Was versteht man unter einem Lern- und Entwicklungsgespräch (LEG)?
Gabriele Mönius: Das dokumentierte LEG ist eine Alternative zum Zwischenzeugnis. Es ist ähnlich wie eine Sprechstunde, in der alle am Gespräch Beteiligten zu Wort kommen. Aber hauptsächlich wird das Gespräch mit dem Kind geführt. Der Lehrer fungiert als Gesprächsmoderator. Die Eltern halten sich, wie vorher vereinbart, im Hintergrund.
Die Kriterien decken sich mit denen des Zwischenzeugnisses. Eine Besonderheit ist jedoch, dass in dieser Art von Leistungsbeurteilung das Kind mit seinen individuellen Stärken und Schwächen im Mittelpunkt steht und dass am Ende Zielvereinbarungen getroffen werden.


Wie läuft so ein Gespräch ab - wie lange dauert es?
Im Vorfeld machen sich die Kinder über ihre individuellen Stärken Gedanken und malen oder schreiben diese auf den sogenannten Stärkenteppich. Ebenso verfahren auch die Eltern und die Lehrer. Diese Stärkenteppiche dienen als Gesprächseinstieg, was sich als sehr fruchtbar und spannend bewährt hat. Dies schafft eine lockere Atmosphäre und nimmt die Anspannung. Dabei ergaben sich oft ganz bewegende Momente zwischen Eltern, Kindern und Lehrer.
Der Lehrer füllt pro Kind einen Einschätzungsbogen zu den sozialen und schulischen Fähigkeiten aus und bereitet den Stärkenteppich vor. Die Schüler trainieren im Vorfeld das Sprechen über Lernen/Lernverhalten und müssen sich mithilfe des Selbsteinschätzungsbogens, der kindgerecht und verständlich formuliert ist, einschätzen. Ein Gespräch dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Die Kinder gehen nach dem Einstieg mit der Lehrkraft von Tisch zu Tisch (je Fachbereiche gibt es einen Tisch), auf denen die Einschätzungen der Kinder und des Lehrers mit farbigen "Muggel-steinen" aufgelegt sind.
Die Punkte, bei denen eine große Diskrepanz zwischen Lehrer- und Schülermeinung herrscht, müssen vorrangig besprochen werden. Die Eltern dürfen punktuell auch zu Wort kommen.
Am Ende formuliert das Kind ein bis zwei Zielvereinbarungen, und es werden Möglichkeiten zum Erreichen dieser Ziele besprochen. Dies wird schriftlich festgehalten und dieser "Vertrag" von allen Anwesenden unterzeichnet.

Wie war das Vorgehen an der Grundschule Adelsdorf?
Anstelle des Zwischenzeugnisses führten wir das LEG heuer zum ersten Mal in der ersten und zweiten Klasse durch. Unsere Lehrkräfte wurden von unserer neuen Kollegin Marina Gröger, die bereits an zwei Schulen die LEGs kennengelernt hat, in das Thema eingeführt. Überzeugt davon stellten wir unserem Elternbeirat diese Art der Leistungsbewertung vor, dieser stimmte zu. Am Buß- und Bettag gingen wir dann an die Arbeit und erstellten unser eigenes Konzept. In einem Informationsabend und durch einen Informationsbrief wurden unsere Eltern eingehend informiert.

Wie wurde das LEG von Eltern und Kindern aufgenommen?
Alle Eltern der ersten und zweiten Klassen beteiligten sich daran. Wir bekamen durchwegs positive Rückmeldungen. Die Kinder selbst haben nach den Gesprächen signalisiert, dass es nicht schlimm war. Viele kamen strahlend heraus, und auch wenn ich auf die Defizite eingehen musste, konnte ich den Kindern im Gespräch vermitteln, dass wir zusammen daran arbeiten können.
Manche Kinder waren sehr aktiv dabei, andere verhielten sich noch schüchtern. Alle aber konnten sich sinnvolle Ziele setzen und diese in ihrer kindlichen Sprache formulieren.

Bedeutet es Mehrarbeit für den Lehrer - ist Zeugnisschreiben nicht einfacher?
Ich habe im Moment 25 Schüler. Das bedeutet 25 Stunden reine Gesprächszeit mit Vor- und Nachbereitung am Gesprächstag selbst, der zum Teil auch am Wochenende stattfand. Man bekommt jedoch so viel zurück und es ist äußerst gewinnbringend. Zeugnisschreiben ist irgendwie stupide und der zeitliche Aufwand noch größer. So haben es auch die Kollegen empfunden.


Fragen an die Eltern

Wie finden Sie diese neue Art der Beurteilung?
Sabine und Werner Dresel: Das Gespräch ist ein Perspektivenwechsel. Der Schüler steht im Mittelpunkt und erhält direkt das Feedback der Lehrerin. Im LEG bekommt er direkt die Einschätzung der Lehrkraft zu hören und kann mit ihr selbst überlegen, wie er sich verbessern kann. Wichtig ist, dass wir uns als Eltern zurücknehmen. Möchten wir selbst noch etwas klären, haben wir die Möglichkeit, uns mit einem Wunschstein ins Gespräch einzuklinken oder einen separaten Gesprächstermin auszumachen. Diese Art der Beurteilung finden wir gut, weil sie unmittelbarer das Kind anspricht.

Ist so ein Dreiergespräch besser als ein Zeugnis?
Es ist verständlicher, weil die Kinder sich selbst einschätzen müssen. Sie wissen also, um welche Kriterien es geht. Somit verstehen sie auch besser, was die Lehrerin über sie aussagt, und besonders da, wo die Einschätzungen Lehrer - Schüler auseinandergehen, muss geredet werden und kann nachgefragt werden. Im Zeugnis habe ich nur die Lehreraussage und kann nicht sofort nach dem Warum fragen. Hier ist an der unterschiedlichen Einschätzung gleich zu sehen, wo es Gesprächsbedarf gibt, und die Problempunkte können direkt besprochen werden.

Waren Sie aufgeregt vor dem Gespräch?
Das waren wir nicht, denn im Grunde wussten wir genau, was die Problempunkte unseres Kindes sind. Hilfreich war es, zusammen mit unserem Sohn zu überlegen, wo er sich verbessern will und wie Eltern und Lehrer ihm dabei helfen können.

Hat Ihr Sohn gleich mitgemacht oder war er aufgeregt?
Matthias war schon etwas aufgeregt. Die Kinder, die vorher dran waren, hatten davon erzählt und er wollte endlich auch hören, was die Lehrerin über ihn sagt. Er war also positiv aufgeregt und hat von Anfang an gut mitgemacht. Der Stärkenteppich zu Beginn bestärkt auch in jederlei Hinsicht, sodass die Problempunkte dann gut zu verkraften sind. Es kommt aber sehr auf das Gespür der Lehrkraft und auf die Art ihrer Gesprächsführung an. Bei uns verlief alles super.

Im LEG geht es hauptsächlich um das Kind - es wird angesprochen. Ist man da nervös?
Unser Matthias ist keiner, der im Mittelpunkt stehen will. Von daher war er während des Gesprächs ruhig und hat sich vieles angehört, was die Lehrerin so gesagt hat. Aber auf konkrete Fragen hatte er auch Antworten, und die Stärkenteppiche haben ihn auf jeden Fall strahlen lassen.
Wir als Eltern fanden es interessant, das Ganze zu beobachten, und waren ganz entspannt.

Die Gespräche führte Johanna Blum.