Noch vor wenigen Wochen hatte Lorenz Drummer ein Problem. Das Klima unter den 14 Jungs seiner 5. Klasse "passte nicht". Die Zehn- und Elfjährigen zeigten wenig Respekt füreinander. Es wurde "viel gerangelt", erzählt der Klassenlehrer. Und es gab Schüler, die schon wegen Kleinigkeiten "ziemlich rabiat" reagierten.
Um das Problem zu lösen, setzten Lorenz Drummer und die Jugend - und Sozialarbeiterin Christiane Arndt auf Kampf. Sie holten mit Dietmar Schuberth (45) und Ralph Himmer (36) zwei erprobte "Kämpfer" an die Mittelschule Neunkirchen am Brand.

Das Duo Schubert/Himmer arbeitet für die Arbeiterwohlfahrt in Forchheim. Die Diplom-Sozialpädagogen sind auf sogenannte Kampfesspiele spezialisiert. Auf den ersten Blick sieht das aus wie Sportunterricht. Doch was sich zwischen den schreienden und zugleich hochkonzentrierten elfjährigen Schülern auf den Matten in der Turnhalle abspielt, hat mit einer herkömmlichen Sportstunde nichts zu tun. 14 Jungs lauern kniend am Rand des Matten-Rings. Dietmar Schuberth fordert sie zu einem vorher geübten Ritual auf. Wie aus einer Kehle schreien die Elfjährigen: "Wir kämpfen fair!" Dann werfen sie sich auf die Matte und jeder versucht, einen der drei Medizinbälle, die in der Mitte des Rings liegen, unter sich zu begraben.

"Um die Bälle geht es überhaupt nicht, sondern um den Selbst- und Gruppen-Kontakt", erklärt Schuberth. Im Mittelpunkt der Kampfesspiele stehe ein Begriff: Fairness. Als sich einer der Jungs verletzt und mit einem Eisbeutel auf dem gesenkten Kopf am Spielfeldrand Platz nimmt, gehört es zur Fairness, dass ihn niemand auslacht. Es gehört aber auch zur Fairness, dass ihn die Gruppe wenig später mit einem Handschlag wieder aufnimmt. Und natürlich gehöre es zur Fairness, sagt Dietmar Schuberth, dass die Schüler lernen "offen und ehrlich" miteinander umzugehen und sich zu respektieren: "Das heißt nicht unbedingt, dass man sich mögen muss."

Der Pädagoge Josef Riederle, der von sich sagt, dass er "eigentlich ein Respekttrainer" sei, hat die Kampfesspiele entwickelt. Das Faszinierende: Dieser Kampf erlaubt (jungen) Männern, ihre Aggressionen kennen zu lernen, ohne die Grenze zur Gewalt zu überschreiten. "Es wird Raum gegeben für ein Bedürfnis, das ohnehin da ist - die Kräfte zu messen", sagt Dietmar Schuberth, der sich von Josef Riederle hat ausbilden lassen. Das Erziehungssystem unserer Gesellschaft sei "weiblich dominiert", meint Ralph Himmer: "Es fehlen Rollen-Modelle für heranwachsende Männer. Bei den Kampfesspielen werden die Jungs gefordert. Es geht auch um Mutproben und Grenzerfahrungen." Und, ergänzt Dietmar Schuberth, "es geht auch um ein Männerbild". In der Gesellschaft gebe es zu wenig männliche Vorbilder, die ohne Leistungsdruck auskommen.


200 Spiele, um Fairness zu lernen

Als die 14 Jungs eine Minute lang um die drei Bälle gerungen haben, liegen sie, ineinander verhakt, in drei Gruppen auf der Matte. Jeder hat irgendwie Kontakt zu einem der drei Bälle. Und genau das sei das Ziel dieser Spiele (insgesamt gibt es 200 verschiedene), erläutern Schuberth und Himmer: Es gibt während des Kampfes keine Gegner, sondern Partner. Jeder kann, wenn es schmerzhaft wird, das Spiel durch Stopp-Rufe unterbrechen. Es gibt keinen Sieger, sondern viele Gewinner.

Am Ende des Kurses werden die Jungs für ihre Fairness mit Urkunden ausgezeichnet. Und Jugendsozialarbeiterin Arndt sagt zu Dietmar Schuberth und Ralf Himmer, sie freue sich darauf, wenn sie im September wieder kämen. Die Folgen der Kampfesspiele seien spürbar, freut sich auch Lorenz Drummer. Sechs Mal hätten seine Fünftklässler jeweils 90 Minuten mit Schuberth und Himmer geübt. "Seitdem geht es untereinander fairer zu", beobachtet der Klassenlehrer "Sie sind einsichtiger. Viele haben verstanden, dass sie bei sich anfangen müssen, statt den anderen die Schuld zu geben."

Auch Dietmar Schuberth ist zufrieden, obwohl es noch viel effektiver sei, wenn sich ein Kurs über ein halbes Jahr erstrecke. Doch bei den Fünftklässlern der Mittelschule Neunkirchen hätten die sechs Übungseinheiten sichtbare Veränderungen gebracht: "Die Insider und die Outsider haben begonnen, miteinander zu sprechen. Die Rambos haben gelernt, sich zu zügeln, die Stimmung in der Gruppe ist ausgeglichener."