Oskar ist 79. Er weiß nicht mehr, dass er Geburtstag hat. Er weiß auch nicht, was ein Geburtstag ist. Die Uhr an seinem linken Arm ist nur Dekoration, denn seit Jahren kann Oskar nicht mehr sagen, wie spät es ist. Er weiß auch nicht, ob heute Montag oder Donnerstag, Freitag oder Dienstag ist. Oskar ist dement.

"Angefangen hat alles vor etwa fünf Jahren", berichtet seine Frau Eva (75), die ihren Mann liebevoll pflegt. "Damals war er oft einen halben Tag lang unterwegs. Als er heim kam, wusste er nicht, wo er war. Selbst die bohrendsten Fragen halfen nichts. Da hing der Haussegen ganz schön schief", erinnert sich Eva.


Diagnose: Dementielles Syndrom

Als Oskar dann aber Dinge verlegte und sich nicht mehr erinnern konnte, wo er mit seiner Frau am Vormittag war, hatte Eva die Sorge, ihr Mann könne an Demenz erkrankt sein.
Ein Arztbesuch brachte Gewissheit. Der Mediziner diagnostizierte ein "dementielles Syndrom".

Besonders auffällig: Beim "Uhren-Test" ordnete Oskar die Zahlen völlig falsch an. Mit ungelenken Händen zitterte er ein paar Ziffern aufs Papier. Die Familienstruktur, so bestätigte der Arzt, könne Oskar noch relativ klar benennen. Soll heißen: Der Patient erkannte auf den Familienfotos seine Kinder, deren Partner und die Enkel.


Das Gedächtnis schulen

Das war vor fünf Jahren. Damit Oskars Gedächtnis geschult wird, sichtete Eva das Familienalbum und ließ aus den Fotos ein Memory anfertigen. "Damit haben wir lange geübt", erzählt die Gattin. Und sie kaufte einen digitalen Bilderrahmen auf dem sich die Fotos in vorgewählten Zeitabständen ändern. "So konnte ich meinen Mann immer wieder abfragen, wer gerade auf dem Foto zu sehen ist", informiert Eva.

Zur Gedächtnis-Schulung des gelernten Zimmermannes hat seine Frau auch das Bilderbuch "Unser Werkzeug" angeschafft. Da sollte Oskar nicht nur die Werkzeuge benennen, sondern auch erklären, wozu sie gebraucht werden. Oskar hat das offenbar gefallen. So sehr, dass er von dem dreidimensionalen Wandbild, das eine Zimmerer-Werkstatt zeigt und ihn an seinen früheren Beruf erinnerte, die Säge wegnahm. "Die hab' ich überall gesucht", erinnert sich Eva. "Gefunden hab' ich sie in einer seiner Hosentaschen", lacht die Frau, die sich trotz des schweren Schicksals nie unterkriegen ließ.


Nur noch die Decke angestarrt

Ein, zwei Jahre nach der Diagnose "Alzheimer" wurde Oskar zunehmend aggressiv. "Ich nehme an, ihm sind seine Defizite immer mehr bewusst geworden. Das hat ihn wütend gemacht", vermutet seine Frau. Von der Reaktion der Ärzte ist sie enttäuscht. "Die haben ihm nur 'Risperidon' gegeben. Daraufhin ist mein Mann apathisch auf der Couch gelegen und hat die Decke angestarrt." Deshalb habe sie das Medikament abgesetzt. "Da war es mir lieber, dass er manchmal laut wurde, rumgeschrien hat. Jeder Mensch muss doch mal Dampf ablassen", verteidigt Eva dieses Verhalten.


Suche ohne Grund

Diese Zeit ist vorbei. Jetzt ist Oskar recht ruhig. Oft sitzt er vor dem Fenster und starrt in den Garten oder auf den Hof. Nur hin und wieder packt ihn die Unruhe und er sucht etwas. Er steht vor einer Schublade in der Küche, öffnet sie, schaut hinein und schließt sie wieder, um sie erneut zu öffnen. "Wenn ich ihn frage, wonach er sucht, kann er mir keine Antwort geben", bedauert Eva.

Sie hat inzwischen die gesamte Wohnung "kindersicher" gemacht. Die Treppe ist mit einem Gitter verbarrikadiert, damit Oskar nicht hinunterfällt. Statt auf Herdplatten kocht Eva auf Induktionsfeldern und der Kühlschrank geht von links nach rechts auf. So kann sich Oskar nicht einfach bedienen und Sachen herausnehmen, die ihm möglicherweise nicht bekommen.

"Ich habe versucht, möglichst alle Gefahrenquellen auszuschließen. Tritt ein neues Problem auf, muss ich mir etwas einfallen lassen", zeigt sich Eva innovativ. So hat sie die Lichtschalter mit roten Punkten versehen, damit Oskar sie leichter findet.


Beleidigt davongelaufen

"Damit mein Mann nicht heimlich das Zimmer verlässt, wenn ich beim Fernsehen einschlafe, habe ich ein Windspiel an der Tür befestigt. Außerdem sind die Türen mit Ketten und Schlössern gesichert." Das ist notwendig, denn mehr als einmal musste Eva ihren Mann bereits suchen. "Als wir beim Globus in Forchheim einkaufen waren, wollte ich noch etwas aus dem Baumarkt holen", erzählt Eva. Deshalb hatte sie ihn gebeten, kurz auf den vollen Einkaufswagen aufzupassen. "Keine fünf Minuten später stand er hinter mir, ohne den Einkaufswagen. Da habe ich ihn geschimpft", gesteht Eva. Ein Fehler. Beleidigt zog Oskar ab. Und ward nicht mehr gesehen. "Stundenlang haben wir gesucht. Ich hab' ihn ausrufen lassen, habe die Polizei alarmiert und die Kinder informiert. Alle haben nach Oskar gesucht." Irgendwann entdeckte ihn ein Polizist am Bahndamm.

Das zweite Mal lief er aus einem Privaten Pflegeheim in Hemhofen weg. "Ich wollte ihn dort stundenweise unterbringen, damit er einen Platz hat, den er kennt, wenn ich mal ins Krankenhaus muss", erklärt Eva.

Kaum eine Stunde später wurde sie angerufen, dass er verschwunden sei. Da Oskar früher in Hemhofen gearbeitet hatte und den Weg durch den Wald über Poppendorf nach Hause oft gelaufen war, vermutete Eva, dass ihr Mann diesen Weg genommen haben könnte. Sie lag richtig und fand Oskar auf dem Weg zwischen Poppendorf und Heroldsbach.

Um körperlich beweglich zu bleiben, hat Eva für ihren Mann im Keller ihres Hauses ein kleines Fitness-Studio eingerichtet. Täglich muss Oskar auf das Laufband und ans Minibike zur Kräftigung der Arm und Beinmuskulatur. Wahlweise steht auch noch ein Stepper in der Ecke.


Buchstaben nachfahren

Diese Grobmotorik funktioniert noch relativ gut. Schwieriger ist die Feinmotorik. So kann Oskar schon seit Monaten seinen Namen nicht mehr schreiben. Mit viel Mühe versucht er, die Druckbuchstaben, die seine Frau auf ein Blatt Papier gemalt hat, nachzufahren. "Manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter", stellt Eva fest.
Sie will ihrem Mann weiter Anregungen bieten, geht mit ihm in den Garten, nimmt ihn mit zum Einkaufen und unternimmt kleine Ausflüge. "Er ist wie ein Kind", beschreibt Eva die Situation und fügt an: "Gut, dass ich Kinder liebe. Ich hatte fünf und jetzt hab ich wieder eines."


Neue Anlaufstelle für Betroffene

Die Fachstelle für pflegende Angehörige ist eine zentrale Anlaufstelle für alle, die Angehörige mit Demenz pflegen. Birgit Pohl von der Diakonie Bamberg-Forchheim ist montags und mittwochs jeweils von 9 bis 11 Uhr in der Villa in der Mayer-Franken-Straße 40 für persönliche Beratungsgespräche erreichbar.

Darüber hinaus hat Birgit Pohl zusammen mit Birgit Hilfenhaus einen Internet-Auftritt erstellt, auf dem sämtliche Hilfsangebote aufgelistet sind. "Hier finden Betroffene Kontakte zu mobilen Friseuren, zu Ärzten oder einem Optiker, der ins Haus kommt. Auch das Betreuungs- und Pflegeangebote ist zusammengefasst. Hier können sich Familienangehörige oder Freunde aussprechen oder Rat und Unterstützung holen bzw. über zustehende Hilfen informieren.


Aus der Isolation holen

Das Projekt, bei dem sämtliche caritativen Einrichtungen zusammenarbeiten, wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert. Die Lokale Allianz für Menschen mit Demenz, sagte Diakon Wolfgang Streit bei der Präsentation der Einrichtung, wolle Menschen mit Demenz aus der Isolation holen, Angehörige entlasten und Unterstützung vor Ort bieten.

Landrat Hermann Ulm (CSU), Schirmherr der Beratung für pflegende Angehörige, unterstrich die Bedeutung des Angebotes, da Angehörige immer häufiger mit Problemen konfrontiert würden die sie überforderten. Im Internet ist das Demenzzentrum zu finden unter www.demenzzentrum-forchheim.de.