Es ist ein Thema, das nicht zur Kirchweihromantik von friedlich feiernden Menschen passt: Belästigungen, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Abseits der Unterhaltungsmaschine Bergkirchweih, oft in den späteren Abendstunden, machen manche Frauen und Mädchen schlimme Erfahrungen.

"Es ist ein brennendes Thema. Weil auf der Bergkerwa die Hemmungen wegfallen", sagt Claudia Siegritz. Sie ist beim Erlanger Verein "Notruf und Beratung für vergewaltigte Mädchen und Frauen" tätig. Sie kennt die Geschichten, die ihr die meist weiblichen Opfer von sexueller Gewalt rund um den Berg erzählen. Es seien nicht die zwölf Tage, an denen sich die Frauen melden. Erst einige Zeit danach, manchmal erst ein halbes Jahr später hätten sie den Mut, die Notfallhotline zu wählen.

Vergewaltigungen direkt auf dem Festgelände seien ohnehin eine Ausnahme. "Wenn sich Frauen an der Bierbank mit jemandem anfreunden, kommt ja oft die Frage: Willst du mit zu mir kommen?" Häufiger komme es vor, dass die Tat dann zu Hause passiert, sagt Siegritz.

Der Berg sei Pflaster aller möglicher sexueller Delikte. Neulich habe sie von einer jungen Studentin gehört, dass sie aus der Masse plötzlich von hinten umarmt und ungewollt abgeküsst wurde. "Auf der Bergkirchweih passieren so viele Dinge. Küssen, Antatschen, an den Po fassen. Oder auch die Sprüche: ,Komm mal her. Du bist aber eine Süße'", zählt Siegritz auf. Die Hemmschwelle liege wegen dem Alkoholkonsum extrem niedrig.

Modell "Sicherer After-Berg"
Im März hatte die Erlanger SPD-Stadtratsfraktion eine "Rettungsinsel für Mädchen auf dem Berg" vorgeschlagen. Vorbild ist das Konzept "Sichere Wiesn" auf dem Oktoberfest. Dabei handelt es sich um eine Anlaufstation für Frauen, die bedrängt werden oder sich unsicher fühlen. Ein Modell "Sicherer After-Berg" solle vor allem die Nachfeiern in der Stadt ins Auge fassen. Als Anlass nimmt die SPD-Fraktion polizeilich bekannt gewordene sexuelle Übergriffe im Jahr 2012. Von der Vergewaltigung einer Jugendlichen berichtete die Polizei 2013. Ort der Tat war damals der Schützenweg, gar nicht weit von der Bergwache.

Drei bis vier Fälle heuer
"Eine solche Rettungsinsel kann hilfreich sein, die Polizeiarbeit zu unterstützen", sagt Erlangens Polizeichef Adolf Blöchl. Er betont aber, dass man den Berg nicht mit dem Oktoberfest vergleichen könne. "Die Fälle von sexuellen Delikten können wir an einer Hand abzählen." Allerdings habe es heuer schon drei bis vier Fälle gegeben. Dabei habe es sich nicht um "vollzogene" Vergewaltigungen gehandelt, fügt Polizeihauptkomissar Christian Daut hinzu. Die Ermittlungen würden noch laufen, ob es sich "tatsächlich um sexuelle Straftaten handelt".

Belästigung, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung: Für die Polizei ist es oft schwer, einzuschätzen, was genau passiert ist. Gerade angesichts des teils extremen Alkoholkonsums. Dazu komme der schwammige Begriff "im Einvernehmen", mit dem es die Polizei zu tun habe, so Daut. Das Hauptproblem liege in der Dunkelziffer, sagt Polizeichef Blöchl. "Letztes Jahr hatten wir kein einziges polizeibekanntes Sexualdelikt." Polizeibekannt sei hier der Knackpunkt. Solange nichts angezeigt wird, könne die Polizei nicht aktiv werden.

Erlangens OB Florian Janik (SPD) sieht das Ziel einer Rettungsinsel darin, Licht ins Dunkel zu bringen. Er betont, dass der Berg immer sicherer werde. Dennoch dürfe man nicht die Augen verschließen: "Wir kennen die Zahlen von anderen Festen. Es wäre überraschend, wenn es das bei uns nicht gäbe."

Anlaufstation soll es 2016 geben
Anstatt auf dem Festgelände hält Janik eine Anlaufstation in der Stadt, nahe den "After-Berg"-Feiern für sinnvoller. Der Rettungsinsel-Antrag seiner Fraktion sei heuer nicht umgesetzt worden, da zwei Monate Planung zu kurz gewesen seien. Für nächstes Jahr stellt er ein Schutzprogramm in Aussicht: "Wir setzen uns mit dem Notrufverein und dem Frauenhaus zusammen. Wir brauchen etwas, das den Betroffenen wirklich hilft."