Drehen wir das Rad der Zeit 100 Jahre zurück. In Deutschland herrschte seit 1914 Krieg. Ein grausamer, verheerender Krieg, der unzählige Opfer forderte. Das unsägliche Blutvergießen dauerte nun schon drei Jahre. Für die Soldaten und Männer an der Front war der Kontakt in die Heimat, zu ihrem "alten Leben" überlebenswichtig. Sie schrieben Feldpostkarten und Briefe, die wichtigsten Kommunikationsmittel zwischen Krieg, Front und Heimat. Für die Angehörigen zu Hause waren sie ein wichtiges Lebenszeichen. Auch für die Angehörigen des Mittlerweilersbacher Landwirts Georg Kügel.

Er wurde schon zu Kriegsbeginn im Alter von 31 Jahren zur Landwehr eingezogen und kämpfte in Frankreich an der Front. Zu seiner Zeit war Georg Kügel, geboren 1881, in seinem Heimatort unter dem Hofnamen "Schwarzbauern" bekannt. Verheiratet war er mit Ehefrau Maria, einer geborenen Kreller, ebenfalls eine Weilersbacherin. Schwer sei es ihm damals gefallen, in den Krieg zu ziehen, seine Frau und seinen einzigen Sohn, der seinerzeit fünf Jahre alt war, zurückzulassen. Den beiden galt seine ganze Liebe. Noch heute erinnert ein Grundstück in Weilersbach an den "Schwarzbauern": der Gemeinde-Festplatz mit Bauhof.


Beim Stöbern im Spitzboden

Viele Jahrzehnte später: Infolge einer Nachlasssache findet Anna Pleischl beim Stöbern und Ausräumen eines Scheunenspitzbodens einen Stapel von Briefen und Karten in einem alten, zugedeckten Wäschekorb. Doch Anna warf sie nicht einfach weg. Sie wurde neugierig und wollte wissen, was in den Briefen und auf den Karten geschrieben stand.

Es waren Feldpostkarten und Briefe vom "Schwarzbauern" an seine Frau Maria aus dem Ersten Weltkrieg. Nachdem diese jedoch in der deutschen Schrift geschrieben waren, fing Anna an, sich diese Schrift anzueignen, um das Geschriebene lesen zu können. Vieles erfuhr sie über die Kriegserlebnisse des Georg Kügel - "was mir oft sehr nahe ging", sagt Anna.

Sie holt aus dem Stapel eine Feldpostkarte heraus, die Georg Kügel am letzten Sonntag im Jahr 1917 nachhause schrieb, am 30. Dezember, abgestempelt am 31. Dezember. So gab es in seinen wenigen Zeilen kein großes Klagen, nur: "Bei mir könnt es besser gehen, wir haben sehr viel Schnee und Kälte."

Das Wichtigste für ihn war, "dass daheim im ganzen Haushalte" noch alle gesund sind, was sein Sohn Heinrich mache, ob das Holz noch reiche und ob die Kuh schon gekälbert habe. "Auf ein glückliches gesundes Wiedersehen - Dein lieber Mann Georg", lauten die letzten Zeilen.

Wie Anna Pleischl zu erzählen weiß, wurde diese mit Bleistift geschriebene Feldpostkarte in einem Bunker bei Kerzenlicht geschrieben - auf ihr befanden sich noch Wachstropfen. Doch sie las nicht nur die Feldpostkarte vom Dezember 1917, sie interessierte sich auch für die anderen Nachrichten und nahm den ganzen Brief- und Kartenstapel unter die Lupe. Was sie herauslas, ist eine ergreifende Geschichte eines Weilersbacher Kriegsteilnehmers, der wie so viele seiner Kameraden zuversichtlich für sein Heimatland kämpfte, der aber auch angesichts des großen Blutvergießens den Krieg in einem Brief "als Hölle" nannte.


Kummer und Elend

"Wenn man den Kummer und das Elend sieht, wird einem das Leben zuwider", berichtete er in einem Heimatschreiben. Ein andermal schrieb der "Schwarzbauern Görg" - es war Anfang 1918 - an seine Frau Maria: "Seit vier Jahren schlafen wir schon auf Brettern, zum Essen gibt es nur Brennnesseln, schicke mir bitte Magentropfen."

Doch das Schicksal meinte es mit dem "Schwarzbauern" Georg Kügel gut und er hatte Glück. Er sah nach Kriegsende im November 1918 seine Heimat unversehrt wieder. Auch sein Bruder "Seppl" kehrte aus der Gefangenschaft zurück.

Was beim "Schwarzbauern" jedoch nach dem fatalen Krieg blieb: Seine Seele war krank. Doch das Leben ging weiter. Bis zu seinem Tode bewirtschaftete er mit Ehefrau Maria seine Landwirtschaft. Wie Anna Pleischl auch weiß, galt seine Sorge stets seinem Sohn Heinrich. Das ging aus all seinen Briefen und Feldpostenkarten hervor.

"Vielleicht war es von ihm eine Vorahnung, dass er seinen Heinrich in jungen Jahren verlieren wird. Er kam aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurück", berichtet Anna Pleischl. Für sie die Briefe und Karten bis heute ein wertvolles Andenken, das an das Landwirtsehepaar Georg und Maria Kügel, die "Schwarzbauern" aus Mittlerweilersbach, erinnert.