Andromeda liegt nackt in Ketten. Auf Pegasus eilt Perseus herbei, um die Schöne zu befreien. Venus räkelt sich auf dem Gemälde gegenüber. Über der Liebesgöttin schwebt Bacchus scheinbar in dunkler Nacht. "Den Weingott sieht man jetzt noch nicht richtig", erklärt die Restauratorin, die namentlich nicht genannt werden darf. Die Versicherung dreht sonst durch. Deshalb muss auch der Ort streng geheim bleiben.
Gemeinsam mit einer jüngeren Kollegin rückt die erfahrene Restauratorin dem "alten Schinken" aus dem Marmorsaal von Schloss Weissenstein mit Pinsel und Malkasten zu leibe. Taghell ist es in dem versteckten Atelier irgendwo in Forchheim.

Die Scheinwerfer sind auf Andromeda und Venus, Herkules und Diana gerichtet. "Das ist ein Werk von Antonio Balestra", sagt die Dame und zeigt auf das Gemälde mit der überlebensgroßen römischen Jagd-Göttin. "Die Diana ist ziemlich stark überkittet gewesen", erklärt die Expertin weiter und deutet auf die vielen weißen Stellen auf der jahrhundertealten Malschicht. "Wir haben diese flächigen Kittungen auf ihre ursprünglichen Fehlstellen reduziert." So viel Original wie möglich, so wenig Retusche wie nötig: Mit diesem Credo verpassen die beiden Restauratorinnen den Gemälden die delikate Schönheitskur.



Ein luftiger Platz im Marmorsaal

Normalerweise hängen die neun Gemälde in luftiger Höhe auf fast zehn Metern fest verschraubt im Marmorsaal von Schloss Weissenstein, erklärt die Kuratorin der Sammlung, Dorothee Feldmann. "Die Restaurierung der Gemälde wurde erst ermöglicht durch die zur Zeit stattfindende Instandsetzung des Mittelbaus von Schloss Weissenstein." Im Zuge der Arbeiten am Deckenfresko in Pommersfelden bemerkte man auch, dass die Gemälde über dem Eingang des Marmorsaals dringend gereinigt und lose Malschichten gefestigt werden müssen.

Bevor die Bilder nach Forchheim auf die Schönheitsfarm geschickt wurden, sahen die Gemälde dunkel und braun aus. Schmutz hatte sich wie Firniss über die Farben gelegt. Die Werke besaßen nur noch einen matten Abglanz ihrer ursprünglichen Strahlkraft. "Da auch die komplette Raumschale des Marmorsaals gereinigt wird, hätte das Belassen des Vorzustandes zu einem unschönen Kontrast geführt", erklärt die Kuratorin und rekapituliert damit gleichzeitig die schwere weil kostspielige Entscheidung, die Werke in die verantwortungsvollen Hände des Restauratorinnen-Teams zu geben.

Die beiden Kunstkennerinnen kletterten auf das Gerüst im Marmorsaal und holten die riesigen Gemälde behutsam von den Wänden. Untersuchungen wie beim Doktor folgten, um die Schwere des Befunds genau zu diagnostizieren. "Mit UV-Aufnahmen konnten wir feststellen, wie dick der Harzüberzug auf den Bildern ist und ob jüngere Retuschen vorhanden sind", erklärt die Restauratorin und klickt am Bildschirm auf die ultravioletten Fotos der barocken Patienten. Alles, was nicht fluoresziert, ist nicht original. Am Computer sieht man noch mehr.

Auch die Anstückungen blieben nicht lange verborgen. Denn im 19. und 20. Jahrhundert hat man einfach die wertvollen Götterdarstellungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert hergenommen und aus den rechteckigen mit der Schere schnippschnapp ovale Bilder gemacht. Drei Meter große Medaillons, neun an der Zahl, zieren seitdem die Innenwände des Marmorsaals und kündigen in luftiger Höhe von Einfluss und Macht des Schönbornschen Grafengeschlechts. Derweil steht die Expertin vor der Andromeda und rührt neue Farbe mit dem Pinsel an. "Ich retuschiere unsere Kittungen, die wir in Fehlstellen gesetzt haben", sagt sie und führt die Borsten in die kleinsten Löcher auf der Leinwand.

Die Beine des Herkules

Nebenan geht die Kollegin dem Herkules an die Wäsche. "Jetzt mal ich dem Helden wieder ein schönes Bein. Ich enthaare ihn praktisch", sagt die Restauratorin und führt den Pinsel seelenruhig über die strammen Waden des Helden. Aus der Ruhe bringt die beiden nur die Sorge um die Gemälde. "Das sind schon sehr bedeutende Gemälde, die wir hier gerade restaurieren", sind sich die beiden Fachfrauen einig. Der komplette Gemälde-Schatz von Lothar Franz von Schönborn gehört zu einer der bedeutendsten Barock-Gemäldesammlungen, die sich noch in Privatbesitz befinden. "Von allen großen Alten Meistern, die eine barocke Bildersammlung ausmachten, finden sie bei uns Gemälde bester Qualität. Namen wie Rubens, van Dyck, Tizian oder Veronese sind selbstverständlich vertreten", sagt die Kuratorin stolz.

Selber würden sich die Restauratorinnen keinen Herkules ins Wohnzimmer hängen. "Diese mythologischen Themen waren damals einfach in", sagen sie und pinseln und pinseln, bis die Farben wie ein Regenbogen am Himmel leuchten. Die Götter werden es ihnen danken.