Mäuse, Ratten, Schafe, Schweine und Kaninchen sind in den Ställen hinter dem orangen Gebäude untergebracht. Franz-Penzoldt-Zentrum steht auf einem großen blauen Schild vor der Eingangstür in die Anlage der Friedrich-Alexander-Universität. Hier werden die Tierversuche durchgeführt.

Von den Tieren ist nichts zu sehen und nichts zu hören, als Geschäftsführer Professor Dr. Stephan von Hörsten in den Seminarraum bittet. Er ärgert sich über die vielen negativen Berichte, die über die Tierversuche zu lesen und zu sehen sind. Die Aussagen der Tierversuchsgegner, dass es beispielsweise keine Übertragbarkeit gebe oder Fördergelder für ALS ausschließlich in die Tierversuchsforschung flössen, seien so nicht richtig, findet er.


Rettung für ein Kind

"Am Schwein wurde vor fünf Jahren eine neue Operationsmethode an Herz und Aortenbogen getestet. Diese Operationstechniken konnten nicht direkt am Menschen getestet werden", erklärt von Hörsten. Durch diesen Tierversuch habe ein Erlanger Kind gerettet werden können. Diese Operation sei inzwischen Routine. Allerdings gibt er zu, dass es eine seltene Erkrankung ist. Dass das Kind noch lebt, davon geht er aus.

Die Transplantation von B-Lymphozyten, die das Infektionsrisiko bei Leukämiepatienten senken soll, nennt er als weiteren Erfolg der im Labor und bei Tieren durchgeführten Versuche. Die Studie am Menschen laufe erst an. Gesicherte Auswertungen seien noch nicht vorhanden. Nur die Hoffnung für den Patienten.

Eine Hoffnung, die in der Krebsforschung schon oft erweckt wurde. "Ohne Hoffnung geht es nicht", fügt Roland Jurgons, wissenschaftlicher Mitarbeiter, technischer Leiter und Leiter der Kleintierhaltung an. "Mit der Methode der Tierversuche wird eine falsche Sicherheit vorgegaukelt und stoppt sogar die Forschung, wenn der Versuch beim Tier negative Auswirkungen hatte, dem Menschen aber gutgetan hätte und umgekehrt", sieht das Margit Vollertsen-Diewerge von den Ärzten gegen Tierversuche.


Andere Verwendung

Was die seltene Nervenerkrankung ALS betreffe, sei der größte Teil der Spenden nicht in Tierversuche, sondern in die Betreuungsforschung geflossen, merkt von Hörsten an. Damit soll herausgefunden werden, was man anders machen könne, damit diese Patienten besser betreut werden.

An ALS erkranken weltweit pro Jahr zwei bis fünf aus 100 000 Menschen. Chorea Huntington, Parkinson, Alzheimer, nennt der Professor andere neurodegenerative Erkrankungen, bei denen letztendlich an den sogenannten Tiermodellen eine kausale Therapie erforscht werde.

Sei eine Substanz im Computer modelliert worden, die der Hypothese des Wissenschaftlers zufolge hilft, werde sie an Zellen im Reagenzglas getestet und untersucht, ob die Substanz ihr Ziel im Nervensystem erreicht. Dann wird getestet, ob im Tiermodell der erwünschte Effekt eintritt, ob die Hypothese das Versprechen hält.

"Einen anderen Weg gibt es nicht", sagt von Hörsten. Hinter jeder Therapie oder jedem Medikament stünden Tierversuche. Dass die Tierversuche bei Krankheiten mit wenigen Betroffenen wie bei ALS oder der Alzheimer Erkrankung, die häufig erst im hohen Alter auftritt, ethisch vertretbar seien, sieht von Hörsten als Mediziner so. Als Arzt folge er den ethischen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


"Nicht ohne vernünftigen Grund"

Der Forscher übernehme einerseits Verantwortung für hilfsbedürftige, erkrankte Menschen und wäge diese Verantwortung dann gegen die für das Wohlbefinden der Versuchstiere ab. Ihnen werde "nicht ohne vernünftigen Grund Schaden zugefügt". Das aber könne bereits ein einziger an einer seltenen Krankheit erkrankter Patient sein.

Um hier neue Therapieansätze zu finden, nehme er in Kauf, die gleichen genetischen Ursachen in der Maus herzustellen. Es müsse abgewägt werden: "Ja, ich kann es verantworten, dass ein Versuchstier leidet, um ALS-Patienten künftig zu helfen."

Das sagt von Hörsten und fürchtet einen neuen Aufschrei, denn die Tendenz gehe nicht weg von Tierversuchen bei sehr seltenen Erkrankungen, eher in die andere Richtung. "Die Europäische Gemeinschaft fordert besonders die Forschung zur Therapieentwicklung seltener Erkrankungen", erklärt der wissenschaftliche Leiter des Tierversuchszentrums.

Seine Aufgabe im Erlanger Zentrum besteht darin, die notwendigen Tierzahlen zu verringern, die Methodik zu verbessern und das Leiden der Tiere so gering wie möglich zu halten.

"Wir sind hier mit allen Möglichkeiten der Technologie ausgestattet, um das Leid der Tiere soweit wie möglich einzuschränken. Die Tiere erhalten Schmerzmittel und Anästhesie. Die Personen, die Versuche durchführen, werden geschult und müssen die notwendige Zuverlässigkeit haben, also die Versuche so durchführen, wie sie genehmigt wurden." Verschlechtere sich bei einem Versuch der Zustand eines Tiers, müsse der Wissenschaftler den Versuch nach zuvor festgelegten Kriterien abbrechen.

"Hier ist es eher so, dass die Belastung von Anfang an als zu gering angegeben wird. Die hohe Belastung zeigt sich oft erst im Versuch. Versuchsgegner möchten deshalb erreichen, dass hohe Belastungen gar nicht mehr genehmigt werden", erklärt Vollertsen-Diewerge den gegensätzlichen Standpunkt der Tierschützer.

Kontrollen können jederzeit durch übergeordnete Veterinärämter und die unabhängige Tierschutzbeauftragte der FAU, Mareen Ziegelmann, durchgeführt werden. Sie darf jederzeit zu den Tieren. Ihr Gehalt bezieht sie von der Uni.

Von Hörstens eigenerAbwägung eines beantragten Tierversuchsvorhabens wird zuvor noch eine Ethikkommission von der Genehmigungsbehörde gehört. Bei den Forschungsvorhaben in Erlangen sei vorher geprüft, ob es Alternativmethoden oder versuchsfreie Methoden gebe.


Seelisch belastend

"Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Leiden und die Belastung im Nutztierbereich wesentlich größer ist", so der Geschäftsführer von Hörsten. Der Privatmensch Stephan von Hörsten hat Haustiere. Einen Vogel und einen Hund. Der Mediziner gibt zu, dass es schwierig ist, auch seelisch belastend. Aber er sei Arzt und überzeugt, dass es ohne Tierversuche nicht gehe.