Einige Kunstdrucke sind im Besprechungszimmer der evangelischen Christuskirche von der Wand gehängt. Pfarrer Christian Muschler ist dieser Tage dabei, seinen Hausstand zusammenzupacken. Denn ab Juni ist sein Wirkungskreis nicht mehr Forchheim, sondern das Rottal in Niederbayern. Eine besondere Erinnerung wird der Kunstliebhaber mitnehmen: die Ablichtung eines Engels, in dessen Gewand die Namen von im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Angehörigen von Pfarreimitgliedern geschrieben sind. Ursprünglich, so weiß Muschler, schmückte der Engel das Pfarrhaus, bis dieses vor 40 Jahren renoviert wurde; geschaffen hat den Engel der Künstler Wendelin Kusche. Dessen Schüler Erich Müller hat eine Replik geschaffen, die ihren Platz an der Wand hinter der Orgel der Christuskirche gefunden hat. Für Muschler stellt das Kunstwerk ein Stück Gemeindegeschichte dar.

Denn als er 2005 nach Forchheim kam, war sein Eindruck, der Stadtteil Forchheim-Nord werde noch von der Generation der Flüchtlinge geprägt. Viele von ihnen erhielten in den 50er Jahren Wohnungen im entstehenden Stadtviertel; manche bewohnten diese schon 50 Jahre. "Der Engel ist auch ein Wegbegleiter", schlägt der Pfarrer einen Bogen zur nun auf Ostern 2021 verschobenen Ausstellung "Heim.Weg". Zum 50. Jubiläum der Pfarrei 2020 wollte man sie selbst und den Stadtteil zum Thema machen und greift dabei auf Fotografien von Harald Kramer zurück. Er ist in Forchheim-Nord aufgewachsen und hat sich künstlerisch besonders mit dem markanten Kirchenbau auseinandergesetzt.

Chagall und Kollwitz

"Auch der Barlach-Engel sollte kommen", sagt Muschler. Das bekannte Kunstwerk war schon 2012 in der Christuskirche zu sehen. "Als Beitrag zur christlichen Verkündigung" organisierte die Pfarrei seit 2007 Ausstellungen in den Kirchenräumen - mit Werken von Marc Chagall (2007), mit Ikonen (2009), Werken von Ernst Barlach oder Käthe Kollwitz (2015). Impulsgeber war Muschler, wegen seines persönlichen Interesses und wegen des geeigneten Rahmens. Dazukommt noch, dass sich die Gemeinde nicht nur als Forchheim-Nord und damit als ehemaliger sozialer Brennpunkt definieren will, gehören doch auch Buckenhofen, die Kellerwaldregion und die Gemeinden Eggolsheim und Hallerndorf zum Pfarrsprengel. Ehrenamtliche Helfer für die Ausstellungen fanden sich denn auch aus dem ganzen Umkreis.

Sozialer Wohnungsbau

Als Muschler kam, war die Stadt Forchheim gerade dabei, den Stadtteil zu entwickeln, der vom sozialen Wohnungsbau geprägt ist. "Es war ein gutes Zusammentreffen", sagt er über seinen Start. Schon 2006 hat der damalige Oberbürgermeister Franz Stumpf (CSU/WUO) bei der Kirchengemeinde angefragt, ob sie sich ein Bürgerzentrum auf ihrem Gelände vorstellen könne. "Wir haben das als Chance gesehen", betont Muschler, "und als Bereicherung." Wenig Gaststätten, kaum Treffmöglichkeiten, es fehlte ein Ort des gesellschaftlichen Lebens. Durchaus stellte man sich von der Gemeindeleitung auch die Frage, ob das kirchliche Gelände Leute abhalte zu kommen. Denn Forchheim-Nord ist der Stadtteil mit den meisten Menschen mit Migrationshintergrund und damit konfessioneller und religiöser Vielfalt.

Das erlebt Muschler auch bei seiner Tätigkeit als Religionslehrer an der Adalbert-Stifter-Schule (AST). Mehr Schüler sind dort Muslime als Protestanten. Der multireligiöse Dialog spielte folglich eine große Rolle. Da man beispielsweise bei den Entlassfeiern die Schüler nicht auseinanderdividieren wollte, haben die Religionslehrer eine gemeinsame Andachtsform entwickelt. Die Verbindung zu den benachbarten katholischen Pfarreien Verklärung Christi und St. Josef in Buckenhofen war immer gut. Coronabedingt musste allerdings die persönliche Verabschiedung in einem Gottesdienst entfallen.

Simbach am Inn wird Muschlers neue Station. Unbekannt ist ihm Niederbayern nicht, tat er doch als junger Pfarrer fünf Jahre Dienst in einer Diasporagemeinde im Rottal, nachdem er Vikar in Partenkirchen war. Dort waren viele Pfarreimitglieder Ruhestandzuzügler aus ganz Deutschland. Rückblickend sieht Muschler deshalb den Wechsel nach Forchheim immer noch als eine persönliche Herausforderung mit ganz anderen Strukturen und Aufgaben.