Nina Schunkowa weiß, was Russen vermissen, wenn sie nicht gerade in Russland sind: "Kondensmilch", sagt sie wie aus der Pistole geschossen. "Und Eis." Die 51-Jährige betreibt einen Supermarkt, der sich auf russische Produkte spezialisiert hat. Aber auch Trockenquark aus Litauen, Hefegebäck aus Kasachstan oder rumänische Presswurst findet man im Laden in der Dorfstraße in Erlangen-Büchenbach.

Kommt man rein, ist auf den ersten Blick alles, wie in jedem Supermarkt. Da die Cola, hier die Konserven, hinten das Kühlregal. Bekannte deutsche Marken fallen ins Auge. Doch sieht man genauer hin, stehen dazwischen immer wieder Packungen mit kyrillischer Aufschrift. "Das hier ist typisch russisch", sagt Schunkowa. "Das ist Mischka Kosolapij, das sind die berühmten Pralinen mit dem Bären. Die kennt in Russland jedes Kind."


70 verschiedene Sorten Konfekt

Während der Reporter noch damit beschäftigt ist, die komplizierte Aussprache aufs Papier zu bringen, ist Schunkowa schon bei den Rotkäppchen-Bonbons, auf Russisch: Krasnaja Schapotschka. "Die Russen lieben Süßigkeiten", sagt die Ladenbesitzerin. Angesichts des Regals vor dem sie gerade steht, kommt daran auch kein Zweifel auf. Nahezu 70 verschiedene Sorten Konfekt sind in knallbuntem Glanzpapier verpackt.

Wenn Russen gerade keine Bonbons essen, dann wohl Sonnenblumenkerne. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, in Anbetracht der beiden großen Kisten, aus denen man sich die Kerne in Tüten schaufeln kann. "Die muss man sich aber noch anrösten, damit es typisch russisch ist", sagt Schunkowa. Ähnlich wie in Südeuropa sind die Kerne eine beliebte Knabberei.


Die russische Kringel-Vielfalt

Oder man greift gleich zu den Kringeln. Und das scheint in Russland eine kleine Wissenschaft zu sein. Sie heißen Suschki, Baranki oder Bubliki. Dabei handelt es sich um traditionelles kreisförmiges Gebäck mit Loch in der Mitte. Das gibt es in verschiedensten Größen und Geschmacksvarianten. "Die hier sind gut für ältere Leute. Sie sind etwas weicher", sagt Schunkowa.

Die Kringel seien eines der wenigen Produkte, die wegen der Ukrainekrise teilweise schwer zu bekommen waren. Aber eigentlich auch nur spezielle Kringel, sagt Schunkowa. Die in Donezk hergestellt wurden und wegen dem Krieg dort momentan nicht produziert werden.

Von den EU-Sanktionen gegen Russland spüre sie gar nichts: "Ich kriege alles." Egal ob Sprotten in Öl oder ein Dutzend verschieden eingelegter Tomaten, Kefir, Fertigsuppen, Bier und nicht zu vergessen: der Wodka. Alles russisch. Nur Standardprodukte wie Mehl und Butter seien nicht importiert. Das sei ja dann wirklich überall gleich.

Insgesamt 820 Russlandstämmige leben im Landkreis Erlangen-Höchstadt. In Erlangen sind es um die 2000 Personen. Dazu kommen noch die Menschen, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und deren damaligen Satellitenstaaten stammen. Im Landkreis gibt es etwa 1300 Menschen mit polnischen oder rund 3000 mit rumänischen Wurzeln. Die Kundschaft gibt es für einen spezialisiert osteuropäischen Supermarkt.


Laden in Herzogenaurach

Nina Schunkowa stammt aus Kasachstan und ist vor 20 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist eine sogenannte Kasachstandeutsche. Opa, Oma, Urgroßeltern: In ihrer Familie in Kasachstan waren alle Deutsche. Als sie im Alter von 30 Jahren nach Deutschland gekommen war, arbeitete sie zunächst in einem Edeka-Supermarkt in Kitzingen. 1997 hat sie sich mit einem eigenen Laden in Herzogenaurach selbstständig gemacht. 2002 ist sie nach Erlangen-Bruck umgezogen.
Seit fünf Jahren ist sie jetzt in Büchenbach. "Hier leben viele Russischstämmige. Aber ein Großteil unserer Kunden sind gar keine Russen", sagt Schunkowa. Nur rund ein Drittel der Kunden käme aus Osteuropa. Unter den Deutschen, die einkaufen, seien viele, die mal etwas Neues ausprobieren wollen. Aber auch viele, die in der DDR aufgewachsen sind. Dort gab es etliche russische Produkte zu kaufen.

Ein bisschen Nostalgie ist manchmal also auch dabei. Zum Beispiel bei Sowetskoe: "Das ist ein Schoko-Vanille-Eis, das es so schon seit Jahrzehnten gibt." Oder bei den Hematogenas, einem weiteren Klassiker, den es schon zu Zeiten der Sowjetunion gegeben hat. Dabei handelt es sich um einen Riegel aus Karamell, dem abergläubische Russen eine heilende Wirkung nachsagen, erzählt Schunkowa.


Gut für die Gesundheit

"Früher hat man gesagt, es sei gut für die Gesundheit, gerade bei Kindern." Nach einer Kostprobe des extrem süßen und zähen Karamells mag man das kaum glauben. Dass in Russland früher die Legende umging, in Hematogenas sei ein Quäntchen Bärenblut verarbeitet, lässt dann doch schon eher an die medizinischen Kräfte des Riegels glauben.

Beim Anblick des Warenangebots für Exilrussen kommt einem zwangsläufig die Frage: Was würde ein Franke vermissen, wenn er auswandern würde? Einige sicherlich das Bier. Andere vielleicht einfache Dinge wie Schwarzbrot. Oder Spezielleres wie Soßenlebkuchen für den Sauerbraten.

In Büchenbach ist eine ganze Kühltheke für Wurst und Fleisch aus Russland reserviert. Die Waren kommen von einem europaweit liefernden Großhändler mit Sitz in Roth. Aber ist der russische Speck wirklich so anders? "Ja, glauben Sie mir", sagt sie. In Russland gehöre der Speck zum Nationalgericht Borschtsch, dem berühmten Rote-Beete-Eintopf, einfach dazu. Oder eine Essiggurke. "Auch etwas wirklich typisch Russisches", sagt Schunkowa. Bei ihr gibt es sie an der Theke selbst eingelegt.


Schmand aus dem Heimatland

Wer gerne mal etwas echt Russisches kochen möchte, für den hat Schunkowa einen Tipp: Pelmeni. Die kleinen, ursprünglich aus Sibirien stammenden Teigtaschen erinnern etwas an Tortellini. Sie sind gefüllt mit Fleisch. "Früher hat sich die ganze Familie zusammen hingesetzt und hat Pelmeni gemacht", erinnert sich Nina Schunkowa. Heute kauft man sie wegen des Aufwands eher tiefgekühlt. Dazu esse man am besten Schmand. Und, na klar, am besten den russischen.

Was, genauso bei der eingangs erwähnten russischen Kondensmilch, die Frage aufwirft, ob nicht auch ein psychologischer Effekt dabei ist. Ganz nach dem Motto: russisches Etikett, besserer Schmand. "Da ist was dran", sagt Nina Schunkowa und hält gerade einen Becher in der Hand. "Aber er schmeckt wirklich ein bisschen anders."