Mit Entsetzen reagierten die Mitglieder der "Ärzte gegen Tierversuche", die Journalistin Margit Vollertsen-Diewerge und Joachim Wiedmayer, auf die Bilder der Ice Bucket Challenge, die durch die Presse und sozialen Medien gingen. "Wer sich eiskaltes Wasser über den Kopf schüttet und meint, die Spenden kommen den Menschen zugute, der irrt. Sie werden für Tierversuche verwendet", erklärt Vollertsen-Diewerge, die 2013 von Markus Söder (CSU) mit dem Bayerischen Tierschutzpreis ausgezeichnet wurde.

Vor allem weil nach jedem der grausamen Tierversuche wieder bei Null angefangen werden muss, gründete die heute 81-jährige Tierschützerin 2005 die erste Arbeitsgruppe Ärzte gegen Tierversuche, von der es inzwischen bundesweit 16 Arbeitsgruppen gibt. Sie fordert seit Jahrzehnten ein Aus für die Tierversuche. "Forschung ist wichtig, Tierversuche sind der falsche Weg", sagt die Erlanger Tierschützerin.

Das beste Beispiel für obsolete Forschung habe sie täglich vor Augen. Im Franz-Penzoldt-Zentrum in der Palmsanlage in Erlangen müssen seit 2005 auf 2230 Quadratmetern jährlich zwischen 17 000 und 24 000 Tiere unsinnige Versuchsreihen über sich ergehen lassen und werden dann getötet. Vorher waren die Tiere in den Kellern der Krankenhäuser untergebracht. Teils noch immer. Im Tierversuchszentrum werden Schweine, Ziegen, Rinder, Schafe, Meerschweinchen, Ratten und Mäuse, in Groß- und Kleintiere unterteilt, täglich in hochmoderne sterile Operationssäle gezwungen.

Bei Schweinen werden Herzklappen-OPs vorgenommen, die acht Göttinger Minischweine dienen der Mund- und Gesichtschirurgie. Ihnen werden auf einer Seite des Oberkiefers fünf Backenzähne gezogen, einige Monate später der Kieferknochen auf acht, sechs, vier und zwei Millimeter abgeschabt. So wird ein Knochendefekt simuliert. In den verbleibenden Kieferknochen werden sechs Implantate eingeschraubt. Mit Knochenstückchen aus dem Beckenknochen des Tieres wird das fehlende Knochenmaterial im Kiefer aufgefüllt. Sechs Monate dauert die Heilungsphase, dann werden Zahnprothesen auf die Implantate gesetzt. Ein halbes Jahr später werden die Schweine getötet und die Kieferknochen mit den Implantaten zur Untersuchung herausgeschnitten, beschreibt Margit Vollertsen-Diewerge einen der vielen Versuche.


Künstlich krank gemacht

Bei allen Versuchen werden die Tiere künstlich krank gemacht. "Zur hiesigen Tiermarteranstalt, akademisch nett als Franz-Penzoldt-Zentrum firmierend, stellt sich mir die Frage: Hat all das Stechen, Brechen, Schneiden, Strangulieren, Vergiften, verübt an vielen Tausend Tieren, einem einzigen Erlanger gesundheitlich weitergeholfen?", möchte der Erlanger Neurologe, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Joachim Wiedmayer, wissen.

Denn die Erkenntnisse aus den Versuchen der zu Millionen von Krebs geheilten Mäuse, hätten noch nicht dazu geführt, ein Medikament gegen Krebs für den Menschen zu entwickeln. Nicht nur in Erlangen nicht. "Der Mensch kann zum Mond fliegen, doch wenn er wissen will, was mit seiner Niere ist, fragt er die Maus. Der Mensch ist nun mal keine Maus", schimpft Vollertsen-Diewerge über die Unsinnigkeit der Versuche, die mit Steuergeldern finanziert werden.


Ergebnisse nicht übertragbar

Medikamente, die beim Tier halfen, haben oft beim Menschen sogar das Gegenteil bewirkt. Contergan nennt sie als Schlagwort, fasst aber auch die Medikamente Lipobay oder Vioxx mit ein. Die beim Menschen verheerenden Wirkungen sind heute noch sichtbar. "Es gibt keine Übertragbarkeit und deshalb keinen Kompromiss", sagt die Erlanger Tierschützerin. Oder vereinfacht ausgedrückt: Die Maus sei unter der Erde glücklich, der Mensch würde dort ersticken.

Am schlimmsten findet sie die Affenversuche. Diese seien einfach grauenhaft. Den Affen werde mit 14 Platinschrauben ein kleines Gerät auf den Kopf geschraubt, um die Hirnströme zu messen. In einem Affenstuhl tagelang ohne Trinken eingesperrt, soll der Affe irgendwelche Knöpfe drücken. Über Alzheimer oder Demenz verspricht man sich Erkenntnisse aus diesen Affenversuchen, die schon einmal verboten waren. Selbst der Tübinger Oberbürgermeister habe sich gegen diese Affenversuche eingesetzt, die in Tübingen und Bremen durchgeführt werden. Doch auch hier sei keine Übertragbarkeit auf den Menschen möglich.

Hoffnung hat die Ärztegruppe, die 1400 Mitglieder zählt, durch die beiden Berliner Ärzte Andreas Hocke und Uwe Marx, die forschen, ohne Tiere zu malträtieren. Vollertsen-Diewerge war vor Ort, um sich von diesen tierversuchsfreien Methoden zu überzeugen. Multi Organ Chip nennt sich das. Aus krankem menschlichem Lungengewebe beispielsweise, das bei Operationen anfällt, werden einige Zellen - zwei Zellen spiegeln ein Organ wider - genommen und in einem Chip eingebaut, um so einen künstlichen Blutkreislauf zu entwickeln.

Wie reagieren die Organe, wenn sie mit dem toxischen Stoff zusammenkommen, soll so herausgefunden werden. Zwei bis zehn Organe können dargestellt werden. "Diese Ergebnisse sind völlig anders als mit Tieren und man kann durch die ständige Wiederholung gesicherte Erkenntnisse erhalten. Es ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch wissenschaftlicher", klärt die Tierschützerin auf.

Auch in den USA werde nun auf diese tierversuchsfreie Art und Weise experimentiert. Wer das Rennen gewinnt, wird sich 2017 entscheiden, weiß Vollertsen-Diewerge.

Gerade am Tag des Tierschutzes appellierte sie an jeden Einzelnen: "Engagiert euch! Egal, in welchem Gebiet. Ob im Tierheim oder als Fördermitglied, beim Eieraustauschen im Taubenprojekt oder mit einer Unterschrift für einen Stopp dieser Leiden."