Wenn sich der Ebermannstadter Bürgermeister Franz Josef Kraus (CSU) und die 20 Mitglieder des Stadtrates zu einer offiziellen Sitzung treffen, falten sie erst einmal die Hände und beten ein Vaterunser. "Das ist eine uralte Tradition", erklärt Bürgermeister Kraus. Bereits Paul Lachmayer (CSU), der von 1952 bis 1972 die Geschicke der Stadt lenkte, habe jede Stadtratssitzung mit einem Gebet eröffnet. Ob das aber auch im neuen Stadtrat so sein wird, ist offen.

Ein Gebet habe keinen Platz im Stadtrat, findet Peter Morys (NLE), der sich als glühender Verfechter einer strikten Trennung zwischen Kirche und Staat outet. Er möchte, dass die Verpflichtung zum Gebet aus der Geschäftsordnung der Stadt gestrichen wird. Bei einer Besprechung innerhalb der Neuen Liste Ebermannstadt (NLE) habe sich eine Tendenz abgezeichnet, dass die Geschäftsordnung in puncto Gebet geändert werden soll.

"Ein ökumenischer Gottesdienst, so wie Bundeskanzlerin Angela Merkel die neue Parlamentarische Sitzungsperiode eröffnet, bitteschön", sagt Morys. Aber im Sitzungssaal solle die Religion besser außen vor bleiben.
Franz Josef Kraus kann über derlei Bestrebungen nur den Kopf schütteln. "Ich versteh' die Welt nicht mehr", zeigt sich der scheidende Bürgermeister fassungslos. Er jedenfalls will nach Väter Sitte vor den letzten Plenums-Sitzungen das traditionelle Gebet sprechen.

Bekenntnis zu christlichen Werten

"Wir haben das C im Parteinamen und sollten an der guten Gepflogenheit festhalten", findet der neu in den Stadtrat gewählte Rainer Schmeußer (CSU). Er sieht in dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser ein Bekenntnis zu den traditionellen Werten.

So wie Ludwig Brütting (Freie Wähler). "Ich halte es mit den Benediktinern und bekenne mich zu dem Grundsatz: Ora et labora. Ich möchte die Arbeit im Stadtrat auch weiterhin unter den Schutz Gottes stellen", bekennt Ordinariatsrat Brütting. Aus seiner Sicht gebe es keinen Grund, an der bestehenden Praxis etwas zu ändern.
"Ich gehe ganz schwer davon aus, dass auch der künftige Stadtrat seine Sitzungen mit einem gemeinsamen Gebet beginnt", erklärt Dritter Bürgermeister Klaus Neuner (CSU). "Christiane Meyer ist katholisch und besucht regelmäßig die Gottesdienste und Erwin Horn ist Religionslehrer. Da würde es mich schwer wundern, wenn die plötzlich für eine Abschaffung des Gebetes vor der Stadtratssitzung wären", spekuliert der wieder gewählte Stadtrat.

Der angesprochene Erwin Horn (NLE) sieht die Angelegenheit differenzierter. "Man muss darüber miteinander reden", findet Horn. Grundsätzlich gelte es, der geforderten Trennung zwischen Kirche und Staat Rechnung zu tragen. Zudem müsse die Freiheit jedes Einzelnen bedacht werden, denn "ein Gebet ist etwas sehr Persönliches", unterstreicht der pensionierte Studiendirektor. Es gelte Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse der Kollegen. "Bevor jemand ein Vaterunser einfach so runterleiert, würde ich lieber darauf verzichten. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor dem Gebet", bekennt Horn, der wie die neu gewählte Stadträtin Susanne Löser (NLE) im Pfarrgemeinderat von St. Nikolaus aktiv ist.

Glaube ist wichtig

"Der Glaube ist eine ganz wichtige Sache", bekennt die Lehrerin, die einräumt, dass bei so mancher Entscheidung ein göttlicher Beistand ganz sinnvoll wäre. Das satzungsmäßig beschlossene Gebet vor jeder Stadtratssitzung aber irritiere sie eher, gesteht Susanne Löser, die "jede Entscheidung mittragen" will.

Auch die neu gewählte Bürgermeisterin Christiane Meyer (NLE) bekennt: "Ich bin ein gläubiger Mensch." Die Frage, ob künftig vor jeder Stadtratssitzung ein Vaterunser gebeten werden soll, sei aber eine ganz andere Sache. "Ich will erst einmal herausfinden, welche Hintergründe diese seit Jahrzehnten gepflegte Tradition hat", erklärt Meyer am Rande einer Bürgermeister-Fortbildungsveranstaltung. Für eine Entscheidung pro oder contra Gebet sei es aber noch zu früh. Darüber müsse im Stadtrat diskutiert werden. Die letzte Sitzung des alten Gremiums findet am 30. April statt, die konstituierende Sitzung des neuen Stadtrates am 12. Mai.

Vielleicht eine Gedenkminute?

"Man muss ja nicht gleich von hundert auf null", zeigt sich Meyer kompromissbereit. Vielleicht wäre es eine Lösung, vor jeder Sitzung eine Schweigeminute einzuführen, die für ein stilles Gebet genutzt werden kann, gibt die Bürgermeisterin zu bedenken.

Stadtrat Martin Vierling (Junge Bürger) findet, dass Kirche und Kommunalpolitik zwei paar Stiefel sind. Er hält es nicht für erstrebenswert, an der Tradition des Gebetes vor einer Stadtratssitzung festzuhalten. Das Gebet sei eine private Angelegenheit. Allerdings hätte er auch kein Problem, wenn weiterhin gebetet würde.
Für Konrad Dresel (WGG) indessen ist die Sache klar: "Für mich gibt es keinen Grund, mit der Tradition des Gebetes vor einer Stadtratssitzung zu brechen." Jeder könne göttlichen Beistand gebrauchen. Was über Jahrzehnte Bestand gehabt habe, solle man nicht einfach leichtfertig über Bord werfen.

Das sieht auch Thomas Redel so. "Ich bin für beides offen", erklärt der Chef der Wählergemeinschaft Mühlbachtal (WGM). Er verspricht: "Wenn es zur Abstimmung kommt, werde ich die Hand heben, damit auch in Zukunft vor jeder Stadtratssitzung ein Vaterunser gesprochen wird."