Am 3. Oktober 1990 wurde nach dem überraschenden Mauerfall am 9. November 1989 in Berlin in einem geradezu atemberaubenden Tempo die deutsche Einheit Wirklichkeit. Grundlage dafür war der am 31. August 1990 ausgehandelte Einigungsvertrag. Für den Landkreis Kronach - Jahrzehnte vom Eisernen Vorhang auf 102 Kilometer Länge fest umklammert - bedeutete dies eine völlig neue Situation: Endlich konnten uralte Verbindungen nach Thüringen wieder neu belebt werden.

Der Staatsvertrag sei eine entscheidende Grundlage für eine gute Zukunft in Freiheit und Einheit. Jetzt müsse man gemeinsam diese Chance nutzen, lautete der allgemeine Tenor.

Allerdings machte sich nach der zunächst vorherrschenden Euphorie die raue Wirklichkeit breit, denn die von Helmut Kohl propagierten "blühenden Landschaften" waren nicht zum Nulltarif zu haben. Laut Expertenrechnung mussten in den Wiederaufbau in Deutschland-Ost bis heute 2,1 Billionen Euro investiert werden. Trotz mancherlei Schwierigkeiten: Kommunen, Vereine und Verbände sowie Privatpersonen gingen im Landkreis Kronach in die Offensive und knüpften Verbindungen beziehungsweise leisteten eine bedeutsame Aufbauarbeit.

Grenz- und Friedenskapelle

Beispielhaft war die Einsatzfreudigkeit in der ehemaligen Grenzgemeinde Burggrub. Dank einer bemerkenswerten Privatinitiative entstand eine Grenz- und Friedenskapelle, sozusagen als Symbol einer friedvollen Wiedervereinigung.

Aufgrund der bitteren Erfahrungen seit 1945 mit der DDR und dem hautnah erlebten Todesstreifen dominierten bei den Feierlichkeiten vor 30 Jahren im Landkreis Kronach Freude und Dankbarkeit. Die Bürger spürten es förmlich, denn ein neues Zeitalter war mit dem 3. Oktober 1990 angebrochen.

Mit einem Festakt im Landratsamt Kronach sowie einer Kundgebung auf dem Marktplatz vor über 1000 Menschen wurde dieser historische und zukunftsgerichtete Tag in würdiger Weise begangen. Festredner war der bayerische Innenminister Edmund Stoiber.

"Wir erleben heute die sanfte Geburt eines neuen und souveränen Deutschlands. Dieses Deutschland entsteht im Herzen Europas ohne Krieg und Blutvergießen und mit Zustimmung seiner Nachbarn. Damit zeichnet sich zum Ende des 20. Jahrhunderts, das bisher von zwei verheerenden Weltkriegen geprägt war, eine positive Vision für die Zukunft ab: Frieden und Freiheit für Europa", sagte Stoiber.

Kronach sollte die Brücke sein

Der Kronacher Landrat Werner Schnappauf, der Stoiber einen Pokal zur deutschen Einheit überreichte, sagte, dass sich Deutschland nun seinen Platz in der Mitte Europas suche. Nun müssten die Kronacher auch ein neues Kapitel in der Geschichte ihres Landkreises aufschlagen. Kronach solle die Brücke zum "grünen Herz Deutschlands", zu Thüringen sein. Für den Landkreis Kronach böten sich viele Chancen, aber auch beachtliche Risiken. Nun dürfe man nicht verzagen und müsse "Deutschland gemeinsam anpacken".

Der Saalfelder Landrat Jürgen Pfeifer übermittelte in bewegten Worten die Grüße der vier thüringischen Nachbarlandkreise Saalfeld, Lobenstein, Neuhaus am Rennweg und Sonneberg. Er sei glücklich, endlich wieder in Frieden und Freiheit und in einem einigen Vaterland leben zu können. Die Thüringer wollten jetzt optimistisch in die Zukunft blicken. "Wir freuen uns auf Deutschland", sagte Pfeifer. Wenngleich die Menschen die Arbeitslosigkeit fürchteten, hätten sie doch die Gewissheit, dass die Bundesrepublik Deutschland zu den führenden Wirtschaftsnationen gehöre, gab sich der Saalfelder Landrat optimistisch.

Die Festsitzung im Kronacher Landratsamt wurde musikalisch von Mitgliedern der Berufsfachschule für Musik umrahmt. Stoiber trug sich anschließend in das neue Gästebuch des Landkreises Kronach ein. Im Anschluss daran pflanzte der bayerische Innenminister am Kronacher Landratsamt eine Linde.

"Einheitszwillinge" geboren

Eine weitere Baumpflanzung erfolgte vor Schülern des Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasiums durch Landrat Werner Schnappauf und Oberstudiendirektor Hansjörg Müller-Velten. "An einem Tag der Freude", erklärte der Schulleiter, "wollen wir kein steinernes Denkmal setzen, sondern einen lebendigen Baum pflanzen."

Und im Kronacher Krankenhaus gab es ebenfalls einen freudigen Anlass: Die Zwillinge Karina und Dominik Leiter erblickten in der Nacht zum Tag der deutschen Einheit kurz vor Mitternacht das Licht der Welt. Landrat Schnappauf gratulierte der Mutter Kerstin aus Neuses im Beisein von Chefarzt Dr. Klaus Beyerle sowie Stationsschwester Annelore Rumpf mit einem Blumenstrauß in den Farben des Landkreises Kronach.