Etwa um die Mitte des Jahres 1932 ist es in Berlin zu einem Zerwürfnis zwischen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Reichskanzler Heinrich Brüning gekommen. Hindenburg war verärgert über das von Brüning verhängte Verbot der nationalsozialistischen Wehrverbände (SA und SS). Ferner entzürnte ihn das Ende der "Osthilfe" für die hochverschuldeten ostdeutschen Rittergüter. Zumal er als Besitzer von Gut Neudeck selbst davon betroffen war.

Da ihm von da an Hindenburg keine Notverordnungen mehr unterzeichnen wollte, trat Brüning zurück und gab sein Amt am 30. Mai 1932 an Franz von Papen ab. Papen richtete unter seiner knapp halbjährigen Kanzlerschaft - vom 1. Juni bis 17. November 1932 - die parlamentarische Demokratie vollends zugrunde. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise löste er den Reichstag auf, hob am 14. Juni das SA- und SS-Verbot auf und suchte die Unterstützung Hitlers für seine Politik.

20 Mann Verstärkung

Als in Preußen nach den Landtagswahlen vom 24. April wie in Bayern keine parlamentarische Mehrheit für eine Regierungsbildung zustande kam, setzte Papen am 20. Juli in einem Staatsstreich die geschäftsführende Regierung ab und unterstellte sich das Land als Reichskommissar.

Bayern fürchtete nun um die eigene Hoheit und lehnte Papens Zentralisierungspolitik strikt ab. Unter diesen Vorzeichen wurde in Forchheim und seinem Umland der seit Februar andauernde Wahlkampf nahezu ohne Unterbrechung weitergeführt.

Wie angespannt die Lage auch in unserer Region war, zeigte sich zum einen daran, dass in Forchheim der Stadtrat "mit Rücksicht auf die für 31. Juli 1932 anberaumten Reichstagswahlen" das Annafest vom Juli in den August verlegte. Zudem ließ sich der Stadtrat beim Innenministerium die "Verstärkung der Schutzmannschaft um je 20 Mann an den Haupttagen des Festes" genehmigen. Tatsächlich lieferten sich die NSDAP und die Bayerische Volkspartei (BVP) in den örtlichen Zeitungen ab Mitte Juni einen heftigen rhetorischen Schlagabtausch.

Besonders Augenmerk richtete die NSDAP auf die Katholiken, von denen sie bisher kaum Stimmen erhalten hatte. Eigens aus Baden-Baden holte sie ihren Vorzeige-Katholiken Kuno Brombacher zu Hilfe. Brombacher war Stadtbibliothekar und Schriftsteller, zudem seit 1930 Landtagsabgeordneter.

Kirche wehrt sich gegen NSDAP

Im Juli sprach er in Ebermannstadt und in Forchheim über "Katholische Weltanschauung und Nationalsozialismus" und legte dar, dass die NSDAP mit ihrem Bekenntnis das Ziel verfolge, "das deutsche Volk vom Marxismus zu befreien und zu nationalem Denken und Fühlen zu erziehen, damit Deutschland wieder zu alter Macht gelange."

Mit dem Schlagwort vom "positivem Christentum" täuschte die NSDAP vor, christliche Werte zu wahren, "ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden".

Die katholische Kirche erklärte dazu in einer offiziellen Stellungnahme, dass nach wie vor "die Kulturpolitik des Nationalsozialismus mit dem katholischen Christentum in Widerspruch" stehe und schloss NSDAP-Mitglieder vom Zugang zu den heiligen Sakramenten aus. Die Forchheimer Zeitung tat Brombachers Auftritt als "Katholikenfang" ab und veröffentlichte 14 Tage vor der Wahl in vollem Wortlaut den "Aufruf der Bischöfe zur Reichstagswahl" mit deren Warnung: "Hütet Euch vor Agitatoren und Parteien, die des Vertrauens des katholischen Volkes nicht würdig sind."

Aus der Sicht der Fuldaer Bischofskonferenz waren das gleichwohl noch vor den Nationalsozialisten Kommunisten und Sozialdemokraten.

Unterstützt von den katholischen Organisationen setzte die BVP vor Ort drei auswärtige Redner gegen die NSDAP ein. In Ebermannstadt zunächst den Landwirt Friedrich Huth und in Forchheim den Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl. Vor allem Scharnagl galt als unbeugsamer Kämpfer für die katholische Weltanschauung. "Wir dürfen in der Gesellschaft nicht anders leben, als es die göttlichen Gebote und die kirchlichen Lehrsätze vorschreiben", predigte er seinen Zuhörern im Kolpingshaus.

In der letzten Großkundgebung kam mit dem Domkapitular Johann Leicht (1868-1940), der prominenteste BVP-Redner nach Forchheim. Ihn kannten nicht nur die Forchheimer von seinen Beiträgen aus der Forchheimer Zeitung, sondern auch noch manche Ebermannstädter, wo er von 1893 bis 1895 Kaplan gewesen war.

Kommunistische Störversuche

Leicht wandte sich "in aller Schärfe gegen die Pläne der Nationalsozialisten, das Parlament auszuschalten und eine Parteidiktatur zu errichten".

Allerdings sollte Leicht nur ein Dreivierteljahr später Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmen. Vermutlich musste er sich Ludwig Kaas beugen, der als Fraktionsvorsitzender die Zentrums-Fraktion auf eine Zusammenarbeit mit Hitler einschwor und zeitweise sogar an eine Koalition mit der NSDAP dachte.

Die zugespitzte Lage nach Aufhebung des Uniformverbots zeigte sich am 16. Juli auch in Forchheim. Nach einer Demonstration von Anhängern der SPD, der Gewerkschaften und der Arbeitersportvereine für die Republik und gegen die Feinde von Rechts und Links fand am Abend auf dem Paradeplatz eine öffentliche Kundgebung der NSDAP-Ortsgruppe unter Beteiligung der SA und eines Musikzuges statt.

Dabei kam es zu kommunistischen Störversuchen, die die SA mit Gewalt zu unterbinden suchte. Die Ausweitung zu einer blutigen Schlägerei verhinderte im letzten Augenblick das energische Eingreifen der Polizei.

Die Siegesgewissheit der Nationalsozialisten wurde trotz Stimmenzuwachs bei der Reichstagswahl im Juli enttäuscht. Mit 37,4 Prozent und 230 Mandaten wurden sie im Reichstag zwar stärkste Fraktion. Sie verfehlte aber auch zusammen mit der DNVP die Mehrheit für eine Regierungsbildung. Dafür aber durften sie mit Hermann Göring erstmals den Reichstagspräsidenten stellen. In Forchheim und Umland blieb die BVP mit Abstand die stärkste Kraft und verfügte über ein weitgehend stabiles Wählerreservoir, in das auch die NSDAP nicht eindringen konnte.

Wenig Eindruck auf Katholiken

Auf die Katholiken in Forchheim und der Fränkischen Schweiz machte das "positive Christentum" der Nationalsozialisten allerdings nur wenig Eindruck.
Dafür aber konnte die NSDAP die protestantischen Stimmen von der Christlich-Nationalen-Bauern- und Landvolkpartei (CNBL) abziehen und ihre Wählerschaft im Forchheimer Umland um fast das Dreifache steigern.