Er war gut gefüllt, der Platz vor dem Rathaus, mit Trassierband als Raum des Protests gegen Grundrechtseinschränkungen und Impfzwang abgesperrt. Immer wieder näherten sich Passanten, um die Diskussion zu suchen. Die meist sitzend Demonstrierenden gehörten zum großen Teil zu der von Carola Pracht-Schäfer initiierten Facebookgruppe "Ich habe einen Traum".

Die Initiatorin der Facebook-Gruppe bekannte, sie habe einen Traum wie Martin Luther King. "Die Weltbevölkerung will in Freiheit und Menschenwürde leben. Dazu brauchen wir keine Zwangsimpfung und Überwachung." Ins Feld für ihren Protest führte sie auch die Ungleichbehandlung von Gewerbebranchen, durch die sie als selbstständige Führungskräftetrainerin, Saunabetreiber oder Musiker um die Existenz gebracht würden.

"Liebe stärkt Immunsystem"

Eine ihrer Mitstreiterinnen betonte, von einem "Altrentner" (Eigenbezeichnung eines älteren Radfahrers) auf die Erkrankungsgefahr durch das neuartige Virus angesprochen: "Die Menschen, die in Liebe zusammen sind, haben so ein starkes Immunsystem, dass sie keine Impfung brauchen."

Eine weitere Demonstrantin, die sich als "Coronarebellin" vorstellte, ist der Überzeugung, in

Deutschland hätte man gar nichts machen müssen. Als der Lockdown verordnet worden sei, hätte die Zahl des RKI, wie viele andere Menschen ein Infizierter anstecke, wie derzeit unter eins gelegen. Der Zweck sei es, Angst zu schüren und durch den Maskenzwang Menschen bereitwillig für die Impfung zu machen. "Wir zeigen es Bill Gates", rief eine weitere Demonstrantin einer offenbar Bekannten zu und zeigte der die Aufschrift auf ihrer Jacke, die sie von nun an dauernd tragen werde.

Einige Teilnehmer hielten Handzettel aus dem Versammlungsrund, wonach ein Verzicht auf Freiheit zugunsten von Sicherheit zum Verlust von beidem führe. Einzig ein handgemaltes Plakat am Boden sprach explizit die Grundrechte an. Der Fertiger ist der Meinung, die Maskenpflicht sei unvereinbar mit der Menschenwürde nach Artikel 1 Grundgesetz.

"Von Freiheit und anderen Ängsten": Kommentar des FT-Redakteurs Stephan Großmann

Die Freiheit ist ein wichtiges Gut. Doch ist der Begriff ein abstrakter, der sich in der Regel aus der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen ableitet. Wenn Sie mich fragen, ob ich mich auf Grund einiger vorübergehenden Einschränkungen meiner Lebensqualität unfrei fühle, würde ich das verneinen. Nun ist jedes Schicksal individuell, die Maßnahmen treffen jeden unterschiedlich hart. Dass manche Menschen eher ins Grübeln kommen und aufbegehren als andere, ist nur natürlich.

Leider mischen sich unter die nachvollziehbaren Rufe nach Freiheit Verschwörungstheorien von Angstmachern, die das hohe Gut der Meinungsfreiheit ausnutzen. Jene sorgen sich nicht um Freiheitsentzug oder sehnen sich gar nach einer besseren Welt. Sie wittern ihre Chance, das in die Welt zu posaunen, was "man ja wohl noch sagen darf". Und ja, sie dürfen. Weil sie frei sind. Nur dürfen sie nicht erwarten, dass ihnen jeder widerspruchlos glauben muss.