Max und Moritz auf einer Briefmarke haben dem damals neunjährigen Lorenz Neubauer so gut gefallen, dass er den Brief unter Wasserdampf hielt, um die Marke vorsichtig zu lösen und sie dann in einer Streichholzschachtel aufzubewahren. Damit begann Neubauers Sammlerleidenschaft. Inzwischen hat er mehrere tausend Marken und Zeitdokumente.

Doch seit Jahren werden die Briefe durch E-Mails und SMS abgelöst. Stirbt mit den digitalen Medien die Philatelie aus? "Nein, das passiert nie", bekräftigt Lorenz Neubauer, der Vorsitzende des Philatelievereins in Forchheim und erhält ebenso kräftig Zustimmung von Reinhard Küchler, Geschäftsführer vom Bund Deutscher Philatelisten.

Marken als Wissensvermittler

Zwei Gründe gibt es für diese klare Ansage: Die Vielzahl der Briefmarken, die noch immer herausgegeben werden und die Wissensvermittlung, die hinter jeder Marke steht. "Es gibt 250 bis 280 Staaten, Gebiete oder Kolonien, die noch Briefmarken herausgeben. Das Bundesfinanzministerium, das die Briefmarken seit der Privatisierung der Post herausgibt, bringt jährlich zwischen 50 und 55 Themen auf den Markt. In den 50er und 60er Jahren gab es weniger Themen, etwa 20, dafür die Briefmarken in höherer Auflage", weiß Küchler. Lag die Auflage vor der Privatisierung der Post bei 30 Millionen Stück, beträgt sie jetzt nur noch 5 Millionen Stück. Wertvoller würden sie dadurch nicht. "Es werden weniger verbraucht", sagt Küchler.

Natürlich gebe es auch wertvolle Marken - die Geschichten hinter den Marken seien der eigentliche Grund dafür. Diese Geschichten kennt Lorenz Neubauer aus dem Stegreif. Beispielsweise über die teuerste Marke Deutschlands, die Gscheidle-Marke aus dem Jahr 1980. Zu den Olympischen Spielen in Moskau sollte sie herausgegeben werden und dürfte eigentlich nicht im Umlauf sein. Deutschland hatte die Teilnahme boykottiert. Aber: "Dem Postminister, damals Kurt Gscheidle, wurden immer die neuen Marken zur Ansicht gegeben.

Auch diese, von denen er zwei Bögen in seinen Schreibtisch legte. Seine Frau hat an einem Preisausschreiben teilgenommen und nahm für die Postkarte eine Marke aus dem Entwurf", erklärt Neubauer. Durch das irrtümliche Frankieren der Privatpost sei die Marke doch in Umlauf gekommen. "Für 70 000 Euro ist die Marke weggegangen", sagt Neubauer. Und erzählt weiter, dass Adolf Hitler der erste und einzige Politiker war, der sich zu Lebzeiten auf einer Briefmarke verewigte. Und dass Franz Beckenbauer einer der ersten war, der sein Konterfei auf eine Privatmarke drucken ließ. Seit der Privatisierung der Post könne sich jeder seine Motive auf Privatmarken anfertigen lassen.

Lorenz Neubauer interessiert jedoch eine andere Geschichte mehr: Die Post- und Heimatgeschichte von Forchheim. Für Neubauer und die anderen 30 Vereinsmitglieder zählen nicht alleine die Briefmarken. "Heute ist es wichtig, den kompletten Brief zu haben. Die Briefmarke flüstert, der Brief brüllt", erklärt Neubauer, warum nur mit den gesamten Zeitdokumenten die Geschichten erfasst und festgehalten werden können. Lorenz Neubauer hatte mit dem Forchheimer Philatelieverein deshalb auch ein Buch über Forchheims Post- und Heimatgeschichte herausgebracht und hat mit sieben anderen Vereinskollegen mit den eigenen Sammlungen an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen.

Sein Vereinskollege Jörg Maier, ehemaliger Ministerialbeauftragter, war Prüfer für chilenische Briefmarken und belegte mit seiner Sammlung sogar den ersten Platz bei einer der Weltausstellung. "Die erste Briefmarke in Deutschland wurde am 1. November 1849, einem Sonntag herausgegeben. Vorher wurden die Briefe gestempelt. Fingerhutstempel wurde dieser genannt, da er so klein wie ein Fingerhut war", weiß Neubauer, der früher auch die Dokumente der Vor-Philatelie gesammelt hatte.

Auch die Stempel erzählen. "Wann hat die Firma mit Absender frei gestempelt, wann war der Stempel hochkant, rot oder blau", erklärt Reinhard Küchler: "Gesammelt wird immer etwas und die Philatelie und Postgeschichte wird noch in hundert Jahren interessieren", sagt Küchler. Allerdings drohe der Nachwuchs auszusterben. "Die jungen Leute interessieren sich nicht mehr dafür", bedauert Neubauer und hat doch Hoffnung, denn: "Briefmarken vermitteln Wissen und das auf vielfältige Art."