienstwagen holt, um damit die Glasscheibe der Terrassentür einzuschlagen, eskaliert die Situation. Es gelingt ihm, durch das Loch in der Dreifachverglasung hineinzugreifen, um den Hebel umzulegen. Dabei soll der Angeklagte auf den rechten Arm des Polizisten geschlagen und diesen nach unten zum scharfkantigen Rand gedrückt haben. Zu einer Verletzung kam es indes nicht.

Chemische Keule im Einsatz

Inzwischen hatte ein Zollbeamter das Reizstoff-Sprühgerät gezückt, um den Angeklagten im Wohnzimmer mit der chemischen Keule außer Gefecht zu setzen. Auch dessen Arm soll der Hausbewohner in die Nähe der Glasscherben gebracht haben. Schließlich kamen die Beamten ins Innere. Es brauchte allerdings noch einen fünften Kollegen, um den Angeklagten zu fesseln.

Der bislang nicht vorbestrafte Angeklagte wehrte sich nun vor Gericht dagegen, dass von ihm das Bild eines gewalttätigen Bürgers gezeichnet würde. Er habe die Beamten als Bedrohung, ihre Diensthandlung als rechtswidrig empfunden und seine 18-jährige Tochter im Obergeschoss schützen wollen. Er habe noch mit dem Amtsgericht telefonieren wollen, um eine einstweilige Verfügung gegen die Haussuchung zu erwirken. "Da war aber schon ein Klirren zu hören."

Zu Boden gebracht

Später habe er dann niemanden einen Schaden zufügen, sondern nur die Sprühdose wegdrücken und die Rollläden wieder herunterlassen wollen. Die Beamten hätten doch selbst billigend in Kauf genommen, sich zu verletzen. Im Gegenteil: Bei der Festnahme habe man ihn zu Boden gebracht, wo noch die Glasscherben gelegen hätten. "Man hat auf meinem Kopf gekniet." Zudem hätte man ihm Faustschläge und heftige Tritte gegen den Oberkörper verpasst. "Das war Folterbehandlung. Ich blutete aus der Nase, hatte eine Kopfplatzwunde und drei gebrochene Rippen."

Dass Strafrichterin Becker die Verhandlung abbrechen muss, liegt an Nachermittlungen des Landeskriminalamtes gegen die fünf Beamten. Die hatte der Angeklagte beantragt, nachdem das Ermittlungsverfahren im August 2019 ohne Anhaltspunkte für strafbares Verhalten der Zoll- und Polizeimitarbeiter eingestellt worden war. Allerdings bedeutet die Aussetzung des Verfahrens nur eine kurze Verschnaufpause für den Angeklagten und seinen Verteidiger Jochen Horn (Nürnberg).

Sobald die Ermittlungen gegen die fünf Beamten zu Ende gebracht worden sind und ihnen kein Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, wird der Prozess erneut aufgerollt werden. Dann mit Zeugen und einem Urteil. Sollte das ausfallen, wie von Staatsanwalt Bartsch angeklagt, bekommt auch die Tochter des Angeklagten wegen falscher Verdächtigung Schwierigkeiten.