Der SPD-Politiker Eberhard Irlinger war von 2002 bis 2014 Landrat des Landkreises Erlangen-Höchstadt und zuvor von 1991 bis 2002 Landtagsabgeordneter. Im Gespräch mit dem Fränkischen Tag blickt er auf seine Amtszeit und seine politischen Anfänge zurück.

Herr Irlinger, erzählen Sie doch zu Beginn etwas über Ihre schulische Entwicklung.

Eberhard Irlinger: Ich bin in Freilassing in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Das Abitur habe ich in Traunstein gemacht. Nach dem Studium des Lehramtes für Volksschulen in München kam ich über mehrere Planstellen im Landkreis 1977 nach Höchstadt.

Wann ist Ihr politisches Engagement entstanden?

Ich habe mich zehn Jahre lang in der evangelischen Jugend engagiert. Wertorientiertes Gemeinschaftsleben und vielfältige Lebenserfahrungen als junger Mensch waren dort die Grundlage für mein politisches Denken und Handeln. Ebenso wie mein sozialdemokratisches Elternhaus und das Erleben des Strukturkonservatismus in der Schulverwaltung und persönlicher Umgebung.

Wann sind Sie in die SPD eingetreten?

Am 1. Januar 1970 wurde ich Mitglied der SPD in Höchstadt und schnell in verantwortliche Positionen gewählt. Von 1973 bis 2003 war ich Kreisvorsitzender.

Wie würden Sie die damalige politische Situation in Höchstadt beschreiben?

Die CSU hatte im Stadtrat die absolute Mehrheit und blockierte die SPD-Initiativen.

Was wurde politisch in Höchstadt erreicht?

Es gelang durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit, Leidenschaft, Kompetenz, Kümmern und vertrauensbildende Bürgernähe, zur politischen Alternative zu werden, ergänzt durch intensives ehrenamtliches Engagement. Mit dem Verein "Mehr Platz für Kinder", den ich viele Jahre geleitet habe, entstand in Höchstadt-Süd der Aktivspielplatz. Eltern und Kinder konnten in der Stadt durch den Verein ein breites familienfreundliches Angebot und ein beispielloses Ferienprogramm nutzen.

Wie sind Sie Landtagsabgeordneter geworden?

Als die damalige SPD-Landtagabgeordnete Ursula Pausch-Gruber mitteilte, dass sie nicht mehr kandidieren werde, bewarb ich mich erfolgreich um die Kandidatur und wurde dreimal über die Liste in den Bayerischen Landtag gewählt.

Beschreiben Sie doch bitte die Situation im damaligen Münchner Landtag.

Im Landtag habe ich mich als bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion engagiert, oft gemeinsam mit Lehrer- und Elternverbänden. Für durchgehende Ganztagesschulangebote, für dauerhaft neun gymnasiale Schuljahre, für eine längere gemeinsame Schulzeit, eine pädagogischere Lehrerausbildung und mehr Bildungsgerechtigkeit. Als einziger Kinderbeauftragter in den damaligen Landtagen war für meine politische Aktivität die UN-Kinderrechtskonvention (1989) ein zentrales Anliegen: Anträge im Parlament, in Foren sowie viele Gespräche im In- und Ausland waren Bestandteil der politischen Arbeit. Inhaltliche Schwerpunkte waren: Kindergrundrechte ins Grundgesetz, keine Gewalt gegenüber Kindern, Kinderarmut, Senkung des Wahlalters und ökologische Kinderrechte. Viele Forderungen sind noch nicht erfüllt. Leider wurden viele Forderungen der SPD von der CSU-Mehrheit abgelehnt.

Was waren Ihre Ziele als Landrat?

Ich habe das Amt angestrebt, weil ich hier meine politischen Ideen umsetzen wollte. 2002 wurde ich gewählt, ebenso 2008. Aus Altersgründen war 2014 eine Wiederwahl nicht möglich. Leitziele waren für mich: Menschlichkeit, Respekt, Nähe zu den Bürgern, Offenheit nach innen und außen, Kümmern um alle sowie umfassendes Engagement. In einem Glückwunschwort zu meinem 75. Geburtstag hieß es: "Sie haben die Modernisierung des Landkreises weiterentwickelt und für die Zukunft gut und neu aufgestellt. Zu nennen sind Schulen, Verkehr, demografischer Wandel, Krankenhaus, Soziales, aber auch Regionalmanagement, Energiemanagement, Öffnung des Amtes für gesellschaftspolitische Aktivitäten und natürlich den Neubau des Landratsamtes. Sie waren die treibende Kraft." Zwei besondere Ereignisse sind zudem in Erinnerung geblieben: der Sturzregen in Baiersdorf und die Vogelgrippe.

Warum sind Sie 2014 aus der SPD ausgetreten?

Ich sehe den Austritt heute als Fehler. Es gab Ärger mit der Partei und Fraktion. Ich war und blieb hundertprozentiger SPDler und bin 2017 wieder eingetreten.

Die Tibetfahne wurde jährlich am Landratsamt aufgehängt. Weshalb?

Ein Beispiel für leider viele auf der Welt: Ein Volk wird von einer Diktatur unterdrückt und will Selbstbestimmung.

Was bewegt Sie bei der Betrachtung der aktuellen politischen Situation?

Es gibt viele Gründe für die Misere der SPD. Als Hauptgrund sehe ich: Die SPD versäumt seit langem, zu erklären, warum es im 21. Jahrhundert Sozialdemokratie braucht. Dabei liegen die Themen offen: mehr Gerechtigkeit, Bildung, Digitalisierung, unsoziale Finanzstrukturen, Klimawandel, Wohnen, Verkehr, Migration, Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft.

Wir erinnern Sie nun an vier Politiker. Michail Gorbatschow, Willy Brandt, Franz-Josef Strauß und Andreas Stark: Was fällt Ihnen spontan zu diesen Persönlichkeiten ein?

Michail Gorbatschow hat die Welt positiv verändert und wesentlich zur Wiedervereinigung beigetragen. Willy Brandt war ein Vorbild für Politiker und Politikerinnen. Sein Leitmotiv "Mehr Demokratie wagen" muss heute noch Ansporn sein. Seine Ostpolitik half der Aussöhnung und dem Frieden. Franz-Josef Strauß war ein erzkonservativer, antiliberaler Politiker. Er hat die CSU vorangebracht. Zu Andreas Stark: ein streitbarer Politiker, sozial engagiert.

Zum Abschluss noch etwas ganz anderes: Ihre ehemalige Lieblingsspeise?

In einer Saison von September bis April 113 gebackene Karpfen!

Das Gespräch führte Klaus Strienz.