D ie Person, der ich zuletzt die Hand geschüttelt habe, war der Landrat. Ich weiß es noch so genau, weil ich mir gleich danach dachte: Ach, soll man ja nicht mehr, Hände schütteln.

Es war der 28. Februar und damit die Zeit, als man sich den Handschlag gerade abgewöhnte. Manchmal denke ich, man müsste üben, damit man es nicht verlernt. Aber meine Frau zu Hause mit  einem Händedruck begrüßen? Wenn sie von nebenan aus dem Heimbüro kommt? Ein gewisser Formalismus schadet nicht. Loriot hätte seinen Spaß gehabt. Da bin ich sicher.

Seit 27 Jahren trage ich eine Brille. Sie hat mich nie gestört. Bis zu diesem Jahr, dem Jahr 2020. Was habe ich geflucht. Anfangs versuchte ich, meine Maske so zu richten, dass die Gläser nicht vom Atem anlaufen. Ich habe es dann aufgegeben und fortan durch Dunst geblickt, wie in einen Nebel, der manches, was weiter weg ist, nur erahnen lässt. Es war ein beschlagenes Jahr.

Das Webasto von ERH

N eben dem Landrat stand damals, es war ein Freitagabend, der OB von Erlangen. Masken gab es zu dieser Zeit noch nicht. Meine Brille: glasklar. Wir standen im Foyer des Landratsamts, kurz vor der "PK Hautarzt", wie es in meinem Terminkalender stand - Pressekonferenz zum Hautarzt, dem ersten bekannten Corona-Fall im Landkreis. Das Webasto von ERH sozusagen. Bei der bayerischen Firma waren am 27. Januar die ersten Coronafälle Deutschlands nachgewiesen worden.

Der Dermatologe der Uniklinik hatte sich eine Woche zuvor auf einer Tagung in München mit dem Virus angesteckt. Aus heutiger Sicht verrückt. Damals wurde für einen Fall noch eine Pressekonferenz angesetzt. Eiligst, wie man in solchen Fällen sagt. Es folgten einige PK. Aber es ebbte ab. Die Pandemie wurde Alltag. Für den Landrat. Für die Bürger. Für mich als Reporter.

Ich weiß noch, wann ich ahnte, dass was kommt. Panik war es nicht, Gelassenheit aber auch nicht. Es war Ende Februar, als ich mich näher mit den Zuständen in Norditalien beschäftigte. Anlass: Der Schüleraustausch des Höchstadter Gymnasiums mit der Partnerschule bei Venedig wurde abgesagt. Die großen Arbeitgeber in ERH ließen bereits seit Ende Januar Geschäftsreisen nur begrenzt zu. Ja, in China, das hatte man verfolgt. Jetzt aber war es näher gekommen, das "neuartige" Coronavirus, wie man noch sagte. Als ich von Bergamo las, schwante mir: Das kommt rüber, über die Alpen, zu uns.

Ich sah Videos mit Straßensperren der Polizei. Da ich in der Verwandtschaft Italiener habe, weiß ich: Ausgangssperre in Italien? Okay. Aber dass die Italiener sich wirklich daran halten? Der Ernst der Lage wurde mir klar.

A ber wie schlimm ist dieses Virus? Ich war mir damals nicht sicher. Manche meiner erfahrenen Kollegen winkten zunächst ab. Gute Journalisten sind skeptische Leute. Es habe schon so viel gegeben. BSE, Vogel-, Schweinegrippe, EHEC. Nie war wirklich was. Jetzt eben Corona. Wir haben es uns in der Redaktion nicht leicht gemacht, aber unsere Podiumsdiskussion mit den Bürgermeisterkandidaten dann abgesagt. Ein paar Tage später waren alle Veranstaltungen verboten.

Ja, heuer war tatsächlich Kommunalwahl. Für einen Lokalreporter eigentlich eine heiße Zeit. Nervöse Kandidaten, Streit, Versprechungen. Da gibt's viel zu tun. Heuer lag alles wie unter Watte, wurde überschattet. Am 15. März machten die Wähler ihre Kreuzchen, tags drauf kam der "Lockdown". Erst sagte man noch Ausgangssperre. Bis man zu differenzieren wusste, was triftig ist - und was nicht.

Als triftiger Grund, das Haus zu verlassen, gilt der Weg zur Arbeit. Als Reporter manchmal schwer zu sagen, wo das ist. Da ist man oft eher der Wandervogel. Heute Kläranlage, morgen Brahms-Konzert. Der Fränkische Tag als Arbeitgeber stellte mir und meinen Kollegen eine Art Passierschein aus. Als Pressevertreter galt man plötzlich als "systemrelevant". Ein schreckliches Wort, weil es viele andere herabsetzt, die nicht darunter eingeordnet werden.

Das Nichts dokumentieren

W as berichtet man, wenn das System plötzlich weitestgehend stillsteht, schockgefrostet ist? Am ersten Wochenende der Kontaktbeschränkungen fuhr ich den Landkreis ab, um Fotos zu machen. Asphaltwüsten prägten das Bild. Leere Straßen, entvölkerte Plätze, freie Parkplatzflächen. Ein paar verhuschte Gestalten. Ach, noch ein Systemrelevanter, dachte ich. Dann machte ich Fotos vom Nichts. Denn das Nichts war die Neuigkeit. Ich fragte mich, wie das eigentlich weiter gehen soll. Brahms-Konzert, das war klar, würde es so schnell keines mehr geben. Und der nächste Planungsausschuss? Alle Pläne: vorerst ausgeschlossen.

Aber es zeigte sich: Da war nicht nichts. Es ging schnell, und die Aktivität der Menschen kam zaghaft zurück. Bunte Stoffe ratterten durch Nähmaschinen, Wohnzimmer wurden Maskenmanufakturen, Einkaufshilfen wurden angeboten, Schnapsbrenner schulten auf Desinfektionsmittel um, Wirte erfanden das "Schäuferla to go".

Am 30. März öffnete das "Drive-in"- Testzentrum auf dem Parkplatz des Freibads West in Erlangen. Ich rätsle noch heute, warum es, wie überall in Bayern, Anfang Juli wieder abgebaut wurde, um dann im September auf dem Großparkplatz wieder zu öffnen. Ich rätsle auch, warum man es erst so spät geschafft hat, Seniorenheime strategisch besser zu schützen.

Hat Enrico Quarantelli Recht?

I ch googelte viel. Wie kann es sein, dass unser hoch entwickeltes System so unvorbereitet war auf dieses Virus? Ich las jahrealte Szenarien, erstellt für die Bundesregierung, die vor genau so einer Pandemie gewarnt - und Vorsorge vorgeschlagen hatten. Und ich landete bei Enrico L. Quarantelli, Pionier der Katastrophensoziologie. Er heißt wirklich so. Der US-Amerikaner, vor drei Jahren im hohen Alter gestorben, erforschte das Sozialverhalten von Menschen in Katastrophengebieten, etwa Hilfsaktionen nach Hurrikan-Stürmen. Die New York Times schrieb in einem Nachruf: Er habe bewiesen, dass das Desaster das Beste im Menschen hervorholt. Quarantellis Wort in Gottes Ohr. Oft sah es im Coronajahr 2020 tatsächlich so aus. Aber manchmal auch nicht. Etwa bei Denunziationen unter Nachbarn oder den wirren Protesten der "Querdenker". Da haben einige den Überblick verloren, trotz - nein, wegen - des Internets.

Viruslast, Maskenpflicht, Laborkapazitäten, Risikogruppen: Die Worte der Pandemie - die Finger finden sie mittlerweile ganz allein auf der Tastatur. Schon lange kann man es eigentlich nicht mehr hören. Corona, Corona, Corona. Wir haben in der Redaktion oft diskutiert. Will es der Leser überhaupt noch wissen? Wie und wann wer warum doch nicht getestet wird? Weshalb und wie das Gesundheitsamt überlastet ist? Sind die Schnelltests schon da? Haben alle Masken? Und dann die Zahlen. Ständig neue Zahlen. Neuinfektionen, Inzidenzen, Tote. Als Reporter ist man froh, wenn man ausnahmsweise mal nicht über das C-Wort schreiben muss. Aber hilft ja nichts. Der nächste Corona-Artikel wartet schon. Kaum ein Thema kommt ohne aus. Schließlich ist ja ständig was, coronabedingt, wie es mittlerweile floskelhaft heißt.

Sheriffs und Verschnaufpausen

I ch hab es noch mal rausgesucht. Am 29. März schickte uns das Polizeipräsidium eine Meldung vom Wochenende. Es habe in ganz Mittelfranken Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkungen gegeben. Soweit so schlecht, Mr. Quarantelli. Ich las weiter und staunte: "Das Niederlassen - auch im Rahmen eines Spaziergangs - auf Wiesen, Parkbänken oder an Seen ist nicht gestattet." Zu unterscheiden sei eine kurze Verschnaufpause, "die die wenigsten Menschen während eines Spaziergangs benötigen werden" mit dem "Genießen der Sonne auf einer Bank".

Skurril: Die Polizei erklärt, was eine Verschnaufpause ist? Schnell schwenkte die Schutzmacht (in persona Innenminister Joachim Herrmann) auf den Pfad des gesunden Menschenverstands ein. Sitzen, alleine, im Freien? Selbstverständlich gehe das. Zum Glück!

Am Pfingstwochenende ging ich auf dem Bergkirchweih-Gelände spazieren. Trist trotz Sonnenschein, wenn man weiß, wie es sonst zu dieser Zeit dort zugeht. Zwei Polizisten schlenderten vorbei. Ich sprach sie an. Söder hatte Lockerungen angekündigt. "Wisst ihr eigentlich genau, was bald gilt?" Sie mussten es ja in ein paar Tagen kontrollieren. Die Antwort war ehrlich: Achselzucken. Wie man die vage formulierten Regeln auslegt? Ermessenssache des jeweiligen Kollegen. Die beiden wirkten in dem Moment nicht besonders zufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Polizisten haben keine beneidenswerte Aufgabe. Noch "systemrelevanter" geht's kaum.

So auch Krankenpfleger. Viele kommen sich nicht heldenhaft vor. "Ich mache nur meinen Job", sagte mir einer. Söder-Bonus? Brauche er nicht. Er wolle schlicht mehr Lohn, weniger Arbeitsbelastung, auch nach Corona. Wir werden sehen, ob es so kommt.

Gegengift in der Konsumbrache

M it dem Sommer kamen bessere Zeiten. Die Bierkeller waren offen. Konzerte und Theater: hier und da, mit Abstand und "Hygienekonzept". Noch so ein schreckliches Wort. Als wäre es vorher schmuddelig gewesen. Auch die Tagesordnungen tauchten wieder auf. Planen, bauen, finanzieren. Massive Geldprobleme drohen, auch dem Sunshine-Landkreis ERH. Das Easy-going der Wirtschaft scheint vorbei. Wo man hinhört: Sorgen. Einzelne nutzten das Virus als Ausrede. Zum Sparen, zum Entlassen. Ist Corona schuld? Oder lief es vorher schon nicht mehr? Manchmal schwer zu sagen.

Und jetzt? Sitzen wir zerfleddert zu Hause, wieder einmal. Ein Lichtblick ist der Impfstoff. Zynisch, dass das Impfzentrum just im leerstehenden Geschäft des insolventen Intersport Eisert in Erlangen eingerichtet wurde. Die Pandemie fegt den stationären Einzelhandel weg, der sowieso zu kämpfen hatte, und wenn es leer ist, kommt wie zum Hohn das Gegengift.

Wie kam es, dass unser System nicht besser vorbereitet war? Diese Frage wird bald einsickern. Und: Was kommt als nächstes? Risikoszenarien, die vor einer Pandemie warnten, kennen noch allerlei andere Ereignisse. "Extrem-Hochwasser aufgrund starker Schneeschmelze in den Mittelgebirgen", lese ich. Ich gehe jetzt, und kaufe mir eine Pumpe. Ach Mist, hat ja alles zu.

Das beschlagene JahrRückblickViruslast, Maskenpflicht, Risikogruppen: Die Worte der Pandemie. Christian Bauriedel blickt auf sein Corona-Jahr als Reporter zurück

D ie Person, der ich zuletzt die Hand geschüttelt habe, war der Landrat. Ich weiß es noch so genau, weil ich mir gleich danach dachte: Ach, soll man ja nicht mehr, Hände schütteln.

Es war der 28. Februar und damit die Zeit, als man sich den Handschlag gerade abgewöhnte. Manchmal denke ich, man müsste üben, damit man es nicht verlernt. Aber meine Frau zu Hause mit  einem Händedruck begrüßen? Wenn sie von nebenan aus dem Heimbüro kommt? Ein gewisser Formalismus schadet nicht. Loriot hätte seinen Spaß gehabt. Da bin ich sicher.

Seit 27 Jahren trage ich eine Brille. Sie hat mich nie gestört. Bis zu diesem Jahr, dem Jahr 2020. Was habe ich geflucht. Anfangs versuchte ich, meine Maske so zu richten, dass die Gläser nicht vom Atem anlaufen. Ich habe es dann aufgegeben und fortan durch Dunst geblickt, wie in einen Nebel, der manches, was weiter weg ist, nur erahnen lässt. Es war ein beschlagenes Jahr.

Das Webasto von ERH

N eben dem Landrat stand damals, es war ein Freitagabend, der OB von Erlangen. Masken gab es zu dieser Zeit noch nicht. Meine Brille: glasklar. Wir standen im Foyer des Landratsamts, kurz vor der "PK Hautarzt", wie es in meinem Terminkalender stand - Pressekonferenz zum Hautarzt, dem ersten bekannten Corona-Fall im Landkreis. Das Webasto von ERH sozusagen. Bei der bayerischen Firma waren am 27. Januar die ersten Coronafälle Deutschlands nachgewiesen worden.

Der Dermatologe der Uniklinik hatte sich eine Woche zuvor auf einer Tagung in München mit dem Virus angesteckt. Aus heutiger Sicht verrückt. Damals wurde für einen Fall noch eine Pressekonferenz angesetzt. Eiligst, wie man in solchen Fällen sagt. Es folgten einige PK. Aber es ebbte ab. Die Pandemie wurde Alltag. Für den Landrat. Für die Bürger. Für mich als Reporter.

Ich weiß noch, wann ich ahnte, dass was kommt. Panik war es nicht, Gelassenheit aber auch nicht. Es war Ende Februar, als ich mich näher mit den Zuständen in Norditalien beschäftigte. Anlass: Der Schüleraustausch des Höchstadter Gymnasiums mit der Partnerschule bei Venedig wurde abgesagt. Die großen Arbeitgeber in ERH ließen bereits seit Ende Januar Geschäftsreisen nur begrenzt zu. Ja, in China, das hatte man verfolgt. Jetzt aber war es näher gekommen, das "neuartige" Coronavirus, wie man noch sagte. Als ich von Bergamo las, schwante mir: Das kommt rüber, über die Alpen, zu uns.

Ich sah Videos mit Straßensperren der Polizei. Da ich in der Verwandtschaft Italiener habe, weiß ich: Ausgangssperre in Italien? Okay. Aber dass die Italiener sich wirklich daran halten? Der Ernst der Lage wurde mir klar.

A ber wie schlimm ist dieses Virus? Ich war mir damals nicht sicher. Manche meiner erfahrenen Kollegen winkten zunächst ab. Gute Journalisten sind skeptische Leute. Es habe schon so viel gegeben. BSE, Vogel-, Schweinegrippe, EHEC. Nie war wirklich was. Jetzt eben Corona. Wir haben es uns in der Redaktion nicht leicht gemacht, aber unsere Podiumsdiskussion mit den Bürgermeisterkandidaten dann abgesagt. Ein paar Tage später waren alle Veranstaltungen verboten.

Ja, heuer war tatsächlich Kommunalwahl. Für einen Lokalreporter eigentlich eine heiße Zeit. Nervöse Kandidaten, Streit, Versprechungen. Da gibt's viel zu tun. Heuer lag alles wie unter Watte, wurde überschattet. Am 15. März machten die Wähler ihre Kreuzchen, tags drauf kam der "Lockdown". Erst sagte man noch Ausgangssperre. Bis man zu differenzieren wusste, was triftig ist - und was nicht.

Als triftiger Grund, das Haus zu verlassen, gilt der Weg zur Arbeit. Als Reporter manchmal schwer zu sagen, wo das ist. Da ist man oft eher der Wandervogel. Heute Kläranlage, morgen Brahms-Konzert. Der Fränkische Tag als Arbeitgeber stellte mir und meinen Kollegen eine Art Passierschein aus. Als Pressevertreter galt man plötzlich als "systemrelevant". Ein schreckliches Wort, weil es viele andere herabsetzt, die nicht darunter eingeordnet werden.

Das Nichts dokumentieren

W as berichtet man, wenn das System plötzlich weitestgehend stillsteht, schockgefrostet ist? Am ersten Wochenende der Kontaktbeschränkungen fuhr ich den Landkreis ab, um Fotos zu machen. Asphaltwüsten prägten das Bild. Leere Straßen, entvölkerte Plätze, freie Parkplatzflächen. Ein paar verhuschte Gestalten. Ach, noch ein Systemrelevanter, dachte ich. Dann machte ich Fotos vom Nichts. Denn das Nichts war die Neuigkeit. Ich fragte mich, wie das eigentlich weiter gehen soll. Brahms-Konzert, das war klar, würde es so schnell keines mehr geben. Und der nächste Planungsausschuss? Alle Pläne: vorerst ausgeschlossen.

Aber es zeigte sich: Da war nicht nichts. Es ging schnell, und die Aktivität der Menschen kam zaghaft zurück. Bunte Stoffe ratterten durch Nähmaschinen, Wohnzimmer wurden Maskenmanufakturen, Einkaufshilfen wurden angeboten, Schnapsbrenner schulten auf Desinfektionsmittel um, Wirte erfanden das "Schäuferla to go".

Am 30. März öffnete das "Drive-in"- Testzentrum auf dem Parkplatz des Freibads West in Erlangen. Ich rätsle noch heute, warum es, wie überall in Bayern, Anfang Juli wieder abgebaut wurde, um dann im September auf dem Großparkplatz wieder zu öffnen. Ich rätsle auch, warum man es erst so spät geschafft hat, Seniorenheime strategisch besser zu schützen.

Hat Enrico Quarantelli Recht?

I ch googelte viel. Wie kann es sein, dass unser hoch entwickeltes System so unvorbereitet war auf dieses Virus? Ich las jahrealte Szenarien, erstellt für die Bundesregierung, die vor genau so einer Pandemie gewarnt - und Vorsorge vorgeschlagen hatten. Und ich landete bei Enrico L. Quarantelli, Pionier der Katastrophensoziologie. Er heißt wirklich so. Der US-Amerikaner, vor drei Jahren im hohen Alter gestorben, erforschte das Sozialverhalten von Menschen in Katastrophengebieten, etwa Hilfsaktionen nach Hurrikan-Stürmen. Die New York Times schrieb in einem Nachruf: Er habe bewiesen, dass das Desaster das Beste im Menschen hervorholt. Quarantellis Wort in Gottes Ohr. Oft sah es im Coronajahr 2020 tatsächlich so aus. Aber manchmal auch nicht. Etwa bei Denunziationen unter Nachbarn oder den wirren Protesten der "Querdenker". Da haben einige den Überblick verloren, trotz - nein, wegen - des Internets.

Viruslast, Maskenpflicht, Laborkapazitäten, Risikogruppen: Die Worte der Pandemie - die Finger finden sie mittlerweile ganz allein auf der Tastatur. Schon lange kann man es eigentlich nicht mehr hören. Corona, Corona, Corona. Wir haben in der Redaktion oft diskutiert. Will es der Leser überhaupt noch wissen? Wie und wann wer warum doch nicht getestet wird? Weshalb und wie das Gesundheitsamt überlastet ist? Sind die Schnelltests schon da? Haben alle Masken? Und dann die Zahlen. Ständig neue Zahlen. Neuinfektionen, Inzidenzen, Tote. Als Reporter ist man froh, wenn man ausnahmsweise mal nicht über das C-Wort schreiben muss. Aber hilft ja nichts. Der nächste Corona-Artikel wartet schon. Kaum ein Thema kommt ohne aus. Schließlich ist ja ständig was, coronabedingt, wie es mittlerweile floskelhaft heißt.

Sheriffs und Verschnaufpausen

I ch hab es noch mal rausgesucht. Am 29. März schickte uns das Polizeipräsidium eine Meldung vom Wochenende. Es habe in ganz Mittelfranken Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkungen gegeben. Soweit so schlecht, Mr. Quarantelli. Ich las weiter und staunte: "Das Niederlassen - auch im Rahmen eines Spaziergangs - auf Wiesen, Parkbänken oder an Seen ist nicht gestattet." Zu unterscheiden sei eine kurze Verschnaufpause, "die die wenigsten Menschen während eines Spaziergangs benötigen werden" mit dem "Genießen der Sonne auf einer Bank".

Skurril: Die Polizei erklärt, was eine Verschnaufpause ist? Schnell schwenkte die Schutzmacht (in persona Innenminister Joachim Herrmann) auf den Pfad des gesunden Menschenverstands ein. Sitzen, alleine, im Freien? Selbstverständlich gehe das. Zum Glück!

Am Pfingstwochenende ging ich auf dem Bergkirchweih-Gelände spazieren. Trist trotz Sonnenschein, wenn man weiß, wie es sonst zu dieser Zeit dort zugeht. Zwei Polizisten schlenderten vorbei. Ich sprach sie an. Söder hatte Lockerungen angekündigt. "Wisst ihr eigentlich genau, was bald gilt?" Sie mussten es ja in ein paar Tagen kontrollieren. Die Antwort war ehrlich: Achselzucken. Wie man die vage formulierten Regeln auslegt? Ermessenssache des jeweiligen Kollegen. Die beiden wirkten in dem Moment nicht besonders zufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Polizisten haben keine beneidenswerte Aufgabe. Noch "systemrelevanter" geht's kaum.

So auch Krankenpfleger. Viele kommen sich nicht heldenhaft vor. "Ich mache nur meinen Job", sagte mir einer. Söder-Bonus? Brauche er nicht. Er wolle schlicht mehr Lohn, weniger Arbeitsbelastung, auch nach Corona. Wir werden sehen, ob es so kommt.

Gegengift in der Konsumbrache

M it dem Sommer kamen bessere Zeiten. Die Bierkeller waren offen. Konzerte und Theater: hier und da, mit Abstand und "Hygienekonzept". Noch so ein schreckliches Wort. Als wäre es vorher schmuddelig gewesen. Auch die Tagesordnungen tauchten wieder auf. Planen, bauen, finanzieren. Massive Geldprobleme drohen, auch dem Sunshine-Landkreis ERH. Das Easy-going der Wirtschaft scheint vorbei. Wo man hinhört: Sorgen. Einzelne nutzten das Virus als Ausrede. Zum Sparen, zum Entlassen. Ist Corona schuld? Oder lief es vorher schon nicht mehr? Manchmal schwer zu sagen.

Und jetzt? Sitzen wir zerfleddert zu Hause, wieder einmal. Ein Lichtblick ist der Impfstoff. Zynisch, dass das Impfzentrum just im leerstehenden Geschäft des insolventen Intersport Eisert in Erlangen eingerichtet wurde. Die Pandemie fegt den stationären Einzelhandel weg, der sowieso zu kämpfen hatte, und wenn es leer ist, kommt wie zum Hohn das Gegengift.

Wie kam es, dass unser System nicht besser vorbereitet war? Diese Frage wird bald einsickern. Und: Was kommt als nächstes? Risikoszenarien, die vor einer Pandemie warnten, kennen noch allerlei andere Ereignisse. "Extrem-Hochwasser aufgrund starker Schneeschmelze in den Mittelgebirgen", lese ich. Ich gehe jetzt, und kaufe mir eine Pumpe. Ach Mist, hat ja alles zu.