Noch immer ist es für manche Gemeinden ein Problem, über das zu sprechen, was vor einem dreiviertel Jahrhundert am 10. November in ihrem Ort geschah. Am liebsten wäre es einzelnen noch immer, das Ganze zu vergessen und den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten. Vielleicht ist die Scham zu groß über das, was man den jüdischen Mitbürgern damals angetan hat! Aber das Unrecht vertuschen, hieße gleichzeitig auch das Leid und die Opfer selbst aus dem Gedächtnis tilgen.

In Deutschland wurden um den 9. November 1938 über 1300 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben, an die 1400 Synagogen und Gebetshäuser zerstört und Tausende von jüdischen Geschäften und Wohnungen geplündert. Als Vorwand diente dem NS-Regime das Attentat auf den Legationssekretär Ernst vom Rath an der deutschen Botschaft in Paris, das der 17-jährige Herschel Grynszpan aus Protest gegen die Abschiebung seiner Eltern aus Deutschland nach Polen verübt hatte.

Die Nachricht vom Tode Ernst von Raths erhielt Hitler am Abend des 9. November 1938 beim Kameradschaftsabends der sogenannten "Alten Kämpfer" in München. Goebbels gab die Meldung sofort bekannt und deutete süffisant an, dass der Führer "spontanen" Aktionen gegen die Juden "nicht entgegentreten" werde. Die anwesenden Gauleiter verstanden den Hinweis und beauftragten ihre Parteidienststellen, "mit entsprechenden Aktionen gegen Synagogen, jüdische Häuser und Geschäfte loszuschlagen". Noch in der Nacht wiesen deshalb die Gauleitungen ihre Kreisleiter telefonisch an, ihre Parteigenossen gegen jüdische Einrichtungen und Mitbürger mobil zu machen.

Am stärksten tobte in unserer Heimat der nationalsozialistische Mob in Forchheim. Hier tagte am Abend des 9. November die NSDAP-Kreisleitung im "Hotel National" und gedachte des Hitler-Putschs von 1923. Nach der telefonischen Benachrichtigung durch die Bayreuther Gauleitung marschierte Kreis leiter Dr. Carl Ittameier (1882 bis 1978) gegen Mitternacht mit seinen Parteigenossen die Nürnberger Straße entlang zur Hauptstraße bis zur Innenstadt, zerstörte auf dem Weg das Kaufhaus und die Wohnung der Familie Wertheim und die beiden Gröschel-Geschäfte. Dann zogen sie in die Vogelgasse, von da in die Klosterstraße und anschließend in die Eisenbahnstraße, wo sie jeweils die Wohnungen der hier lebenden Juden demolierten.

Die Meute wuchs immer stärker an, einzelne Trupps lösten sich ab und gingen auf eigene Faust gegen jüdische Familien in der Zweibrückenstraße, in der Nürnberger Straße und am Paradeplatz vor. Die Polizei schaute tatenlos zu, wie mit Leitern und Holzlatten Türen, Schaufenster und Glasscheiben zerschlagen wurden. Die jüdischen Bewohner wurden aus dem Schlaf gerissen, geschlagen und auf die Polizeiwache getrieben. Die offenstehenden Wohnungen wurden geplündert, Wertgegenstände geraubt und Beutegut zum Teil mit Handwägen abtransportiert.

In der Wiesentstraße versuchten die NS-Täter vergeblich, die Synagoge in Brand zu setzen, verwüsteten aber ihre Inneneinrichtung. Tags darauf sprengte am Nachmittag ein eigens aus Nürnberg herbeigeholtes Kommando das Gebäude - in Gegenwart vieler Zuschauer, die das Spektakel aus sicherer Distanz verfolgten. Die Trümmer mussten anschließend die in der Nacht verhafteten jüdischen Männer - darunter auch ein zwölfjähriger Junge - vor den Augen der Schaulustigen auf einen Wagen laden. Dann wurden die Männer ins Gefängnis zurückgebracht und am nächsten Tag ins Konzentrationslager Dachau abtransportiert.

Auf dem Land lief die "Judenaktion", wie es offiziell im Nazi-Jargon hieß, erst am 10. November voll an. Neben Forchheim war Ermreuth Ort schwerster antijüdischer Ausschreitungen. Hier wurde die Synagoge schwer beschädigt und ein jüdisches Gemeindemitglied vom NSDAP-Ortsgruppenleiter so brutal misshandelt, dass es nach dem Umzug mit seiner Familie nach Nürnberg an seinen Verletzungen verstarb. Nach "Alemannia Judaica", der Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, gelang einer jüdischen Familie noch 1939 die Flucht in die USA, die übrigen 15 Personen mussten nach Nürnberg umziehen, "ehe sie 1942 in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden".

In Hagenbach war die Synagoge am 19. September 1938 von den letzten drei jüdischen Familien rechtzeitig an eine Nachbarsfamilie verkauft worden. Vorsorglich bat aber der Bürgermeister beim Bezirksamt in Ebermannstadt um Polizeihilfe, weil er befürchtete, "dass die Synagoge angezündet" und dadurch die benachbarten kleinen Gehöfte "in Mitleidenschaft gezogen" werden könnten. Landrat Dr. Niedermayer beauftragte deshalb seinen Gendarmerie-Kommissar Heinrich Meyer "zu retten, was zu retten ist". Meyer erreichte, wie er 1947 vor der Spruchkammer aussagte, "dass das Gebäude nicht angezündet worden ist. Dafür wurden die Einrichtungsgegenstände herausgerissen, weggefahren und auf einem freien Platz verbrannt." Die drei noch hier lebenden jüdischen Familien Mai, Seiferheld und Pretsfelder wurden verhaftet und auf einem offenen Lastwagen abtransportiert.

Im Gedenkbuch für die "Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" ist dokumentiert, dass von ihnen Justin Seiferheld am 14. März 1945 im Alter von 34 Jahren im KZ Buchenwald ermordet wurde.

In Wannbach verhaftete die SA auf dem Weg nach Forchheim den jüdischen Händler Werner Wollener.
In Pretzfeld setzte sich die "Judenaktion" fort. Hier wurde an Nachmittag das Schloss, das im Amtsdeutsch dieser Zeit "einem Engländer, dem Juden Max Wimperer, und dem evangelischen Judenmischling Diplomingenieur Fritz Herrman in London" gehörte, Objekt einer sinnlosen Zerstörung: Alle 73 Fenster des Schlosses wurden eingeworfen, 12 von 13 wertvollen Barocköfen zerschlagen, eine Anzahl Gemälde verwüstet und zum Schluss der Weinkeller geplündert - insgesamt ein Schaden von 20.000 RM.

Der Unvernunft der Nazis entsprach es, dass einem Bauern im benachbarten Rüssenbach selbst "Möbel und eine Futtermaschine" zerschlagen wurden, weil sie früher jüdisches Eigentum waren.

In Aufseß wurden am Nachmittag des 10. November die hier wohnenden letzten fünf Juden Opfer des Pogroms, sie waren alle über sechzig Jahre alt. Sie wurden am 10. November 1938 von Bayreuther SS-Leuten und der Heiligenstadter SA unter Führung von Kreisleiter Karl Schmidt aus ihren Wohnhäusern geholt, in einer Gastwirtschaft gefangen gehalten und gezwungen, mehreren Mitbürgern aus Aufseß und Umgebung die Schulden zu erlassen und anschließend ihre Anwesen zu veräußern.

Dem 71-jährigen Karl Fleischmann wurde ins Gesicht geschlagen, um ihn gefügig zu machen. In dem Brief, mit dem er sich am 17. November 1939 an den Landrat wandte, schreibt er: "Durch die Misshandlungen wurde ich veranlasst, [mein Anwesen] an die Gemeinde Aufsess um M. 5000 zu verkaufen. Die dafür zu erhaltenden M. 5000 musste ich unmittelbar anschliessend zwangsweise der Gemeinde Aufsess schriftlich schenken." Dafür sorgte mit Nachdruck der damalige Bürgermeister. In der Folge stritten sich er, sein Stellvertreter und der Ortsbauernführer mit sechs anderen Aufsesser Bürgern um das Vermögen ihrer fünf jüdischen Mitbürger.

Der Streit, der bis vor das bayerische Staatsministerium für Wirtschaft getragen wurde, zog sich bis 1943 hin. Landrat Dr. Niedermayer bezeichnete in einem seiner Schreiben an die Behörden die Auseinandersetzung als einen "Wettstreit der Aasgeier". Von den fünf jüdischen Bürgern konnte sich das Ehepaar David 1941 in die USA retten. Karl Fleischmann verstarb am 23. Januar 1943 im KZ Theresienstadt, Bertha Günther am 29. September 1942 im Vernichtungslager Treblinka. Die Häuser Fleischmanns und Davids stehen heute noch, aber nichts erinnert in Aufseß mehr an ihre jüdischen Vorbesitzer. Dort, wo einst die Synagoge stand, wurde eine Werkstatt errichtet.