Zehn Jahre Jobcenter Coburg: Bei einem Pressegespräch zogen am Dienstag Coburgs Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD) als Vorsitzender der Trägerversammlung, seine Stellvertreterin Brigitte Glos (Agentur für Arbeit), Geschäftsführer Frank Bittel und dessen Stellvertreter René Sauer Bilanz.

Mit dem Start der neuen Institution waren zum 1. Januar 2005, wie im Sozialgesetzbuch II (SGB II) gefordert, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammengelegt worden. Für Thomas Nowak ist das Jobcenter eine "Erfolgsgeschichte", die sich in Zahlen belegen lässt: Waren im Jahr 2005 noch durchschnittlich 1879 Arbeitslose nach SGB II (Hartz IV-Empfänger) im Zuständigkeitsbereich des Coburger Jobcenters verzeichnet worden, so sank diese Zahl 2014 auf durchschnittlich 812 Arbeitslose. Dies bedeute einen Rückgang um 57 Prozent, rechnete Nowak vor.
Bei den unter 25-Jährigen fällt die Bilanz noch besser aus: Hier ging die Zahl der Arbeitslosen um 73 Prozent zurück. Nimmt man die Arbeitslosen nach SGB II und III zusammen, beträgt der Rückgang seit 2005 rund 60 Prozent (2014: 1283 Personen).

Drei Gruppen stehen besonders im Fokus

Trotz der starken Bilanz bleibe es die schwierige Hauptaufgabe, Personen zu vermitteln, die länger als ein Jahr ohne Beschäftigungsverhältnis waren. Um die tendenziell rückläufige Zahl von aktuell über 2100 Langzeitarbeitslosen im Jahresschnitt zukünftig weiter zu senken, stehen die über 50-Jährigen, Alleinerziehende (wegen schwieriger Rahmenbedingungen) und Schwerbehinderte besonders im Fokus. Als Jobcenter der mittleren Größe mit aktuell 50 Mitarbeitern und 1500 betreuten "Bedarfsgemeinschaften" (Alleinerziehende und Familien mit Kindern) habe sich die Coburger Einrichtung vorgenommen, "individuelle und passgenaue Möglichkeiten" zu schaffen, um ihre Kunden wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, wie Nowak meinte. Dazu sollen auch Möglichkeiten der externen Finanzierung, etwa über den Europäischen Sozialfonds, dienen.

Hund hielt vom Arbeiten ab

"Geschichten verlaufen positiv, wenn es uns gelingt zu erkennen, was Menschen am Arbeiten hindert", berichtete Brigitte Glos. Es komme zudem darauf an, was der Einzelne erreichen wolle. Die stellvertretende Vorsitzende der Trägerversammlung erinnerte sich an den Fall eines Alleinstehenden, der nach erfolgreicher Vermittlung immer schnell den neuen Job wieder hinwarf. Bis eine Lösung für seinen Hund gefunden wurde. Dieser hatte den vorher Arbeitslosen immer so traurig angeschaut, wenn er zur Arbeit ging, sodass er es nicht übers Herz brachte, ihn auf Dauer tagsüber allein zu lassen. "Nie aufgeben" empfiehlt Bittel allen Betroffenen, auch wenn rund 700 Personen (inklusive etlicher "Aufstocker") bereits seit Start des Jobcenters dabei sind: "Für uns ist es immer erfreulich, wenn wir doch noch Arbeit für einen Kunden finden, von dem wir es nicht erwartet hätten." Ziel bleibe die langfristige und dauerhafte Integration von Langzeitarbeitslosen. Bei ihnen müsse man sicherlich "an vielen Stellschrauben drehen", meinte Nowak.

Um die Einzelschicksale mit besonderen finanziellen, persönlichen oder psychischen Belastungen kümmern sich die Mitarbeiter des "Fallmanagements": Zusammen mit den Netzwerkpartnern (u.a. sozial-karitative Einrichtungen) versuchen diese Betreuer, die Betroffenen wieder individuell auf den Arbeitsmarkt zu bringen. In dieser unkomplizierten Zusammenarbeit zum Wohle "kleinteiliger Lösungen" sieht der Geschäftsführer die größte Leistung des Jobcenters.

Suchtkranke sorgen manchmal für brenzlige Situationen

Gefährliche Situationen ergäben sich nur, wenn Suchtprobleme im Spiel sind, berichtete Glos: "Wenn ein Suchtproblem in Aggression umschlägt, ist es für den Mitarbeiter nicht händelbar", sagte sie. Bisher kann sich Sauer, der Mitarbeiter der ersten Stunde, aber lediglich an Sachbeschädigungen erinnern. In solch gravierenden Fällen sprechen die Verantwortlichen ein Hausverbot aus. "Mit dem Großteil unserer Kunden kann man vernünftig arbeiten", sagt Bittel.

Dass Arbeitslose durch das Jobcenter leichter in den Arbeitsmarkt integriert werden können, berge auch den Nachteil, dass mehr Menschen in instabilen Verhältnissen lebten, verhehlte Glos nicht: "Doch bevor Menschen ganz vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, ist mir diese Lösung lieber". Es solle eben nicht gelten, dass immer arbeitslos bleibe, wer einmal arbeitslos war. Nowak wies darauf hin, dass Arbeitsplätze einen Standortfaktor darstellten: "Dass Coburg 2015 noch immer 41.000 Einwohner hat, anstelle der prognostizierten 39.000, hat auch mit Arbeitsplätzen und deren Rahmenbedingungen zu tun." Neue Chancen böten hier Flüchtlinge, die man nicht besser integrieren könne als über gesellschaftliche Kontakte und Einbindung ins Arbeitsleben. Besonders die Syrer, die ein Viertel der aktuell 280 Flüchtlinge in Coburg stellen, seien "hochmotiviert" und drängten nach raschem Erhalt von Aufenthaltserlaubnis und Arbeitsberechtigung auf den Arbeitsmarkt. Unbegleitete Flüchtlinge könnten zudem den Lehrstellenmarkt beleben. Zunächst müssten die Flüchtlinge aber Deutsch lernen.

Mindestlohn zeigt keine Auswirkungen

Der seit Januar geltende Mindestlohn hat bisher keine Auswirkungen gezeigt, darin waren sich alle Gesprächspartner auf Nachfrage einig. "Er hat aber auch keine höhere Arbeitslosigkeit bedingt", kommentierte die Leiterin der Agentur für Arbeit. Und Bittel vermutet, dass ein Großteil der Jobcenter-Kunden trotz der neuen Regelung "nicht aus der Grundsicherung herausfallen wird".

Nach zehn Jahren, darin stimmten alle Brigitte Glos zu, haben sich das Ringen um die richtigen Lösungen und das umfassende Betreuen trotz aller anfänglichen Skepsis bei beiden Partnern bewährt. "Inzwischen diskutieren wir längst über das Beste für unsere Kunden statt über die beste Organisation", sagte Glos.