Bei Lennox ist alles in Ordnung. Der Vierjährige sitzt an einem Tisch im Gesundheitsamt in Höchstadt. Einen großen Kopfhörer auf dem blonden Schopf. Immer wenn er ein Signal hört, steckt er einen der bunten Stäbe in das bunte Steckspiel vor ihm. Er meistert die Aufgabe ohne Probleme. Ein Zeichen, dass seine Ohren fit sind.
"Vom Gehör her hatten wir keine Bedenken", sagt Annette Hoffmann, Lennox' Mutter. Ihr sei es vor allem um die Aussprache gegangen. Darum, ob Lennox die Worte altersgemäß ausspricht. Deshalb ist sie zum pädagogisch-audiologischen Beratungstag gekommen.

"Jedes Kind entwickelt sich individuell. Nicht jedes Kind ist gleich ein Fall für den Logopäden", sagt Karin Hempe. Sie ist vom Förderzentrum Hören des Bezirks Mittelfranken und führt den Hör- und Sprachtest für Kinder im Alter ab drei Jahren durch.

Um herauszufinden, ob ein Kind richtig hört, könne man zunächst einen Flüstertest durchführen, sagt Hempe. Vor ihr auf dem Tisch stehen Spielzeugtiere.

"Wo ist das Schwein?", fragt sie dann zum Beispiel im Flüsterton. Wenn das Kind dann auf das Tier zeigt, weiß man, es hat verstanden. Natürlich müsse man vorher testen, ob das Kind das jeweilige Tier schon kennt. "Auch ein verdecktes Mundbild ist wichtig", sagt Hempe. Damit die Kinder nicht an den Lippen lesen können, hält sie sich also beim Flüstern die Hand vor den Mund.

Falsche Aussprache sei etwas, das den Eltern oder im Kindergarten sofort auffalle. Hörprobleme bis hin zur Schwerhörigkeit würden oft nicht gleich erkannt.

Dabei sei es für die Entwicklung des Kindes enorm wichtig, gut zu hören. "Auch leichte Hörprobleme können später in der Schule Probleme machen", sagt Hempe. So könne das Konzentrationsvermögen eingeschränkt sein, wenn ein Kind sich zu sehr auf das Verstehen der Worte konzentrieren muss.

Auslöser einer Schwerhörigkeit können zum Beispiel eine lang anhaltende Mittelohrentzündung oder große Polypen sein, erklärt Angelika Seynstahl, Leiterin der Pädagogisch-audiologischen Beratungsstelle am Zentrum für Hörgeschädigte mit Sitz in Nürnberg.


"Lolle lückwärts"

Sie kennt auch die Entwicklungsstufen bei der Aussprache. "Mit drei Jahren sollten auch Fremde das Kind verstehen", sagt Seynstahl. Typisch für Kindersprache sei, wenn ein K durch ein D ersetzt wird. Also "Duh" statt "Kuh". Auch das G wird falsch ausgesprochen. So wird aus der "Giraffe" eine "Diraffe". Schwierigkeiten mache auch das Sch. Kinder sagen dann zum Beispiel: "die Flaffe Wasser". Das S werde oft noch mehr oder minder stark gelispelt. Das R wird (wie bei Parodien von Chinesen) zum L: "Schlank" statt "Schrank", "Lolle lückwärts" statt "Rolle rückwärts". Diese Eigenheiten habe jedes Kind mehr oder weniger stark, sagt Seynstahl.

"Man sagt aber, dass etwa im Alter von vier Jahren die Sprachentwicklung abgeschlossen ist." Dann sollten die gröbsten Sprachmarotten weg sein. Ansonsten rät Seynstahl zu einer Beratung. "Zu lange sollte man nicht warten, da mit zunehmendem Alter eine mögliche logopädische Behandlung immer schwieriger wird."


Viel Vorlesen, wenig Fernsehen

Ihre Kollegin Hempe rät dazu, das Kind nicht zu viel vor den Fernseher zu setzen, nicht zu viel an Handy oder Tablet spielen zu lassen. Sie plädiert an die Eltern, sich Zeit zu nehmen. "Viel Vorlesen. Eine CD kann das Geschichtenerzählen nicht ersetzen", sagt sie. Es sei auch ein häufiger Irrtum von Eltern, dass ständig neue Bücher vorgelesen werden müssten. Zwar bringe das Abwechslung. Aber gerade immer wieder die gleiche Geschichte stärke Sprachverständnis und -bildung viel mehr, sagt Hempe.


Nicht jeder muss zum Logopäden

Sie warnt auch davor, vom Kind zu viel zu erwarten. Klar sei eine logopädische Behandlung in manchen Fällen sinnvoll. Manchmal sollten Eltern aber noch ein bisschen Geduld haben. "Ich kenne Fünfjährige, die versteht man kaum. Da müsste man unbedingt etwas unternehmen. Dafür bringen andere schon ihr zweijähriges Kind zum Logopäden", sagt Hempe.

Lennox' Mutter wollte das Beratungsangebot nutzen, um einzuschätzen, wie weit er ist. Ein rollendes "R" spreche ihr Sohn noch nicht aus. "Aber er darf ruhig ein Franke werden", sagt Annette Hoffmann lachend. Denn manchmal ist es ja auch kein Fall für den Logopäden, sondern einfach bloß Dialekt.