Schoko-Riegel, Nuss-Nougat-Creme, Kekse, Chips, Salami-Snack oder Bratwurst: Deutsche Top-Sportler, allen voran die Fußballer, bewerben neben Autos und alkoholfreiem Bier nur allzu gerne Dinge, die zum Lebensstil vieler ihrer Fans, aber so gar nicht zu ihrem eigenen passen wollen. Der Basti, der Thomas und der Poldi - um nur ein paar zu nennen - suggerieren gekonnt, dass ihnen Frittiertes, Deftiges und Naschkram nichts anhaben kann. Würstel-König Uli Hoeneß wird's freuen. Dabei haben solche Leckereien kaum Platz im Spitzensport. Immer mehr Athleten üben sich in Verzicht, outen sich als (überwiegend) vegan. Sie sind überzeugt, dadurch leistungsfähiger zu werden, das Verletzungsrisiko zu mindern und noch mehr aus sich herausholen zu können.
Die Beweggründe sind andere als bei Veganern ohne sportlichen Hintergrund, die ihre geänderten Gewohnheiten mit Tierethik, Gesundheit, Klima- und Umweltschutz, der Welternährungsproblematik oder Religion erklären.
Sportler ab einem gewissen Niveau beschäftigen sich intensiv mit Ernährung - auch in der Region. Ob Veganismus der richtige Weg zu Erfolg und mehr Leistungsfähigkeit ist, hat aber wohl viel mit dem individuellen Organismus eines Athleten und dessen allgemeiner Einstellung zu tun. Letzten Endes ist es wohl so, dass ein Kreisklassen-Fußballer - anders als ein Spitzensportler, bei dem jedes µ zählt - ohne Probleme einen Sonntagsbraten verträgt und zwei Stunden später auf dem Platz stehen kann.


Konstantin Wedel (22), LAC Quelle Fürth, wurde 2016 deutscher Mannschaftsmeister im Langstrecken-Crosslauf, lebt überwiegend vegan

Als ich nach Fürth wechselte, bin ich auf eine komplett vegane Ernährung umgestiegen. Ich persönlich habe festgestellt, dass mich das leistungsfähiger macht und ich weniger anfällig für Verletzungen bin. Ich achte darauf, nur pflanzliche Eiweiße zu mir zu nehmen, die kann der Körper leichter aufspalten. Viele kennen das: Nach einem mächtigen Mittagessen ist der Körper mit Verdauen beschäftigt, man wird müde oder kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Im Sport bedeutet das, dass der Körper länger braucht, um in die so wichtige Regenerationsphase zu kommen.
Inzwischen habe ich meine Regeln etwas gelockert. Wenn man sich vegan ernährt, muss man es vollwertig tun. Wenn man beim Fast-Food-Laden nur noch Pommes statt Burger isst, oder das Steak durch ein Stück Weißbrot mit Nutella ersetzt, hat man nichts gewonnen, nimmt sogar noch weniger Nährstoffe auf. Und bevor ich etwaige Mangelerscheinungen mit Medikamenten ausgleichen muss, esse ich lieber ein gutes Stück Bio-Fleisch oder Käse, von dem ich weiß, wo es herkommt. Den Ansatz, Fleisch oder Salami durch ein veganes Pendant zu ersetzen, um eine Illusion aufrecht zu erhalten, finde ich falsch. Zumal das Soja, das oft die Grundlage für diese Produkte ist, auch industriell verarbeitet wird.
Die Entscheidung, vegan zu leben, sollte von innen heraus reifen. Bei mir hat es eine ethische Komponente, denn ich bin gegen Massentierhaltung, Gen-Manipulation und dergleichen. Wenn ich mir die eingeschweißten Steaks vom Supermarkt hole, darf ich mich hinterher nicht beschweren, dass Antibiotika bei mir nicht mehr wirken, weil mein Immunsystem Antikörper gegen die Medikamenten-Rückstande aufgebaut hat, die ich mit dem Fleisch aufgenommen habe. Es gibt genug Alternativen, die vollwertig und dazu noch lecker sind.


Martin Grau (24), LSC Höchstadt, wurde 2015 deutscher Meister im 3000-Meter-Hindernislauf, isst was ihm schmeckt

Bei Ernährungsfragen lasse ich mir nicht reinreden. Essen muss Spaß machen, und den hätte ich nicht, wenn mein Trainer oder ich selbst mir den Zwang auferlegen würden, auf etwas zu verzichten. Ich bin offen für alles, auch für Einflüsse aus der vegetarischen oder veganen Küche. Wenn ich etwas ausprobiere und es schmeckt mir, dann werde ich es auch wieder essen. Aber ich bin nicht der Überzeugung, dass eine rein vegane Ernährung mir weiterhelfen würde. Und mit Medikamenten nachzuhelfen, wie es einige vegane Sportler tun müssen, um ihren Körper ausreichend zu versorgen, wäre nicht meine Welt.
Im Spitzensport ist eine gute Ernährung und eine gesunde Lebensweise sowieso unumgänglich. Wenn ich merke, dieses oder jenes Lebensmittel hat mir nicht gut getan, dann lasse ich es weg. Das mache ich intuitiv. Hätte ich zum Beispiel eine Laktose-Intoleranz, die sich negativ auf mein Leistungs-Niveau auswirkt, würde ich natürlich auf Milch und Milchprodukte verzichten. Ernährung ist im Leistungssport ein wichtiger Baustein, aber nichts, um das ich zu viel Aufhebens mache.
Als ich im Frühjahr versucht habe, die Qualifikation für die olympischen Spiele in Rio zu schaffen, der nicht utopischen Norm über 3000 Meter Hindernis aber weit hinterher gelaufen bin, sind mein Trainer und ich auf Ursachenforschung gegangen. Die Ernährung hat dabei aber keine Rolle gespielt. Es waren andere Baustellen, die ich angehen musste, vor allem bei der Strukturierung des Trainings hatten wir Fehler gemacht. Da hätte mir auch eine vegane Ernährung nicht weitergeholfen. Ich kenne aber genug Kollegen, die darauf schwören. Jeder Sportler muss da seinen eigenen Weg finden. Aber ich denke, dass der feste, unerschütterliche Glaube an eine Sache für sich allein genommen einen positiven Effekt haben kann.


Natürliches Doping auf dem Teller

Seit Marco Sailer, Fußball-Profi in Darmstadt, vor gut einem Jahr verkündete, auf Fleisch zu verzichten, rückte die Ernährung der Bundesliga-Kicker in den Fokus der Öffentlichkeit. Zumal bekannt wurde, dass die Darmstädter Fußballer in der Hinrunde der Saison 2015/2016 im Schnitt nur rund sieben Fehltage hatten. Halb so viele wie die in dieser Tabelle auf Rang 2 rangierende TSG Hoffenheim und nur ein Fünftel dessen, was Schalke 04 im gleichen Zeitraum zu beklagen hatte, wie eine Infografik der Tageszeitung "Die Welt" verdeutlichte.
Wasser auf die Mühlen derer, die tierische Produkte, im Speziellen Fleisch, in Zusammenhang mit allerlei Krankheiten stellen und für eine vegane Ernährung werben. Eine andere Erklärung hätte auch sein können, dass die Belastung der Fußballer bei anderen Vereinen durch internationale Wettbewerbe oder Länderspiele einfach höher war als bei den "Lilien" und damit eben auch die Anfälligkeit für Verletzungen.
Die positiven Effekte einer gesunden Ernährung sind unbestritten, doch gesund ist nicht gleichzusetzen mit vegan. Dazu ist die Fußball-Bundesliga ein Milliardengeschäft. Der Sport wird immer schneller, immer athletischer. Wer im internationalen Wettbewerb mithalten will, braucht Spieler, die topfit sind und alle paar Tage an ihre Leistungsgrenze gehen können. Dafür braucht es das richtige Training, Physiotherapie und eine optimale Regeneration, zu der eben auch gehört, dass Muskeln, Knochen und Sehnen bestmöglich mit Nährstoffen versorgt werden.
Die Klubs wollen jeden legalen Hebel umlegen, um ihre Athleten zu Spitzenleistungen anzutreiben. Mats Hummels, Robert Lewandowski oder Ex-Nationaltorhüter Timo Hildebrand sind nur einige der Fußballer, die sich zu einer alternativen Lebensweise bekennen. Von Basketballer Dirk Nowitzki ist bekannt, dass er seit einigen Jahren auf Kuhmilch und deren Nebenprodukte verzichtet, der Vegetarierbund Deutschland (vebu) listet auf seiner Homepage einige Sportler auf, die dem Fleischkonsum abgeschworen haben. Der Wrestler Killer Kowalski (1926 -2008) gilt ebenso als Vegetarier wie der frühere Basketball-Bad-Boy Dennis Rodman und Ex-Tennis-Champion Boris Becker. Dessen Schützling, Novak Djokovic, ernährt sich überwiegend vegan. Komplett auf tierische Produkte verzichten - wie Marco Sailer - der Duisburger Wasserballer Moritz Schenkel, DEL-Eishockeyspieler Christopher Fischer (Iserlohn Roosters) oder die Radsportler Ben Urbanke und Katharina Wirnitzer, die Veganismus als eine ethische, soziale, gesellschaftliche und globale Entscheidung bezeichnet.
Vegan zu leben ist aber auch eine Mode, ein Lifestyle, der sich im Spitzensport ebenso spiegelt wie in anderen Bereichen der Gesellschaft. Mit bekannten Gesichtern wird um neue Anhänger und für entsprechende Produkte geworben. Verschiedene Studien bieten Platz für Interpretationen: Vorteile veganer Ernährung können aus ihnen ebenso abgeleitet werden wie Nachteile.


Das sagen die Gelehrten

Ernährungsexperten und - wissenschaftler streiten über die Auswirkungen von veganer Ernährung. Die einen sagen, dass nichts dagegen spreche, so lange die Eiweißzufuhr gedeckt ist. Andere erklären, dass es bei veganer Ernährung an Vitamin B12 mangele, das für den Energiestoffwechsel nötig ist. Genauso verhalte es sich mit dem Spurenelement Eisen, das für den Sauerstofftransport und die Energieerzeugung wichtig ist und vor allem über tierische Nahrungsmittel aufgenommen wird.
Dem halten die Befürworter entgegen, dass auch Getreide, Hirse oder Quinoa viel Eisen enthalten, das in Verbindung mit Vitamin-C-reichen Lebensmitteln gut aufgenommen werden kann. Für Nachwuchs-Sportler, die sich im Wachstum befinden, sei eine vegane Ernährung nicht zu empfehlen. Ein Athlet, der sich dafür entscheidet, sollte regelmäßig seine Blutwerte und den Immunstatus checken lassen.


Kein Platz für Extremisten: Ein Kommentar von Johannes Höllein

Essen und Trinken gehört zum Leben wie Atmen. Der Körper muss mit Nährstoffen, Spurenelementen, Kohlenhydraten, Eiweißen, Ballaststoffen und Vitaminen versorgt werden - im Besonderen bei Leistungssportlern.
Dabei gilt schon lange nicht mehr das Motto: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Der Waren-Überfluss bietet uns Nahrungsmittel aus aller Welt. Wir können essen, ständig und überall. Doch im Alltag geht der Genuss oft flöten - schnell und billig muss es sein. Wir haben uns damit arrangiert. Werbung, Lobbyarbeit und nicht zuletzt der unschlagbare Preis zerstreuen unsere Zweifel daran, dass all der Zucker, Chemie, Fett und Medikamenten-Rückstände in unserer Nahrung so harmlos sind wie wir annehmen. Das Angebot bestimmt die Nachfrage, die Industrie will Geld verdienen. Und letzten Endes ist es das Konsumverhalten der Verbraucher, das es ihr ermöglicht.
Wer all das nicht will, braucht vielleicht einen klaren Schnitt, muss seine Ernährungsgewohnheiten auf den Kopf stellen, womöglich vegan leben. Aber geht es dann noch ums Essen oder schon um eine Lebenseinstellung oder gar um Politik?
Angesichts von Bewegungsarmut, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauferkrankungen, die unsere Lebensweise mit sich bringt, ist es wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen für gute, gesunde Ernährung, in der Fleisch nicht die größte Rolle spielt, sondern wieder zu etwas Besonderem wird, und das Tier als Lebensmittel-Lieferant mehr Wertschätzung erfährt. Vegane Extremisten, die konventionelle Ernährung verteufeln und in sozialen Netzwerken die Darmspülung als Errungenschaft preisen, sind der Sache aber nicht dienlich.