Im Garten fühlen sich die Bewohner des Hauses Martinsruh gerade so richtig wohl. Ihr Augenmerk gilt den Blumen. Ein anderer harkt die Erde in den Beeten, in denen er Salate und Gemüse angepflanzt hat. Die friedliche Stimmung im Garten spiegelt die idyllische Lage des Hauses am Ortseingang von Kasberg wider.
Und doch bedeuten diese einfachen Arbeiten für die Bewohner eine tägliche Anstrengung. In der soziotherapeutischen Facheinrichtung der Stadtmission Nürnberg leben seit 25 Jahren trockene Alkoholiker. Sie sind freiwillig hier, weil sie einen Alltag ohne Alkohol erreichen wollen.

Das beginnt mit dem erneuten Erlernen eines ganz normalen Tagesablaufs. Meist um 7 Uhr stehen die Bewohner, 32 Frauen und Männer, auf. Zum Frühstück sollten sie gekämmt und gewaschen erscheinen. "Wem das nicht möglich ist, den leiten wir an", sagt Rainer Benner. Er ist der Leiter der Einrichtung.
Die Menschen, die ins Haus Martinsruh kommen, haben schon mindestens einen Entzug und einen Rückfall hinter sich. Viele von ihnen waren langjährige Alkoholiker. Zu den klassischen Stufen der Suchterkrankung können körperliche Folgeerkrankungen wie das Korsakow-Syndrom hinzukommen. Schwere Gedächtnisstörungen sind in diesem Fall die Folge.

So kann es vorkommen, dass ein Betroffener sich die Haare kämmen möchte, dies aber plötzlich vergisst und sich mit der Zahnbürste die Haare kämmt.


Putzen und arbeiten

In Martinsruh finden verschiedene Aktivitäten statt. Manche Frauen und Männer sind im Hauswirtschaftsbereich eingeteilt, halten das eigene Zimmer oder das Haus sauber. Andere helfen in der Küche, putzen und verarbeiteten das selbstangebaute Gemüse.

Wieder andere Bewohner fertigen für die Spielwarenfirma Bruder kleine Teilsegmente und bauen kleine Bagger, Laster oder Traktoren zusammen. Das Haus Martinsruh ist der Schutzraum für die Menschen, die hier den Schritt ins Leben lernen. "Man muss einen Raum schaffen, wo sie sich finden, wahrnehmen und wertschätzen können", erklärt Benner.

In Martinsruh werden die Menschen deshalb aktiv in die Prozesse eingebunden, erfahren, dass sie sich selbst achten können. Der Lernprozess in diesem geschützten Bereich umfasst wesentlich mehr. Die Männer und Frauen sind meist in Einzelzimmern untergebracht. Aber: "Es gibt gezielt auch Doppelzimmer, um das soziale Lernen zu ermöglichen", sagt Benner. Regeln lernen und Grenzen einhalten, die Schuld nicht immer nur beim anderen suchen, sondern sich selbst reflektieren - all diese Dinge werden im Gruppensetting aufgezeigt und gelernt. Denn auch das gehört zum Leben. Motivation und Perspektiven erhalten die Bewohner durch den strukturierten Tagesablauf und das Miteinander. "Wir begleiten sie auf dem Weg der Veränderung, doch die Schritte müssen sie selbst gehen", erklärt Benner. Dabei war es schon ein großer Schritt, sich für die Einrichtung und somit für ein Leben in Abstinenz zu entscheiden. Die meisten Bewohner haben vor dem Absturz in die Sucht ein ganz normales Leben geführt, in einem ganz normalen Elternhaus.


Hin und wieder ein Glas

Sie besuchten eine Schule, lernten eine Arbeit, ob im Metallberuf oder im Landschaftsgartenbau. Sie gründeten eine Familie und tranken hin und wieder ein Glas Alkohol. Nur hat sich das dann immer weiter ausgeprägt, das Denken und Handeln um ausreichend Alkohol gedreht, die Beziehungen wurden vernachlässigt.

Der Ausstieg aus der Beziehung geschah meist durch den Alkoholkranken. Der Konsum des Alkohols stieg an, der soziale Abstieg ging weiter. Viele der Betroffenen waren sensible Menschen, teils labil und emotional nicht stark ausgeprägt. Der Alkohol war die Selbstmedikation. Durch die Gesellschaft wurden sie in einem bestimmten Stadium stigmatisiert, anstatt dass ihnen ein offenes Ohr gegeben wurde. Das zu tun, könne jeder einzelne Mensch für sich entscheiden.

Auf bitterste Weise haben die trockenen Alkoholiker aber auch gelernt: "Der Alkohol löst vieles, aber keine Probleme", sagt Benner. Probleme zu erkennen, darüber zu reden, das lernen sie in den Einzeltherapiestunden.


Ein gemeinsamer Ausflug

In den Gruppensitzungen wird über alles gesprochen. Natürlich kommt es auch mal zu lautem Streit. Denn auch das gehört zum alltäglichen Leben. Und die Bewohner integrieren sich durchaus im gesellschaftlichen Leben.
Einer ist beim Gesangverein dabei, andere machen ein Praktikum und manchmal unternehmen sie auch gemeinschaftlich einen Ausflug. An einem Tag in der Woche geht es in die Stadt zum Einkaufen, an einem anderen Tag hat ein Bewohner einen Arzttermin. Das Leben draußen wird auch in dem Schutzraum Haus Martinsruh gelebt. Empfohlen wird eine Aufenthaltsdauer von 18 Monaten.