Nach fast 300 Jahren dürfen die Glocken im Kirchturm der Trinitatiskirche in der Nacht nicht mehr schlagen. Im Juli hat der zwölfköpfige Kirchenvorstand beschlossen, die Zeitschläge zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh einzustellen. Der Entscheidung war die Anfrage eines Anwohners aus einem Neubaugebiet vorausgegangen. Rainhard Kramer, der gemeinsam mit seiner Frau Cornelia in unmittelbarer Nähe der Kirche wohnt, hat kein Verständnis für den Beschluss. Aus diesem Grund hat er mehrmals das Gespräch mit dem Kirchenvorstand der Kirchengemeinde im Lautertal und Pfarrer Ronald Henke gesucht. Schließlich hat er sich mit einem Brief an unsere Zeitung gewandt.

Zunächst war dem 64-Jährigen gar nicht aufgefallen, dass die Glocken nachts nicht mehr schlagen. "Ein Nachbar hat mich im Gespräch darauf hingewiesen. Danach habe ich mir Gedanken darüber gemacht, für was die Glocken eigentlich da sind und früher da waren", sagt Rainhard Kramer. Wie er findet, ist der Glockenschlag mehr als nur eine Zeitansage. "Der Nachtschlag ist ein Relikt von früher. Seit der Weihung der Kirche läuten die Glocken."

Eine Entscheidung für eine Minderheit

Dass eine einzige Anfrage der Auslöser dafür ist, das Nachtläuten komplett einzustellen, kann Rainhard Kramer nicht nachvollziehen. "Ich kann mir vorstellen, dass die Aufgaben des Kirchenvorstands nicht immer leicht sind, aber in diesem Fall wurde eine Entscheidung für eine Minderheit und nicht für die Mehrheit getroffen. Das hat mit Demokratie nichts zu tun", sagt er. Seine Frau Cornelia hätte auf mehr Rückhalt durch den Kirchenvorstand gehofft. "Ich hätte mir gewünscht, dass sich der Kirchenvorstand für das Läuten einsetzt anstatt sich wegzuducken."

Abgesehen von einigen Unterbrechungen hat Rainhard Kramer schon immer in seinem Elternhaus in Unterlauter gewohnt. "Die Glocken haben an meiner Taufe, meiner Konfirmation und auch an unserer Hochzeit geläutet", sagt der Rentner, der den Kirchturm durch sein Schlafzimmerfenster sehen kann. Im Sommer bleibt das Fenster in der Nacht durchgängig geöffnet. "Wir können trotz des Glockenschlags schlafen. Der Klang ist nicht unangenehm, ich empfinde ihn als wohlklingend", sagt Cornelia Kramer. Sie und ihr Mann sind der Ansicht, dass man sich vor dem Umzug genau über die örtlichen Gegebenheiten informieren sollte. "Ich kann mir auch nicht in München eine Wohnung kaufen und mich dann über den Straßenlärm beschweren", sagt Rainhard Kramer.

Nachdem das Nachtschlagen eingestellt wurde, hat Rainhard Kramer unter anderem vorgeschlagen, dass die Glocken statt zu jeder vierteln Stunde nur noch halbstündig oder zur vollen Stunde schlagen könnten. Das war technisch nicht umsetzbar. "Man könnte zumindest schon um fünf Uhr anfangen. Dann ist die Nacht schließlich rum."

Diskussion im Kirchenvorstand

Die Anfrage des Anwohners hat der Vorstand der Kirchengemeinde im Lautertal zum Anlass genommen, über das nächtliche Zeitschlagen zu diskutieren. "Wir wollten es nicht nur einstellen, weil jemand es nicht gerne hört, sondern haben überlegt was es bedeutet und was Sinn macht", sagt Pfarrer Ronald Henke. Dabei wurden zwei Möglichkeiten erarbeitet, wie das Läuten eingestuft werden könne. "Auf der einen Seite kann das viertelstündige Glockenschlagen daran erinnern, dass Gott da ist. Auf der anderen Seite, könnte es ein Zeichen sein, dass er uns Ruhezeiten zum Erholen gibt, wenn die Glocken nicht läuten."

Eine grundsätzliche Frage ist es Henkes Einschätzung nach, was die Leute mit dem Nachtschlagen verbinden. "Wer etwas Gutes damit verbindet und nachts nicht schlafen kann erinnert sich daran, dass Gott da ist und Friede ist. Man könnte aber auch sagen, dass das Nachtschlagen nur eine angestellte Automatik ist, die läuft, weil man noch nicht darüber nachgedacht hat", gibt Henke zu Bedenken. Ein Argument dafür, den Nachtschlag beizubehalten sei die Tradition. Das Schlagwerk ist seit deren Bau um 1740 fester Bestandteil der Kirche. Es sei verständlich, dass die alteingesessenen Bewohner Unterlauters das Nachtschlagen vermissen.

Wie das Evangelisch-Lutherische Dekanat Coburg mitteilte, sind keine weiteren Fälle bekannt, in denen das Nachtschlagen infolge einer Beschwerde eingestellt wurde. Dass die Glocken in der Heiligkreuzkirche nicht mehr läuten, ist auf bauliche Mängel zurückzuführen.

Coburger Kirchengemeinde diskutiert über Nachtschlagen

Vor einem Jahr war die Glocke der Johanneskirche Coburg für ein paar Monate ausgefallen. Die Elektronik war defekt. "Seit es im Frühjahr wieder läutet, hat uns beides erreicht. Einigen Leuten ist das Läuten als störend aufgefallen, andere finden es toll", sagt Veit Röger, der seit drei Jahren Pfarrer der Gemeinde ist. Die Rückmeldungen der Gemeindemitglieder gingen vor allem auf den Nachtschlag und abhängig von der Wohnlage auf dessen Lautstärke zurück.

Jeder soll sich äußern können

Um allen Mitgliedern der Kirchengemeinde die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern, wird es im Dezember ein Gesprächsangebot geben. "Wir haben uns mit dem Thema befasst und wollen gemeinsam überlegen, was möglich ist", sagt Röger. Grundsätzlich werde natürlich am Geläut festgehalten, in Stein gemeißelt sei aber nichts. "Das Läuten ist eine schöne Tradition, aber wir werden trotzdem gucken, was möglich ist. Wenn sich jemand massiv gestört fühlt, wollen wir das ernst nehmen." Je nachdem, was sich beim gemeinsamen Gespräch herausstellt, sollen Lösungsansätze erarbeitet werden. "Wenn es an der Wohnlage liegt, dass der Nachtschlag stört, könnte man zum Beispiel die Lautstärke ändern." Natürlich könnte auch grundsätzlich über den Nachtschlag diskutiert werden. Generell ist es Röger wichtig, dass jeder gehört wird. "Wir müssen uns überlegen, wie wir das für alle hinbekommen. Wir treffen keine reine Mehrheitsentscheidung, sondern nehmen die Bedürfnisse aller wahr."