Wenn aus Liebe Besessenheit wird: Es ist kein Einzelfall, der am Dienstag vor dem Forchheimer Amtsgericht verhandelt wurde. Ein 44-jähriger Mann war angeklagt, weil er seiner ehemaligen Lebensgefährtin nachgestellt, sie beleidigt und bedroht haben soll. Wie schnell die Situation eskalieren kann, zeigt diese schockierende Zahl: Häufiger als jeden dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Partnerin.

"Die Nachsteller behaupten immer, dass das aus Liebe passiert. Aber das kann nicht sein", sagt Richterin Silke Schneider in ihrer Urteilsbegründung. Der Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten ohne Bewährung verurteilt.

Stalking-Opfer: "Ich bin kaputt"

Leicht ist es der Geschädigten, einer 40-jährigen Frau aus dem südlichen Landkreis Forchheim, nicht gefallen, vor Gericht auszusagen. Erst nach Zureden durch Richterin Schneider erscheint die Frau im Gerichtssaal. Ruhig und zaghaft antwortet sie auf deren Fragen. Wie es ihr gehe, will Richterin Schneider wissen. "Nicht toll. Ich kann nicht schlafen, bin psychisch angeschlagen. Ich bin kaputt", sagt die 40-Jährige. Während ihrer Aussage starrt der Angeklagte die Frau immer wieder an, mustert sie eindringlich.

Im November 2017 habe die Beziehung angefangen, im Februar 2018 wollte sie erstmals die Trennung, sagt die 40-Jährige vor Gericht. Was danach kam, war ein zermürbendes Hin-und-Her. "Ich habe ihm immer wieder eine Chance gegeben", sagt sie. Im April 2018 schrieb der Angeklagte eine E-Mail an die Geschäftsführung der Firma, bei der die Frau arbeitet, in der er unwahre Gerüchte behauptet.

Beim Arbeitgeber angeschwärzt

Im Mai folgt eine weitere E-Mail an die Firma, in der er behauptete, dass seine ehemalige Lebensgefährtin ihm einen Betrag von 1000 Euro schulde. Außerdem versuchte er die 40-Jährige zu nötigen, er behauptet, ihren Sohn wegen eines Betäubungsmitteldeliktes beim Landratsamt Forchheim zu melden und beleidigte sie.

Als der Angeklagte der Mutter der Frau ein Video schickt, in dem sie sexuelle Handlungen an sich vollzieht, stellte die Frau am 30. Mai Strafanzeige. Im Juli 2018 wurde auf richterlichen Erlass das Haus des 44-Jährigen durchsucht. "Die Durchsuchung scheint Sie nicht beeindruckt zu haben", meint Richterin Schneider.

Durchsuchung fruchtet nicht - Mann droht Kind zu töten

Doch auch danach hören die Attacken auf die Frau nicht auf - im Gegenteil. Der Angeklagte droht der Frau: Wenn sie nicht zu ihm zurückkommt, könne sie ihr Kind von der Straße kratzen. Er bombardiert Freunde und flüchtige Bekannte der Frau mit Facebook-Nachrichten. Von einer Freundin der Angeklagte erbittet er sich Tipps, wie er die Geschädigte zurück erobern könne, versendet den Durchsuchungsbeschluss und ein Sexvideo der Geschädigten an sie. "Der Typ ist ja versessen auf dich, um nicht zu sagen ein bisschen Psycho", schreibt eine Facebook-Nutzerin der Geschädigten.

Die Freundin und die Mutter der Geschädigten treten in der Verhandlung als Zeugen auf. Sie bestätigen, wie sehr die 40-Jährige unter den Nachstellungen des Angeklagten leidet. "Er hat sie einfach nicht in Ruhe gelassen", sagt die Mutter.

Im August 2018 kommt der Angeklagte mit einer anderen Frau zusammen, tischt ihr Lügen über seine Vergangenheit auf. "Er will, dass sie die Wahrheit sagt, sonst wird er ihr die Knarre an den Kopf halten", soll der Angeklagte über die Geschädigte gesagt haben.

In ihrem Plädoyer betont Staatsanwältin Katja Grießl, dass sich die Anklage "vollumfänglich bestätigt" habe. Die Aussagen des Opfers und der Zeugen seien alle glaubhaft gewesen. Zugunsten des Angeklagten spreche, dass er die Vorwürfe gegen ihn teilweise eingeräumt hat. Weil der Angeklagte bereits fünf Einträge im Bundeszentralregister hat und die letzte Tat unter laufender Bewährung begangen hat, fordert sie eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. "Eine wirkliche Einsicht, Reue oder Reflexion, das kann ich nicht erkennen", so Grießl.

Eine Freiheitsstrafe auf Bewährung fordert dagegen Andreas Dräger, der Verteidiger des Angeklagten. Sein Mandant sehe ein, dass er falsch gehandelt hat. "Er kann sich nicht so eloquent ausdrücken, wie das andere machen", betont der Anwalt. Der Angeklagte sehe "zwar kräftig und bedrohlich aus", eine Freiheitsstrafe sei aber nicht angemessen.

Interview: "Als Opfer von Stalking betroffen sind überwiegend Frauen"

Die Gleichstellungsbeauftragte Christine Galster erklärt im Interview, was Stalking bedeutet und welche Anlaufstellen es für Betroffene gibt. Wie oft begleiten Sie selbst solche Fälle? Christine Galster: Der geschilderte Fall ist typisch: Als Opfer von Stalking betroffen sind überwiegend Frauen (über 80 Prozent), Täter sind oftmals der Ex-Mann, der Ex-Partner oder der zurückgewiesene Bekannte. Auch die Belästigung über Kommunikationsmittel oder das Auflauern vor dem Haus oder der Arbeitsstelle ist häufig. Frauen, die das Gefühl haben, verfolgt, zu werden oder die körperliche oder psychische Gewalt erleiden, können sich auch an mich wenden; es gibt jedoch in diesen Fällen weitaus konkretere Anlaufstellen.

An wen können sich Frauen noch wenden? An alle Polizeiinspektionen, um Anzeige zu erstatten. Hilfe für Opfer bietet außerdem der Weiße Ring an. Das Opfer-Telefon ist bundesweit und kostenfrei täglich von 7 bis 22 Uhr unter der Nummer 116 006 zu erreichen.Der Flyer des Weißen Rings zum Thema "Stalking" enthält die wichtigsten Informationen (www.weisser-ring.de). Wie sollten sich Frauen verhalten, die sich bedroht fühlen?

In Fällen von Stalking, psychischer Gewalt oder anderweitigen Bedrohungen sollten die betroffenen Frauen persönlich oder schriftlich (E-Mail, Brief) eine entsprechende Anzeige bei der Polizei machen. Die Polizeiinspektionen in Forchheim und Ebermannstadt, bei denen es im Übrigen auch eine spezielle Frauenbeauftragte gibt, nehmen die Anzeige auf und fertigen ein Protokoll.

Wie ist der Ablauf, wenn eine Frau zu Ihnen kommt?

Im Prinzip ist es so, dass ich als Gleichstellungsbeauftragte den betroffenen Frauen die entsprechenden Informationen gebe. So weise ich sie auf die zuständigen Stellen (Polizei, Amtsgericht) hin, und erläutere ihnen die rechtlichen Möglichkeiten nach dem Gewaltschutzgesetz. Nur die Frau selbst entscheidet, ob sie die Tat bei der Polizei anzeigen oder einen Antrag bei Gericht stellen möchte, oder nicht. Wie geht es dann weiter? Nach dem Gewaltschutzgesetz (GewSchG) können die Opfer von Gewalt und Nachstellungen bei den Rechtsantragsstellen der zuständigen Amtsgerichte, also beim Amtsgericht in Forchheim, einen entsprechenden Antrag nach diesem Gesetz stellen. Das Gericht kann dann zum Beispiel ein Kontaktverbot oder ein Aufenthaltsverbot in einem bestimmten Umkreis der Person verhängen. Die Anordnungen werden meist zunächst befristet Das Gespräch führte Franziska Rieger