Die "Woche der Brüderlichkeit" ist am Sonntag in der Coburger St.-Nikolaus-Kapelle am Coburger Rosengarten mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet worden. "Brüderlichkeit werden wir im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen, einer beängstigenden demografischen Entwicklung und ihrer fatalen Folgen in Zukunft einmal mehr üben müssen", sagte der Schirmherr, Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD), in seiner Rede.
Mit Blick auf das Internetzeitalter warnte Tessmer vor dem Phänomen "postfaktische politische Kultur". Im gesellschaftlichen Diskurs gebe es viel Unfug und vorsätzlich verbreitete Unwahrheiten. Tessmer: "Daraus entstehen unkalkulierbare Stimmungen, Vorurteile und politische Tendenzen."

Der Oberbürgermeister nahm Bezug auf das Thema der "Woche der Brüderlichkeit" 2017. Es lautet: "Nun gehe hin und lerne!" Das Zitat stammt vom jüdischen Schriftgelehrten und Rabbiner Hillel, dessen Lebensdaten mit 110 vor Christus und 9 nach Christus angegeben werden. Hillel habe das Wesen, die Kernaussage der jüdischen Religion, in etwa so zusammengefasst: "Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Lehre, und alles andere ist Erläuterung." Das Motto entfalte sich im Doppelgebot der Liebe des Neuen Testaments. Diese Goldene Regel finde sich auch im Denken des Philosophen Immanuel Kant, sagte Tessmer.
Es bedeute, nicht in alten Denkmustern zu verharren, sondern offen zu sein und neu zu denken und zu lernen, so Tessmer. "Auch im Gespräch zwischen Juden, Christen und anhängern anderer Glaubensrichtungen genügt es nicht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen, sondern in vertrauensvollem und respektvollem Umgang miteinander und voneinander zu lernen", fuhr der Oberbürgermeister fort. In einer zivilisierten Gesellschaft müsse es um ethisches Verhalten, Respekt und Wertschätzung mit dem anderen gehen."
Der evangelische Dekan Stefan Kirchberger fand im Kapitel 12 des Markusevangelium (Verse 28ff) eine Entsprechung zu Hillels Dialog, und zwar in einem Gespräch Jesu mit einem Schriftgelehrten. Es gehe um Nächstenliebe.


Schindler zeigte Nächstenliebe

Dabei erinnerte Kirchberger an Oskar Schindler, oberflächlich betrachtet zunächst ein Lebemann, ein Kriegsgewinnler, ein Profiteur. Schindler habe mit seinem schillernden Charakter genau das Richtige getan. "Gott traut uns Taten der Nächstenliebe zu", sagte Dekan Kirchberger.

Die "Woche der Brüderlichkeit" wird in Deutschland seit 1952 begangen. Sie soll nach den Erfahrungen der NS-Gewaltherrschaft und des Holocaust das Miteinander von Juden und Christen in Deutschland fördern. In manchen Städten sind inzwischen auch Moslems in die Veranstaltungen mit einbezogen. Bei der zentralen Eröffnungsfeier am Sonntagvormittag in der Frankfurter Paulskirche wurde die "Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden" mit der Buber-Rosenzweig-Medaille 2017 ausgzeichnet. Die Medaille wird seit 1968 vergeben. Sie ist benannt nach den jüdischen Philospophen Martin Buber und Franz Rosenzweig.